Für Schweizer heissts jetzt: Ab in den Deutschkurs

In der Schule, im Büro, auf Social Media – Rechtschreibung und Grammatik sind uns egal geworden. Das geht so nicht.

Fahrradverleih: Ist hier alles verloren, bevor es begonnen hat? Foto: Imago Images

Fahrradverleih: Ist hier alles verloren, bevor es begonnen hat? Foto: Imago Images

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Sie begegnen einem überall. In der Bäckerei gibt es Kaffee «zum mitnehmen», auf der Strasse heisse «Maroni’s», im Sportgeschäft «Ski zu Vermieten», auf dem Ortsschild heisst es «Herzlich Willkommen». Vieles wird so häufig falsch geschrieben, dass man meinen könnte, es sei richtig. Der Anwalt verteilt die Kommas nach dem Zufallsprinzip und streut Formulierungen ein, die auch mit der Ausrede, das sei halt Juristendeutsch, nicht zu rechtfertigen sind. Die Versicherung schreibt ein Wort dreimal anders, aber keinmal richtig.

Kommt einem noch die Grammatik in die Quere, wird es kompliziert. Wie bei der Assistentin jener Abteilungsleitung, die vor den Feiertagen noch ein Last-Minute-Wichteln zu organisieren versuchte: «Den Namen der man zieht, dessen Wichtel ist man bis zu Weihnachten», stand in der Mail an «Liebe Alle», also an die ganze Firma. «Die entsprechende Person soll natürlich nicht herausfindet wer ihr Wichtel ist.» Alles klar?

Leute, die in Texten viele Fehler machen, werden als weniger gescheit eingestuft.

Kann es sein, dass es hierzulande mit der Rechtschreibung bachab geht? Nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, wie Pisa-Studien zeigen, sondern auch bei Erwachsenen? Jürg Niederhauser, Präsident des Schweizerischen Vereins für die deutsche Sprache, relativiert: «Nicht jeder Rechtschreibfehler ist ein Zeichen dafür, dass jemand die Rechtschreibung nicht beherrscht.» Es könne daran liegen, dass man flüchtig schreibe und sich keine Zeit nehme, das Geschriebene noch einmal durchzulesen und Vertipptes zu korrigieren. Andererseits, räumt Nieder­hauser ein, gebe es eine «Tendenz zum Geringschätzen formeller Korrektheit». «Das kann rechtschreibschwachen Schreiberinnen und Schreibern den falschen Eindruck vermitteln, es komme auf die Rechtschreibung nicht an.»

Tut es aber. Leute, die in Texten viele Fehler machen, werden als weniger gescheit eingestuft. In Bewerbungsschreiben kann das fatal sein; wer die Orthografie nicht im Griff hat, wird oft ausgesiebt, ohne Chance, sich persönlich vorzustellen. Beim Onlinedating, das immer schriftlich beginnt, droht einem dasselbe: Wenn einer der beiden kaum einen geraden Satz schreiben kann und der andere meint, der Flirtpartner sei ihm unterlegen, ist alles vorbei, bevor es richtig begonnen hat.

Im Zweifel mogeln wir uns in Mundart durch

Trotzdem gilt von der Primar­schule bis zur Uni vielerorts das Motto: Der Inhalt ist wichtiger als die Form. Nach dem «Schreibe, wie du sprichst!»-Prinzip dürfen Kinder in den ersten zwei Schuljahren unkorrigiert Fehler machen. Man will sie nicht mit Diktaten zermürben und dafür lieber das Textverständnis fördern. In der Uni haben es viele Professoren aufgegeben, auf fehlerfreie Texte zu pochen. Hauptsache, die inneren Werte stimmen, die eigenen Gedanken, die Fähigkeit, Inhalte zu verstehen.

Das alles macht in Zeiten von Fake News sicher Sinn, verstärkt aber die Unsicherheit bei der Rechtschreibung und Grammatik. Viele Erwachsene fühlen sich darin nicht mehr sattelfest, auch weil sie kaum mehr längere Texte schreiben und lesen und spätestens seit der letzten Dudenrevision den Überblick verloren haben.

«Zudem wird die Rechtschreibung als Luxus angesehen, was man am Abbau von Korrektoraten bei Zeitungen oder Verlagen sieht», sagt Jürg Niederhauser. Wenn wir uns nicht einmal mehr auf Bücher, Magazine und Zeitungen verlassen können, worauf dann? Im Zweifel mogeln wir uns in Mundart durch Whatsapp, Mails oder SMS und verzichten auf Gross-/Kleinschreibung, auch weil wir nicht als dumm dastehen wollen.

«Man kann Deutsch als Killerfach an der Aufnahmeprüfung bezeichnen.»Erwin Mächler, Chef Aus- und Weiterbildung bei der Kantonspolizei Schwyz

Dass im Internet immer öfter Werbespots aufpoppen für Hilfsprogramme wie das amerikanische Grammarly oder das deutsche Language Tool, dürfte kein Zufall sein. Sie korrigieren automatisch Fehler und weisen sogar auf gendergerechte Sprache hin; statt Feuerwehrmänner schlagen sie Feuerwehrleute vor. «Die Nutzerzahlen steigen recht stark», sagt Daniel Naber, Geschäftsführer von Language Tool. «Langfristig sollen auch Stil und Verständlichkeit abgedeckt werden.»

Es gibt eindeutig Nachhol­bedarf. Etwa bei kaufmännischen Angestellten, die mit am meisten schriftlich kommunizieren müssen. «Einzelne Lehrbetriebe bemängeln, dass die Jugendlichen heute mit weniger guten Sprachkenntnissen in die Lehre kommen», sagt Nicole Cornu, die ­Verantwortliche Bildungspolitik beim Kaufmännischen Verband Schweiz. Zahlen dazu gebe es keine, «aber anekdotisch können wir das durchaus nachvollziehen». Kommunikative Kompetenzen hätten aber weiterhin einen hohen Stellenwert. Mit Stützkursen würden allfällige Defizite begleitend zur Ausbildung aufgearbeitet, und auch für Berufstätige gebe es ein breites Weiterbildungsangebot.

Alles halb so wild? Nein

Interessanterweise werden nicht nur im KV-Bereich, sondern überall in der Schweiz, speziell für angehende Polizisten, Deutsch­kurse angeboten. Das ist offenbar nötig. «Man kann es als das Killerfach an der Aufnahmeprüfung bezeichnen», sagt etwa Erwin Mächler, Chef Aus- und Weiterbildung bei der Kantonspolizei Schwyz. Deutschkenntnisse würden an der Aufnahmeprüfung am stärksten ­aller Fächer gewichtet. Im richtigen Leben müssen Polizisten nicht nur Verbrecher jagen, Diebe verfolgen oder Morde aufklären wie im Krimi, sondern zig Formulare ausfüllen und teilweise sehr umfassende Polizeirapporte schreiben. «Wenn jemand beim Diktat 30 oder mehr Fehler hat, wird es schwierig, die Prüfung zu bestehen, was leider immer wieder vorkommt.»

Alles halb so wild? Hauptsache, man versteht, was gemeint ist? Offenbar nicht. Forscher der University of Michigan konnten zeigen, dass die penible Rechtschreibung zunehmend zum Reizthema wird. Je häufiger über soziale Medien kommuniziert werde, desto aktiver urteilten User über Schreibfehler. Da kann einer einen noch so kontroversen Inhalt posten – ist etwas falsch geschrieben, wird bald energischer darüber diskutiert. Wer andere auf Fehler hinweist, outet sich jedoch als Unsympath. Laut den Forschern reagieren besonders jene intolerant auf Fehler, die unterdurchschnittlich hilfsbereit oder mitfühlend sind.



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Erstellt: 07.01.2020, 16:36 Uhr

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