Gefährlicher Dichtestress am Himmel

Seit 2015 hat sich die Zahl der Fastzusammenstösse im Zürcher Luftraum vervierfacht.

Kondensstreifen von Flugzeugen: Im Schweizer Luftverkehr kommt es gehäuft zu schweren Vorfällen. (Foto: EPA/Patrick Pleul)

Kondensstreifen von Flugzeugen: Im Schweizer Luftverkehr kommt es gehäuft zu schweren Vorfällen. (Foto: EPA/Patrick Pleul)

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Der jüngste Vorfall ist besonders tragisch: Ein Kleinflugzeug zerschellt am Freitag unterhalb der Bergstation Diavolezza GR. Zwei 14-Jährige und der Pilot verlieren ihr Leben, eine 17-Jährige überlebt schwer verletzt. Die Absturzursache ist noch unklar.

Wie Recherchen zeigen, hat in der Schweizer Aviatik die Zahl der Unfälle und schweren Vorfälle stark zugenommen. 2016 zählte die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) 83 Fälle – so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr. Mehr als die Hälfte davon machen 46 sogenannte schwere Vorfälle aus. Damit bezeichnet die Sust Ereignisse, die beinahe zu einem Flugunfall geführt hätten.

Jumbolino verursachte allein im letzten Oktober acht Meldungen

In dieser Kategorie taucht ein Flugzeugtyp besonders häufig auf: der Jumbolino der Swiss. Diesem widmet die Sust in ihrem Jahresbericht einen ganzen Abschnitt. Bereits früher beschäftigte die Maschine die Experten. Probleme machten das Fahrwerk, die Landeklappen oder die Steuerkontrollen. «Auch dieses Jahr häuften sich Ereignisse, bei denen Gase oder Rauch im Flugzeug aufgetreten waren, welche die Insassen durch üblen Geruch oder toxische Wirkung beeinträchtigten», heisst es im Sust-Bericht.

15 solcher Meldungen gingen 2016 bei der Untersuchungsstelle ein, 8 davon im Oktober. So nahmen die Piloten eines Jumbolino von Birmingham nach Zürich beim Anflug in Zürich einen Ölgeruch im Cockpit wahr. Worauf die Cockpitcrew die Sauerstoffmaske aufsetzte und die Dringlichkeitsmeldung «Pan-Pan» absetzte. Die Landung verlief ereignislos. Der Vorfall wird noch untersucht. Die Swiss nimmt den alternden Kurzstreckenjet in rund einer Woche aus dem Verkehr.

Video - C-Series ersetzt bei Swiss die alternden Jumbolinos

Am 15. August wird die Swiss die Avro RJ100 aus dem Dienst nehmen. (Video: Tamedia)

Markant zugenommen haben zudem die Fastzusammenstösse. Ihre Anzahl hat sich seit 2015 von 4 auf 16 vervierfacht. In 9 Vorfällen waren grössere Maschinen involviert. Eine dieser gefährlichen Annäherungen ereignete sich vor einem Jahr in der Nähe des Zürcher Flughafens. Kurz nach dem Start auf zwei verschiedenen Pisten kamen sich ein Jumbolino mit 90 Insassen und ein Airbus A321 mit 218 Menschen an Bord zu nahe, weil der Jumbolino zu weit nördlich unterwegs war. Der zuständige Fluglotse griff gerade noch rechtzeitig ein. Wie es im Untersuchungsbericht der Sust heisst, konnte er so «den sich anbahnenden Konflikt frühzeitig entschärfen».

Die Zahl der gefährlichen Annäherungen, bei denen kleinere Flugverkehrsteilnehmer involviert waren, ist ebenfalls gestiegen – von 3 auf 7. So passierte ein einmotoriger Vierplätzer in Grenchen zwei landende Fallschirmspringer der Armee mit nur 50 Meter Abstand. Auch diese Untersuchung ist noch im Gang.

Zahl der Unfälle hat abgenommen

Für Daniel Knecht, Leiter des Untersuchungsdienstes der Sust, ist die Ursache des Anstieges der Zwischenfälle unklar. «Wir müssen die nächsten Jahre abwarten, um zu beurteilen, ob es sich um einen Trend oder um einen statistischen Ausreisser handelt.» Das fehleranfällige System im Luftraum um den Zürcher Flughafen trüge immer wieder zu gefährlichen Situationen bei. «Aber auch die verschiedenen Warnsysteme der Kleinflugzeuge, die nicht miteinander kompatibel sind, spielen eine Rolle.» Zudem hat sich die Gesetzgebung zur Meldepflicht in der Kleinaviatik vor zwei Jahren verschärft. «Das könnte sich nun ebenfalls auf das Meldeverhalten der Aviatiker ausgewirkt haben.»

Knecht gewinnt den Zahlen des letzten Jahres aber auch Positives ab: «Die Zahl der Unfälle hat abgenommen.» Damit meint er Ereignisse, bei denen Menschen oder Maschinen zu Schaden gekommen sind. Ihre Zahl war 2016 mit 37 Fällen so tief wie seit 2010 nicht mehr.

Leuthards «Jahrhundertprojekt» soll die Lage entschärfen

Dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) ist die Häufung der gefährlichen Annäherungen bekannt. «Wir sind bestrebt, Lösungen zu realisieren, die diese Situation verbessern», sagt Sprecherin Nicole Räz. Mehrere Massnahmen würden umgesetzt: So hat Verkehrsministerin Doris Leuthard das Bazl beauftragt, die Struktur des Luftraums umfassend neu zu gestalten, statt sie bloss zu optimieren. Für das «Jahrhundertprojekt», wie Leuthard es nannte, erhebe das Bazl nun gemeinsam mit den aviatischen Akteuren die heutigen und künftigen Bedürfnisse.

Das Amt habe ausserdem die Problematik der Fastzusammenstösse gegenüber den Flugschulen und dem Aeroclub der Schweiz, der die Kleinaviatik vereint, wiederholt thematisiert. «Sie weisen ihre Piloten auf diese Schwierigkeiten hin», sagt Räz.

Den Verkehr in der Luft regelt die Flugsicherung Skyguide. Im letzten Jahr verzeichnete sie 1,19 Millionen Bewegungen von Fliegern, die nach Instrumentenregeln unterwegs waren. Angesichts dieser Zahl betont Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa: «Die Flugsicherheit ist in der Schweiz auf einem sehr hohen Niveau.»

Auch wenn die reinen Zahlen der Vorfälle und Annäherungen etwas anderes suggerierten. Für ihn ist die Meldekultur ein Grund für den Anstieg der Vorfallzahlen: «Heute wird, auch aufgrund der bei Skyguide gelebten Fehler- und Sicherheitskultur, jeder Vorfall der Sust gemeldet. Das ist vor zehn Jahren noch nicht der Fall gewesen.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.08.2017, 20:04 Uhr

Abschied vom Jumbolino

Die letzten Flüge

Am 15. August 2017 mustert die Swiss den letzten Avro RJ100 aus. Die Kurzstreckenflugzeuge mit vier Treibern des Herstellers British Aerospace – im Volksmund Jumbolino genannt – werden durch die C-Series von Bombardier abgelöst. Die Swiss übernahm die Flugzeuge von Crossair nach dem Grounding der Swissair. Mit der Ausscheidung des Avros beendet die Swiss ein schwieriges Kapitel: Als Beinahe-Oldtimer bei vielen Piloten beliebt, war er das pannenanfällige Sorgenkind in der Flotte. In die Schlagzeilen geriet der Jumbolino noch in den Farben der Crossair, als am 24. November 2001 ein Avro beim Landeanflug nach Zürich bei Bassersdorf abstürzte. Dabei verloren 24 von 33 Menschen ihr Leben. (pia)

Jumbolino

(Bild: Bruno Schlatter)

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