«Die 3-Tage-Woche steht bevor»

Wie sieht die Schweizer Wirtschaft in 50 Jahren aus? Zehn Experten wagen einen Blick in die Zukunft.

Werden uns Roboter und Maschinen die Arbeit in Zukunft wegnehmen? Bild: Getty Images

Werden uns Roboter und Maschinen die Arbeit in Zukunft wegnehmen? Bild: Getty Images

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Reiner Eichenberger

Europäische Länder werden die Schweiz einholen
Professor für Finanz- und Wirtschaftspolitik,
Universität Freiburg

2069 haben viele europäische Länder die Schweiz praktisch eingeholt. Während der schweren EU-Krise um 2025 haben sie die Volksinitiative eingeführt. Über diese erzwangen ihre Bürger eine umfassende direkte Demokratie, bessere Wahlverfahren, eine Dezentralisierung und die ­Sezession einzelner Regionen. Alles zusammen brachte bessere Politik, grosses Wachstum und ausgeglicheneren Wohlstand. Die Pläne für ein zentralisiertes Europa haben sich erübrigt. Die EU hat sich aufgelöst. Die Schweiz ist ihrer Nachfolgeorganisation beigetreten, dem Europäischen Politischen Raum (EPR). Er verlangt von seinen Mitgliedern starke demokratische Institutionen, völligen Freihandel und freien Personenverkehr – aber mit Zuwanderungssteuer. Europa blüht.

Regula Rytz

3-D-Drucker demokratisieren die Produktion und den Konsum
Nationalrätin und Präsidentin der Grünen Schweiz

Die Wirtschaft in 50 Jahren ist grün, oder sie ist nicht mehr. An die Stelle der naturzerstörenden, profitgesteuerten globalen Massenproduktion tritt eine kleinräumige, fossilfreie Kreislaufwirtschaft. Sie produziert mit nachhaltigem Rohstoff- und Energieeinsatz. Digitalisierung und 3-D-Drucker demokratisieren die Produktion und den Konsum. Durch die Besteuerung von digitalen Plattformen und grossen Vermögen finanzieren wir den Service public und ein garantiertes Mindesteinkommen. Dieses ersetzt den zunehmenden Wegfall von Lohnarbeit. Frei gewählte, sinnstiftende informelle Arbeit verdrängt viele «Bullshit-Jobs». Es ist die grösste Transformation seit der Industrialisierung. Und es gibt nur einen Weg: nach vorn!

Cédric Wermuth

30 Stunden arbeiten pro Woche
Nationalrat (SP, AG)

Wir werden einen neuen Begriff von Arbeit entwickeln: Endlich wird Haus-, Betreuungs- und Kulturarbeit gleich wertgeschätzt wie klassische Erwerbsarbeit. Diese frisst weniger Zeit, vielleicht noch 25 bis 30 Stunden. So können sich Männer und Frauen die Kinderbetreuung fairer aufteilen.

Daneben entwickeln wir demokratische Leitlinien für eine zukunftsgerichtete Wirtschaft. Wir investieren nicht mehr in Unternehmen, die den Klimawandel mitverursachen, stoppen alle Aktivitäten von Multis, wenn sie Menschen- und Umweltrechte verletzten und steigen aus dem Geschäft mit Waffen vollständig aus. Letztlich werden die zentralen gesellschaftlichen Infrastrukturen der Marktlogik entzogen – ­Bildung, Gesundheit, öffentlicher Verkehr, Energie, Wasser und Kultur.

Gerhard Schwarz

Der Euro wird durch Austritte gestutzt
Publizist, Ex-Direktor von Avenir Suisse

Eine Vorhersage für 50 Jahre grenzt ans Unseriöse. Möglich ist nur ein Mix aus Extrapolation der Gegenwart und Beschreibung von Erhofftem. Das sieht dann etwa so aus: Die Völkerwanderung aus dem Süden wird anhalten, die Wohnbevölkerung Europas wird bunt gemischt sein. Europa wird Vielfalt und Kreativität bewahren, der Euro wird durch Parallelwährungen und Austritte aus dem Verbund zurechtgestutzt werden. Die Schweiz wird mit der EU respektvoll kooperieren, sich jedoch ihre Eigenständigkeit bewahren. Der technische Fortschritt wird alle wohlhabender machen. Zugleich werden die Einkommen stärker auseinanderklaffen. Und die Arbeit wird zwischen Leistungsträgern einerseits und Leistungs­unfähigen oder -unwilligen anderseits sehr ungleich verteilt sein.

Rudolf Strahm

Die Kommunikationssprache wird Englisch sein
Publizist und Alt-Nationalrat (SP)

Im Jahr 2069 werden meine Enkelin 57 und mein Enkel 54-jährig sein. Unmöglich, vorauszusagen, was sie mit welchen Arbeitsformen produziert und wie oft sie ihren Job gewechselt haben werden.

Sicher ist aber, dass sie in einer Schweiz leben können, die immer noch «Schweiz» heisst, auch wenn die Kommunikationssprache Englisch sein wird. Sicher ist auch, dass in Switzerland hoch produktiv gearbeitet wird und das Land exportstark ist.

Offen ist, ob Switzerland 2069 in Parallelgesellschaften gespalten und zerstritten sein wird oder ob inklusive Verhältnisse mit sozialer Stabilität bestehen. Die Weichen dazu werden allerdings mit dem Bildungssystem, der Berufsintegration und der richtigen Migrationssteuerung heute schon gestellt.

Tito Tettamanti

In der Zukunft gilt: «It’s the society, stupid!»
Unternehmer und Publizist

Wie wird die Wirtschaft in 50 Jahren funktionieren? Wie werden wir arbeiten? Der amerikanische Präsident Bill Clinton gewann einst mit dem Spruch «It’s the economy, stupid!» die Wahl. Heute – und vermutlich noch mehr in der Zukunft – gilt: «It’s the society, stupid!»

Die Wirtschaft ist eingebettet in ein Gesamtsystem. Was 2069 sein wird, entscheidet sich nicht in der Wirtschaft, sondern beim Unbehagen derjenigen, die befürchten, gesellschaftlich vergessen, nicht mehr gefragt und wenn, nicht angehört, ja letztlich identitätslos zu werden. Die Antwort, die seitens der Eliten an die Bewegungen der Unzufriedenen gegeben wird, dürfte die Zukunft der Gesellschaft und damit die Rahmenbedingungen der Wirtschaft gestalten.

Doris Aebi

Entscheidend sind Mut, Innovationskraft und Freiraum
Mitinhaberin aebi+kuehni AG, Executive Search

Wie viel wir in 50 Jahren verdienen und ob die Schweiz ein innovatives Exportland bleibt, hängt massgebend davon ab, wie wir die Herausforderungen der technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen meistern. Entscheidend dafür sind insbesondere Mut, Innovationskraft sowie unternehmerisches Geschick und Freiraum. Und ein politisches Umfeld, das sich bewusst ist, dass unser Wohlstand davon abhängig ist.

Unser Wohlstand basiert aber auch darauf, dass Gewinne nicht nur wenigen zugutekommen, sondern auch in die Gesellschaft reinvestiert werden. In die Infrastruktur, in Bildung, Forschung und Entwicklung sowie in eine gewisse existenzielle Grundsicherheit. So soll es auch in Zukunft sein!

Petra Gössi

Wir haben Tausende neue Arbeitsplätze geschaffen
Nationalrätin und Präsidentin der FDP Schweiz

Die Schweizer Wirtschaft ist ein Erfolgsmodell und dank liberalem Arbeitsmarkt, dualem Bildungssystem und globaler Vernetzung immer noch weltweit führend. Sie ermöglicht eine rekordtiefe Arbeitslosigkeit, ein gutes Einkommen für alle und gesunde Sozialwerke.

Die Menschen schätzen die Schweiz als Heimat für alle, die Verantwortung für sich und die Gemeinschaft übernehmen wollen. Sie wissen: Die Wirtschaft sind wir alle. Sie arbeiten selbstbestimmt, wo und wann sie wollen.

Neue Technologien haben wir uns zunutze gemacht und Tausende neue Arbeitsplätze geschaffen. Dank dieser wettbewerbsfähigen Wirtschaft ist unser Land stark und behauptungsfähig.

Hans-Joachim Voth

Steuern und Vorgaben führen in eine Planwirtschaft
Professor für Volkswirtschaft, Uni Zürich

Die Wirtschaft 2068 wird mehr an die 1960er-Jahre erinnern als an die Gegenwart. Eine enorme Welle des öffentlichen Unmuts begann sich mit der Rezession von 07/08 zu entladen. Der Glaube an marktwirtschaftliche Prinzipien und das Vertrauen in die Eliten kamen schnell abhanden. Um soziale, ökologische und kulturelle Ziele zu erreichen, wurde die Wirtschaft überwuchert von einem Dschungel an Regulierungen, Vorgaben und Verboten. Grosse Firmen sitzen seitdem unangefochten im Sattel und machen hohe Gewinne. Die wirtschaftliche Dynamik kleiner und mittlerer Firmen wurde weitgehend erstickt. Hohe Steuern und immer mehr Vorgaben für Quoten, Mengen und Höchstpreise führen in eine sozialökologische Planwirtschaft. Die Arbeitszeit geht weiter zurück, die Einführung der 3-Tage-Woche steht bevor.

Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch

Die Arbeit wird uns auch in Zukunft nicht ausgehen
Direktorin des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco)

Die Digitalisierung ist heute sicher eine der ganz grossen Herausforderungen. Nicht nur für die Wirtschaft, sondern für uns alle. Ein solch tiefgreifender Wandel lässt sich nicht aufhalten. Im Gegenteil, wir müssen dies als Chance sehen und nutzen. Die Digitalisierung darf auch nicht isoliert betrachtet werden, sondern ist in den stetigen Strukturwandel eingebettet. Dieser Wandel ist für die Schweiz nichts Neues, und wir haben ihn stets gut gemeistert. Roboter und Maschinen werden uns daher die Arbeit auch in Zukunft nicht wegnehmen. Aber wir sehen bereits jetzt, dass sich unsere Arbeit sehr stark verändert. In 50 Jahren werden viele Tätigkeiten anders sein als heute. Mit ihrem marktorientierten Bildungssystem und dem flexiblen Arbeitsmarkt ist die Schweiz aber in einer guten Ausgangslage.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.01.2019, 16:02 Uhr

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