«Die 68er haben die Gesellschaft beschädigt, aber nichts aufgebaut»

Autorin Bettina Röhl über das Leben mit der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof – ihrer Mutter.

«Frühstück gab es nicht, Schulbrot auch nicht»: Bettina Röhl, 55. Bild: Achim Multhaupt

«Frühstück gab es nicht, Schulbrot auch nicht»: Bettina Röhl, 55. Bild: Achim Multhaupt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Röhl, der Titel Ihres ­Buches ist ein Satz Ihrer Mutter, den sie als Grussformel in einem Brief an Sie und Ihre Zwillingsschwester schrieb. Warum haben Sie dieses Zitat gewählt?
Grosse Teile dieses Briefes veröffentlichte der Journalist Stefan Aust, der spätere «Spiegel»-Chefredaktor, in seinem RAF-Buch. Er zitiert den Satz davor und den danach, aber diesen Satz, «Die RAF hat Euch lieb», lässt er weg. Ich habe Aust vor ein paar Wochen getroffen und ihn gefragt, warum er ihn ausgelassen habe. Er sagte: «Aus Pietät.»

Mit anderen Worten, was ­Meinhof ihren Kindern schrieb, war nicht sehr schön?
Das Zitat passte nicht in das Bild der «guten» Terroristin. Mein Vater hat am Mythos Meinhof als einer Mutter, die sich aus Versehen in den Terrorismus verirrt hat, wesentlich mitgestrickt. Und sein Adlatus Aust hat das zu einhundert Prozent weitergeführt. Aber genau dieses Zitat Meinhofs zeigt kurz und prägnant, wie weit sie sich im Terror verloren hatte. Meinhof wusste, dass der Satz knallt.

Für manche ist Meinhof eine Art Säulenheilige der Linken, die Mutter Teresa der RAF, die ihre Kinder der Revolution opfern musste. Sie kaufen ihr das nicht ab?
Nee, das wurde von der linken Öffentlichkeit schöngeredet. «Die Kinder für die Revolution opfern», das war so ein schönes theatralisches Stück. Meinhofs Korrespondenzen, die in meinem Buch erstmals veröffentlicht werden, und auch die Interviews mit den Zeitzeugen machen offensichtlich, dass die Realität eine andere ist. Es gab damals unglaublich viele Artikel im «Spiegel», «Stern», in der «Zeit», im Fernsehen, es gab Theaterstücke, Filme. Das war für die 68er-Massen jahrzehntelang wie ein Politkrimi mit echten Toten, Banküberfällen, Schiessereien, Sympathisanten, Kommunen. Die Öffentlichkeit hat die reale RAF-Show jahrelang wie eine TV-Serie verfolgt: Baader, der Fiesling, Meinhof, die Leidende und Gute mit der absoluten Revolutionsintelligenz, Ensslin, ihre kalte Konkurrentin.

Als Ihre Mutter in den Untergrund ging, hingen überall Fahndungsplakate mit den RAF-Terroristen. Wie war das für Sie als Kind, eine Mutter zu haben, nach der mit diesen Plakaten gesucht wurde?
Meine Schwester und ich hielten uns in der Zeit auf Sizilien auf. Da gab es keine Fahndungsplakate mit Meinhof-Bild. Später, als ich wieder in Hamburg war, reagierte meine Umwelt alles andere als negativ, sodass ich mit den Fahndungsplakaten auf eine ganz sanfte Art in Berührung kam. Ich bin in einer Medienfamilie aufgewachsen. Mir war klar, dass meine Mutter bekannt war. Als ich 9 Jahre alt war, war meine Mutter dann ja auch schon im Gefängnis, «eingefahren», wie die RAF-Anhänger das nannten.

Ulrike Meinhof mit ihren Kindern Bettina (M.) und Regine in den Sommerferien 1969 Bild: Privatarchiv Röhl

Beim letzten gemeinsamen Weihnachtsfest mit Ihrer Mutter gab es keinen Christbaum, keine Geschenke, kein festliches Essen. Dafür stundenlange Diskussionen, warum man Weihnachten nicht feiern soll.
Es gab 68er-Bewegte in der Kommune in Berlin, die den Weihnachtsbaum abgefackelt haben. Sie war also nicht die Einzige, die solche Konventionen gezielt brechen wollte. Aber sie hat das übererfüllt.

Viel wurde über die 68er-­Bewegung berichtet, die sich zum 50. Mal jährt. In Ihren Augen wird sie heute falsch gedeutet. ­Inwiefern?
Ein Rezensent hat vor kurzem geschrieben, mein Buch sei toll, aber mit meiner Kritik an 68 hätte ich mich «verhoben». Da kann ich nur lachen: Wenn sich irgendwer überhoben hat, dann waren es die 68er: Sie wollten das System zerstören, den Neuen Menschen kreieren, den Kapitalismus abschaffen, sie wollten die ganze Welt neu erfinden. Sie haben die Gesellschaft beschädigt, aber nichts aufgebaut.

Aber sie haben doch, neben vielen Irrtümern und ­gefährlichen Folgen, zumindest Impulse für eine liberalere Gesellschaft gegeben.
Die 68er haben, anders als sie behaupten, nicht mehr Demokratie und Liberalität in die Welt gebracht. Die Reformen setzten schon früher ein. Die Pille wurde von ihren verhassten Vorvätern erfunden. Die 68er waren die ersten Nutzniesser. Sie sind in einer unglaublich tollen und freien Zeit aufgewachsen. Als junge Erwachsene lebten sie in einer aufstrebenden Wohlstandsgesellschaft. Es gab eine wahre Kulturexplosion, in der Mode, in der Musik und in der Unterhaltungstechnik. In dieser wunderbaren Zeit sind die 68er Extremismen verfallen. Sie haben Mao, Ho Chi Minh und Che Guevara zu ihren halbgottähnlichen Ikonen erkoren. Das waren Völker- und Massenmörder. Die 68er behaupten dennoch, der Gesellschaft mehr Freiheit und mehr Demokratie beigebracht zu haben.

«Ulrike Meinhof wollte immer die Beste sein. Das war auch später so. Als Topterroristin wurde sie auch ‹eine Nummer 1› der 68er». Bettina Röhl

Sie sind der Meinung, dass es für junge Menschen keinen Anlass gab, gegen irgendetwas zu rebellieren?
In der Bundesrepublik herrschten Ende der Sechzigerjahre paradiesische Verhältnisse, aber natürlich gibt es nichts, was nicht noch zu verbessern wäre. Es gab autoritäre Strukturen, die nervten. Es gab alte Nazis in den Ämtern, die man hätte entlarven müssen. Aber genau das haben die 68er versäumt. Sie hatten ganz andere Themen: den Antikapitalismus, den Antiamerikanismus, die Enteignung, Systemzerstörung, den Neuen Menschen. Als die ersten Holocaust-Überlebenden an den Universitäten ihr Leben schildern wollten, wurden sie nicht gehört. Die 68er hatten sich auf die Seite der palästinensischen Terroristen gestellt. Plötzlich war Israel das neue Naziland, die Israelis die neuen Nazis. Es gab einen linken Antisemitismus. Ulrike Meinhof gab 1972 in einem Pamphlet ihrem Jubel Ausdruck, als während der Olympiade in München zwölf israelische Sportler bestialisch getötet wurden, und sie lag mit ihrer Sympathie für die palästinensischen Terroristen voll im linken Trend.

Aus Ihrem Buch lässt sich herauslesen, dass Meinhof nach der Scheidung von ihrem untreuen Mann eine zutiefst verletzte Frau war. Sie hat sich in kurzer Zeit komplett ­verändert. Würden Sie sagen, ohne diese Trennung wäre die RAF nicht gegründet worden?
Nein, das sehe ich nicht so. Es war ja auch nicht die erste Verwandlung meiner Mutter. Bevor sie meinen Vater, Klaus Röhl, kennen lernte, trug sie so eine Sophie-Scholl-Frisur, rauchte Pfeife. Durch Röhl hat sie eine Verwandlung gemacht, es war eine Mischung aus strenger Jungjournalistin plus Modekleider und hochgesteckter Frisur. Und 1968 kam die nächste Totalverwandlung in ihrem Leben: kaputt, schlampig, kulturrevolutionär. Sie wollte immer die Beste sein. Das war auch später so. Als Topterroristin wurde sie auch «eine Nummer 1» der 68er.

Sie zitieren einen Brief, in dem Meinhof ihre Kinder lobt. Sie schreibt: «Ich bin momentan richtig stolz auf sie. Sie gingen heute zum Kindergeburtstag, und weder die Kleiderfrage noch die Geschenkfrage kam auf mich zu. Sie gingen verdreckt, wie sie dauernd ­rumlaufen. Sie nahmen eigene Sachen zum Schenken mit. Von Schulkameraden werden sie allerdings auch kaum mehr eingeladen.»
Wahnsinnig offen, dieser Brief! Wir waren ziemlich verwahrlost, und das gefiel Meinhof offenbar. Meine Mutter diskutierte die Nächte durch, trank und rauchte Kette, am Morgen schlief sie. Ständig kamen wir zu spät zur Schule, Frühstück gab es nicht, Schulbrot auch nicht, wir liefen in zerlöcherten Strumpfhosen herum, die Haare nicht gekämmt, die Zähne nicht geputzt.

Als Ihre Mutter in den Untergrund ging, liess sie ihre Kinder in einem Barackenlager in Sizilien parken, dann sollten sie in ein palästinensisches ­Waisenlager gebracht werden. Wie kam das bei Ihnen an, als Sie davon erfuhren?
Das war ein Realitätsschock. Astrid Proll, ehemaliges und später geläutertes RAF-Mitglied erzählte mir später mal, sie habe mit meiner Mutter nach dem «besten palästinensischen Waisenlager» gesucht. Meiner Mutter fehlte völlig die Peilung, dass dort zwei blonde Mädchen wohl in kürzester Zeit im Harem gelandet wären. Oder in Terror und Krieg. Das Lager lag mitten im Kriegsgebiet und wurde kurz darauf komplett ausgebombt. Wir hätten das also nicht überlebt.

Was war mit Ihrem Vater?
Für Meinhof und die RAF und infolgedessen für die linke Öffentlichkeit wurde er zu «Röhl, das Schwein». In Berlin wurde ein Sorgerechtsstreit inszeniert. Die Anwälte Meinhofs bauten ihre Strategie auf, wie man der ins Nichts abgetauchten, frischgebackenen Terroristin Meinhof, die gerade geschrieben hatte: «Natürlich kann geschossen werden», das Sorgerecht zurückgeben könnte. Wohin wollte man die Kinder denn zurückgeben? Die Wohnung in Berlin war aufgegeben, Meinhof war im Untergrund und wurde wegen Mordes gesucht. Sie war zur Waffenausbildung in Jordanien. Das ist eine völlig abgefahrene Geschichte der deutschen Justiz und der berühmten RAF-Anwälte.

Wollte Ulrike Meinhof im ­Grunde gar nicht Mutter sein?
Viele Zeitzeugen sagen das. Es war auch das Erste, was mir Margarete Mitscherlich, die wohl die berühmteste Psychoanalytikerin Deutschlands war, bei einem Treffen gesagt hat. Peter Homann, ein ehemaliger Lebensgefährte meiner Mutter, hat erklärt, er sei daran verzweifelt, was sie mit den Kindern machen wollte. Mit dieser Realität und Brutalität von Meinhof müssen sich ihre Anhänger auseinandersetzen.

Stefan Aust, der Ihre Mutter kannte, schildert sie anders. Sie habe Schuldgefühle gehabt, zu wenig für die Kinder zu tun.
Das hat sich Aust frei nach Klaus Röhl, meinem Vater, ausgedacht. Das ist einfach eine Märchenerzählung. Weder Aust noch Klaus Röhl waren in den Jahren, bevor Meinhof in den Untergrund ging, in Berlin oder im Untergrund dabei.

Ulrike Meinhof hat sich 1976 in ihrer Gefängniszelle in Stammheim erhängt. Es war die Nacht zum Muttertag. Zufall?
Zum Tod von Meinhof möchte ich nichts sagen.

Sie sind keine Linke, keine Anarchistin. Wie verorten Sie sich politisch?
Ich war die klassische Wählerin der Helmut-Schmidt-SPD, konservativ, sozial und hanseatisch. Ich bin Hamburgerin!

Heute sind Sie selbst Mutter. Weiss Ihre zehnjährige Tochter, wer ihre Oma ist?
Als ich an meinem Buch schrieb, lagen Dokumente, Broschüren und Bilder von Meinhof herum. Meine Tochter hat irgendwann gefragt, wer das sei. Sie hat dann auch mit Nachbarn geredet und gemerkt, dass ihre Grossmutter eine bestimmte Berühmtheit ist, dass es an ihrer Oma aber nicht nur Positives zu sehen gibt.

Neigen Sie nach Ihren Kindheitserfahrungen dazu, Ihre kleine Tochter zu verwöhnen?
Sie darf auf jeden Fall schöne Kleider tragen. Und ich möchte, dass meine Tochter ein super Schulbrot hat.

Anschläge, Entführungen, Morde – mehr als zwei Jahrzehnte hielt die Rote-Armee-Fraktion (RAF) die Bundesrepublik Deutschland in Atem. Die terroristische Vereinigung formierte sich 1970 aus der 68er-Bewegung. Gründer waren Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und der Anwalt Horst Mahler. Bettina Röhl, 55, hat das hautnah miterlebt. Sie war sieben Jahre alt, als ihre Mutter, Ulrike Meinhof, in den Untergrund ging. In ihrem neuen Buch «Die RAF hat Euch lieb» schildert sie ihre verstörende Kindheit. Am 9. Mai 1976 erhängte sich Meinhof in ihrer Zelle in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim – in der Nacht zum Muttertag.

Bettina Röhl: «Die RAF hat Euch lieb», Heyne-Verlag, 640 Seiten, 36.90 Fr.

Erstellt: 21.07.2018, 21:21 Uhr

Streit ums Sorgerecht

Bettina Röhl wurde 1962 in Hamburg geboren. Die Ehe ihres Vaters Klaus Röhl, ehemaliger Verleger der Zeitschrift «Konkret», und ihrer Mutter Ulrike Meinhof wurde 1968 geschieden. Es folgte ein erbitterter Sorgerechtsstreit. Bettina Röhl ist freie Journalistin und Buchautorin. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Timmendorfer Strand in der Nähe von Hamburg.

Artikel zum Thema

Düsterer Blick auf das Berlin von 1968

Bettina Röhl hat ein Buch über ihre Mutter, die RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof, geschrieben. Sie und ihre Zwillingsschwester waren sieben, als ihre Mutter in den Untergrund ging. Mehr...

Eine Frau narrt die Schweiz

Terroristin Petra Krause trieb den Bundesrat zur Weissglut. Lesen Sie hier bisher geheime Akten dazu. Mehr...

«Wer Gewalt ausübt, wendet sich immer auch an ein Publikum»

Interview Der Historiker Philipp Felsch über die Entstehung und Faszination des linken Terrorismus der 1970er-Jahre. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...