Die Abschaffung der Schweiz

Wenn die No-Billag-Initiative angenommen wird: ein Blick in die Zukunft.

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Schon bald zehn Jahre ist es her, als im März 2018 die No-Billag-Initiative angenommen wurde – und zur ­Verwunderung der Mehrheit tatsächlich geschah, wofür sie gestimmt hatte: Das Schweizer Fernsehen und Radio wurde durch ein ausländisches Importprogramm ersetzt.

Eine Weile wurden die Spiele der ­«Käse-Kicker», wie die Nationalliga – und unter der Hand auch die Politiker und Intellektuellen – der Alpenrepublik von deutschen TV-Investoren genannt wurden, noch im Spätprogramm übertragen. Nach dem Rücktritt von Roger Federer nahm das Interesse an allem Schweizerischen im Ausland jedoch so rapide ab, dass es zuerst hinter einer unüberwindlichen Paywall und dann ganz aus den Programmen verschwand.

Ähnlich erging es der Schweizer Pop- und Ländlermusik und den «Debatten» genannten Wahlkampf­streitereien: Sie verschwanden in den unergründlichen Tiefen der Kleinkunstbühnen und Lokalnachrichten. Es zeigte sich, dass der Welt die helvetische Kultur so egal war wie das Mittelalter. Abgesehen von einem leicht pornografischen Dialektprogramm für russische und saudische Skitouristen, in dem ehemalige SRG-Moderatoren als Pensionswirte und Schneehasen auftraten, hörte 2020 die Schweiz medial auf zu existieren.

«Die SBB, die Post, die Museen und die Wanderwege werden abgeschafft»

In den folgenden Jahren wurden hintereinander die SBB, die Post, die Museen und die Wanderwege abgeschafft. Warum für etwas bezahlen, das man nicht benutzte? Als 2025 eine Zürcher Professorin aus Geldern des Nationalfonds ein etwas wirres Buch zu Gender-Fragen veröffentlichte, lancierte eine Gruppe junger Lokal­politiker die Scherz-Initiative «Kein Stutz für Stuss». Sie wurde angenommen und führte zum Verbot aller öffentlichen Bildungssubventionen und damit zur Schliessung der Universitäten und Fachhochschulen.

Es folgte die Abwicklung der letzten Reservate, in denen elitäre Versager ein bequemes Leben fernab des Marktes geführt hatten: der Primarschulen und Kindergärten, deren Besucher sich ohnehin längst auf den viel lebendigeren ausländischen Bildungsmarkt orientiert hatten. Im März 2028 wurden, nach erbittertem Abstimmungskampf, schliesslich dem Nationalrat die Subventionen gestrichen. Er hatte sich der per Initiative entschiedenen Abschaffung der kantonalen «Luxus-Gerichte» (Initiativ-Text) zugunsten privater Justiz-Anbieter in den Weg gestellt – unverzeihlich in einer direkten Demokratie! Das Pro-Nationalrat-Komitee seinerseits war an der sogenannten «Plan B»-­Behauptung gescheitert, das Parlament würde in Zukunft durch Schulklassen und Werbeblöcke zwischen den ­Sessionen finanziert.

Das stimmte zwar nicht, wie auch die fünfzig «Plan B»-Behauptungen in den zehn Jahren zuvor nicht gestimmt hatten. Aber der Aufklärung, die auf Fakten setzen musste, blieb nichts übrig, als weiterhin auf sie zu setzen. Und so verschwand die Schweiz von der Landkarte, ohne dass sie ihren Einwohnern auch nur einen Furz wert gewesen hätte.

Milo Rau ist Theaterautor, ­Regisseur und Essayist. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 22:58 Uhr

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