YB ist wieder Meister – und der Liga entrückt

Die Young Boys haben eine Saison der Superlative hingelegt. Ein Rekord ist bereits gefallen – weitere Bestmarken wackeln.

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Diesen Young Boys gelingen sogar Dinge, die man nicht für möglich gehalten hat. Am Samstagabend sind sie in Basel Meister geworden, ohne gegen den Rivalen FCB gespielt zu haben.

Es ist 20.52 Uhr, als die Young Boys vor dem TV feiern. Sie haben in der Sky Lounge des Stade de Suisse verfolgt, wie Basel zu Hause gegen GC nicht über ein 0:0 hinausgekommen ist. Sie hätten sich die Titelverteidigung gerne heute in Zürich gegen den FCZ selber verdient, aber auf den Bildern, die der Club in die Welt sendet, ist dennoch zu sehen, wie sie jubeln und sich in den Armen liegen.

Feiert vor dem Fernseher: Die Mannschaft von YB. (Video: SDA)

Es ist 21.31 Uhr, vor dem Stadion haben sich ein paar YB-Fans versammelt, ein Zuckerstock brennt, Lieder werden angestimmt, das Hupen vorbeifahrender Autos ist zu vernehmen. Einen Stock höher erscheinen YB-Protagonisten zur Medienkonferenz, Trainer Gerardo Seoane vorneweg, ihm folgen sieben Spieler und Sportchef Christoph Spycher. Die Stimmung ist gelöst, aber nicht ausgelassen.

«So den Titel zu gewinnen, ist natürlich nicht dasselbe wie im letzten Jahr», sagt Goalie David von Ballmoos, «aber die Hauptsache ist: Wir sind Meister.» Loris Benito meint, die meisten Spieler hätten Basel die Daumen gedrückt. «Doch als das Spielende näher rückte, hofften alle, dass wir es jetzt schaffen.» Man werde sich 2, 3 Biere gönnen, sagt Captain Steve von Bergen, der den Auftrag erhalten hat, zu schauen, dass die Feier nicht aus dem Ruder läuft.

Was YB so stark macht

Die Young Boys fliegen regelrecht durch diese Saison, sie reihen Sieg an Sieg an Sieg, 24 sind es nach 28 Runden, sie absolvieren eine Spielzeit der Superlative und Rekorde. So früh ist noch nie ein Club in der Super League Meister geworden. Weitere Bestmarken des Rivalen Basel bezüglich Punkte, Tore, Vorsprung wackeln. Es ist eine YB-Traumsaison mit mehreren Momenten für die Ewigkeit.

Im Sommer die erstmalige Qualifikation für die Champions League in Zagreb, im Herbst das 7:1 gegen Basel, im Winter das 2:1 gegen das grosse Juventus, im Frühling der sehr vorgezogene 13. Meistertitel der Vereinsgeschichte am 13. April. YB ist der Liga entrückt wie zuvor jahrelang der FC Basel.

Baumeister des Erfolgs gibt es einige. Gerardo Seoane hat in seiner ersten ganzen Saison als Trainer in der Super League die hervorragende Arbeit des Vorgängers Adi Hütter nicht nur fortgesetzt. Er hat Team und Spieler weiterentwickelt, die Young Boys sind heute taktisch variabler. Das Kader ist breit besetzt, würde man ein All-Star-Team der Liga bestimmen, könnte man problemlos auf jeder Position einen YB-Spieler nominieren.

Der Mix aus Talent und Routine passt perfekt, die Philosophie wird konsequent umgesetzt. Die Young Boys wollen die erste Adresse des Landes für junge Spieler sein, das sind sie, die Aufsteiger Kevin Mbabu und Djibril Sow stehen dafür. Erfahrene Leaderfiguren wie Steve von Bergen und Guillaume Hoarau führen das Team und geben ihm Halt.

Würde man ein All-Star-Team der Liga bestimmen, könnte man problemlos auf jeder Position einen YB-Spieler nominieren.

Beeindruckend ist, mit welcher Konstanz die Young Boys agieren. Selbst wenn sie nicht begeisternd auftreten, finden sie meistens einen Weg zum Sieg. Häufig durch Last-Minute-Tore, was ihre ausgeprägte Siegermentalität unterstreicht. Aus dem Verliererclub, für den sogar ein eigenes Wort fürs schier ewige Scheitern im entscheidenden Augenblick kreiert wurde («veryoungboysen»), ist der Primus der Liga geworden.

Hauptverantwortlich für diese noch vor drei Jahren unvorstellbare Entwicklung ist Christoph Spycher. Im Herbst 2016 trat er das Sportchefamt an, als YB sportlich und finanziell am Boden lag. Mittlerweile ist der Betrieb nach vielen Saisons der Misswirtschaft rentabel, 2018 betrug der Umsatz etwas mehr als 80 Millionen Franken bei 17,4 Millionen Gewinn. Es war das beste Jahr der Vereinsgeschichte.

Kommende Saison könnte sich alles ändern

2019 könnte noch lukrativer werden – bei einer erneuten Qualifikation für die Champions League. Zumal Sow und Mbabu gemeinsam über 20 Millionen Franken Ablösesumme einbringen dürften. Gleichzeitig steht YB vor einem heiklen personellen Umbruch, den es behutsam zu moderieren gilt.

Ab Sommer werden mehrere Leistungsträger der zwei Meisterteams nicht mehr dabei sein. Neben Sow und Mbabu zieht es Benito in eine Topliga, von Bergen beendet seine Karriere, Sékou Sanogo verliess die Young Boys bereits im Januar Richtung Saudiarabien. Und weiteren Akteuren ist es zuzutrauen, in den nächsten Jahren ins Ausland zu wechseln.

Es ist jedenfalls nicht davon auszugehen, dass YB auch nächste Saison so überlegen sein wird. Der FCB verfügt immer noch über die grösseren Möglichkeiten, zudem dürfte kaum mehr fast die gesamte Konkurrenz im Chaos versinken. Möglicherweise wird man irgendeinmal behaupten, so dominant und stark wie im Frühling 2019 sei YB vorher und nachher nie gewesen.

Erstellt: 13.04.2019, 23:38 Uhr

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