Interview: «Die Dementen haben keine Lobby»

Zürichs Ex-Stadträtin Monika Stocker über eine Krankheit, die Angst macht.

<i>Monika Stocker ist Präsidentin der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter</i>

Monika Stocker ist Präsidentin der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter

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Zürichs Ex-Stadträtin Monika Stocker im Interview über eine Krankheit, die Angst macht.

Viele Angehörige von an Demenz erkrankten Menschen betreuen ihre Liebsten bis zur Erschöpfung. Warum holen sie nicht vorher Hilfe?
Sie haben Angst. Vor allem vor den Kosten für eine Betreuung im Heim. Doch auch die vielfältigen ambulanten Entlastungsdienste kosten. Also betreuen sie ihre demenzkranken Familienmitglieder lieber zu Hause – umso mehr, als es die Gesellschaft von ihnen erwartet. Insbesondere auf den Frauen liegt ein riesiger Druck. Dazu kommt ihr Pflichtgefühl.

Die Krankenkassen und auch die Gemeinden bezahlen die Pflege von Betagten, aber nicht die Betreuung. Die müssen die Betroffenen selber bezahlen. Was halten Sie davon?
2011 hat das Parlament bei der Revision des Krankenversicherungsgesetzes Pflege und Betreuung auseinandergenommen. Ein folgenreicher Fehler. Es gibt keine professionelle Pflege ohne Betreuungsanteil, und es gibt ebenso wenig eine qualitativ hochstehende Betreuung ohne zumindest kleinere pflegerische Dienstleistungen. Diese beiden Dinge sind untrennbar miteinander verknüpft.

Im heutigen Finanzierungssystem wird nicht berücksichtigt, dass demente Menschen kaum Pflege, aber sehr viel Betreuung brauchen. Wie konnte das übersehen werden?
Schuld ist unser gewinnorientiertes Denken. Demente Menschen rentieren nicht, also interessiert sich die Politik nicht für sie. Die Dementen haben, im Gegensatz etwa zu den Bauern oder zur Armee, keine Lobby in Bern. Sie gingen schlicht vergessen. Zum Teil stand auch Absicht dahinter. Je enger man den Pflegebegriff fasst, desto billiger wird es.

«Ein Denkfehler im System, den wir dringend revidieren müssen.»Monika Stocker, Ex-Stadträtin Zürich

Kann es auch daran liegen, dass die Krankheit zum Teil schwer zu fassen ist?
Sicher ist die Krankheit schwieriger zu versichern als beispielsweise ein kaputtes Hüftgelenk. Demenz ist ein Zustand, eine Lebenssituation. Ein neues Hüftgelenk kostet, sagen wir, 30'000 Franken, dazu werden ein paar Physiotherapiestunden gezahlt – und fertig. Bei den Demenzkranken kann es sein, dass es ihnen heute etwas besser geht als gestern. Ihre Situation ist vergleichbar mit der von psychisch Kranken. Demenz ist vielen von uns fremd. Die Krankheit macht Angst.

Heute können Heime selber bestimmen, welcher Bewohner welche Betreuungstaxe bezahlen muss. Es gibt keine definierten Kriterien. Das ist Wildwuchs – zum Nachteil der Dementen.
Vor allem aber ist es Willkür. Das ist der Spielraum, den die Heime haben, weil das Gesetz entsprechend ausgestaltet ist. Man kann ihnen dies nicht zum Vorwurf machen. Es handelt sich um einen Denkfehler im System, den wir dringend revidieren müssen.

Es gibt immer mehr Demenzkranke, gleichzeitig haben Angehörige wegen steigenden Drucks bei der Arbeit weniger Zeit für sie. Wo führt das hin?
Die Söhne von heute arbeiten in Singapur, die Töchter in Amerika, die Vorstellung, dass sie es als selbstverständlich erachten, ihre dementen Eltern zu betreuen, entspricht nicht mehr der Realität. Wir werden vernetzte Systeme in den Gemeinden brauchen, in denen sich Spitexverbände, Freiwillige und – sofern sie da sind – Angehörige gemeinsam um die Betreuung kümmern. Diese muss organisiert und abgesichert sein. Denkbar wären zum Beispiel halb stationäre Einrichtungen, für die es allerdings eine Anschubfinanzierung analog zum Krippenwesen bräuchte.

Die Politik liefert zurzeit keine Lösungen. Was muss geschehen, damit es vorwärtsgeht?
Von der Politik erhoffe ich mir wenig. Also ist es die Zivilgesellschaft, die die Demenzkranken in die öffentliche Wahrnehmung bringen muss, mittels Petitionen, Initiativen, Demos oder konkreter Projekte in den Gemeinden. Ich bin sicher, dass sich etwas verändern muss und wird. Auch weil der Staat eine Fürsorgepflicht für seine dementen Mitbürger hat.

Monika Stocker ist Präsidentin der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter

Mit Monika Stocker sprach Simone Rau.

Erstellt: 21.07.2018, 22:26 Uhr

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