«Die FDP ist mir zu elitär und opportunistisch geworden»

Der mächtige Rolf Dörig liebäugelt mit der SVP, mahnt EU-Turbos und rätselt über die GC-Misere.

«Wirtschaftsführer haben die Pflicht, sich in zentrale politische Themen einzumischen»: Rolf Dörig, 61, am Hauptsitz von Swiss Life in Zürich. Bild: Sebastian Magnani

«Wirtschaftsführer haben die Pflicht, sich in zentrale politische Themen einzumischen»: Rolf Dörig, 61, am Hauptsitz von Swiss Life in Zürich. Bild: Sebastian Magnani

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Wann haben Sie sich das letzte Mal um eine Stelle beworben – so richtig mit Lebenslauf und Motivationsschreiben?
Das war 1985, als ich mich um eine Stelle bei der Schweizerischen Kreditanstalt beworben habe. Da war ich noch nicht einmal 30 Jahre alt.

Würden Sie den Job unter den heutigen harten Selektions­prozessen wieder bekommen?
Wer weiss, aber ich hatte es sicher einfacher als Bewerber heute. Nach Lehre oder Studium schicken Stellensuchende oft 100 Bewerbungen und bekommen dann vielleicht zehn Antworten, acht davon sind Absagen. Vom Rest hört man gar nichts mehr. Das ist respektlos. Ich bedaure, dass in den Firmen oft nur auf die Noten geschaut wird. Wer da nicht top ist, fällt aus dem vorgegebenen Raster der Personalabteilungen.

Können Sie garantieren, dass bei Swiss Life und Adecco alle Bewerber Antwort erhalten?
Bei Swiss Life weiss ich, dass das so ist. Bei Adecco weltweit hoffe ich es sehr.

Auf was müssten Unternehmen bei der Rekrutierung achten, wenn nicht auf die Noten?
Auf die Sozialkompetenz. Sie wird in Zeiten der Digitalisierung, in der alles unpersönlicher wird, immer wichtiger. Soziale Fähigkeiten kommen aber nur im persönlichen Gespräch hervor.

Gerade Adecco setzt doch auch immer stärker auf ­Algorithmen. Diese sortieren die Kandidaten für eine Stelle aus und vermitteln sie ­automatisch an Unternehmen. Ein Widerspruch?
Es ist für die Adecco-Gruppe wichtig, bei der Entwicklung neuer Technologien dabei zu sein. Doch ob ein Bewerber für eine wichtige Position in ein Team und in die Unternehmenskultur passt, spürt ein Roboter nicht. Diesbezüglich sind Roboter dumm und brauchen den Menschen.

Alle reden vom Fachkräfte­mangel, gleichzeitig finden Studienabgänger keine Stelle. Woran liegt das?
Ein Studium ist eine gute Sache, es öffnet Horizonte. Doch als Studienabgänger ohne Berufserfahrung ist man für die Arbeitswelt beschränkt brauchbar. Es braucht erst einige Jahre Praxis.

Also besser eine Lehre machen als studieren?
Die Schweiz ist überakademisiert. Ein Lehrabschluss sollte mindestens so hoch angesehen sein wie ein Studium. Das Handwerk hat goldenen Boden. Nur ist das vielen heute nicht mehr klar. Wer nicht Matur und Studienabschluss hat, gilt in gewissen Kreisen als weniger wert. Häufig sind es gerade die Nicht-Akademiker, die sich im Arbeitsleben bewähren.

Bringen die Universitäten und Fachhochschulen die falschen Fähigkeiten auf den Arbeitsmarkt?
Ja. Es gibt zu viele Studienrichtungen in den unsinnigsten Kombinationen. Es nützt jungen Menschen nichts, wenn sie etwas Interessantes studiert, aber nie gearbeitet haben und dann jahrelang keinen Job finden.

Sollte der Zugang zum Studium härter selektioniert werden in Form von Numeri clausi?
Da bin ich grundsätzlich dafür. Es fängt aber schon viel früher an. Die Schulen sollten sich stärker an der Motivation und der Leistungsbereitschaft der Schüler ausrichten, um das Potenzial der jungen Menschen besser zu nutzen.

Social-Media-Kanäle sind bei der Rekrutierung ein wichtiges Tool. Rolf Dörig aber findet man weder auf Linkedin noch auf Twitter. Als Adecco-Chef sollten Sie Vorbild sein.
Ich mache das bewusst nicht. Mag sein, dass das seltsam wirkt. Aber wenn ich dort präsent wäre, würde ich Twitter auch persönlich bewirtschaften wollen.

Was raten Sie jungen Menschen? Immer mehr Jobs drohen durch die Digitalisierung zu verschwinden.
Sie sollen sich nicht verrückt machen lassen durch die Horrorszenarien, die teilweise an die Wand gemalt werden. Sie sollen sich aufgrund ihrer Stärken für einen Weg entscheiden und sich laufend weiterbilden.

Ihre Managerkollegen ­verbreiten aber keine ­Gelassenheit. UBS-Chef Sergio Ermotti spricht von 30 Prozent weniger Stellen bis in zehn Jahren. Zurich-Chef Mario Greco behauptet, die ­Digitalisierung schaffe unter dem Strich keine Stellen.
Sicher, ein Teil der Jobs wird der Automation zum Opfer fallen. Ich halte aber Angstmacherei für völlig verfehlt. Wir müssen einfach dafür sorgen, dass, wer heute 40 oder älter ist, die Möglichkeit hat, sich neue Fähigkeiten anzueignen. Denn es wird in Zukunft viele neue Jobs geben. In der Summe mehr, nicht weniger. Daneben wird es aber immer auch Menschen geben, die sich nicht anpassen können.

Was halten Sie von einem bedingungslosen Grund­einkommen als Lösung?
Gar nichts. Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Geld wächst nicht auf den Bäumen. Die Unternehmen und die Politik müssen stattdessen dafür sorgen, dass so viele wie möglich den Sprung in die neue Arbeitswelt schaffen.

Und wer bezahlt für die ­Umschulungen?
Die Wirtschaft und der Staat gemeinsam. Das wird die Unternehmen etwas kosten, sie profitieren aber auch davon. Der Staat muss auch einen Beitrag an die Bildungsangebote leisten. Aber noch einmal: Panik ist fehl am Platz.

Ein neuer beruflicher Weg kann auch mit Lohneinbussen verbunden sein.
Sicher. Wer einmal über 10'000 Franken verdient, muss sich vielleicht auch einmal mit 7000 zufriedengeben. Dafür bleibt er im Arbeitsmarkt länger integriert.

«Die EU verdammt die Schweiz dazu, ungewollte Zuwanderung auch von unqualifizierten Personen einfach hinzunehmen.»

Viele Jobs werden aber auch von Ausländern ergattert. Wie haben Sie bei der Masseneinwanderungsinitiative ­gestimmt?
Mit Ja – um ein Zeichen zu setzen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Die EU verdammt die Schweiz dazu, ungewollte Zuwanderung auch von unqualifizierten Personen einfach hinzunehmen. Es geht mir darum, dass wir als Land die Immigration steuern können. Doch die Politik hat die Initiative nicht umgesetzt. Stattdessen haben wir nun diesen Bürokratie-Moloch, der Unternehmen zwingt, nachzuweisen, dass sie nicht gegen den Inländervorrang verstossen. Und gleichzeitig hat der Bundesrat die Drittstaatenkontingente gesenkt.

Wie hätte die Initiative ­umgesetzt werden können, ohne die bilateralen Verträge zu gefährden?
Es gibt rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen. Damit meine ich alles, was die Souveränität der Schweiz – also direkte Demokratie und Föderalismus – auch nur annähernd infrage stellt. Der Bundesrat darf diese staatspolitischen roten Linien auch für wirtschaftliche Vorteile nicht überschreiten.

Die Schweiz würde doch ohne Arbeitskräfte aus der EU gar nicht funktionieren.
Wir brauchen Fachkräfte. Aber wir müssen selber entscheiden können, welche. Zudem brauchen wir Fachkräfte aus der ganzen Welt, nicht nur aus Europa. Den Metzger aus Neuseeland, die Informatik-Spezialistin aus Indien, den Pfleger aus Vietnam, den Forscher aus Amerika. Weil der Bundesrat die Drittstaatenkontingente gesenkt hat, ist der Zugang zu solchen Leuten nun eingeschränkt. Stattdessen hätte er die Kontingente erhöhen oder sie gleich ganz abschaffen können.

Sie sind einer der wenigen Schweizer Manager, die sich politisch äussern, gehören zu den Gründungsmitgliedern der Freunde der FDP. Welcher Partei stehen Sie heute näher – der FDP oder der SVP?
Ich war immer parteilos, stehe heute aber klar bei der SVP.

Sind Sie Mitglied der SVP?
Noch nicht. Ich setze mich für einen bürgerlichen Schulterschluss ein. Die bürgerlichen Parteien sollten verstärkt zusammenarbeiten.

Warum haben Sie sich von der FDP abgewendet?
Ich habe während meiner Karriere immer in internationalen Firmen gearbeitet und bin viel im Ausland. Darum weiss ich, dass die Schweiz als kleines Land offen sein muss. Es ist aber auch wichtig, zu wissen, woher man kommt. Unser politisches System und die Werte der Schweiz müssen wir hochhalten – ohne Kompromisse: direkte Demokratie, Föderalismus, Vertrauen, Verantwortung, Zuverlässigkeit und Solidarität.

Welche Grundwerte vertritt die SVP, die die FDP nicht vertritt?
Mir wurde die FDP in den letzten Jahren zu opportunistisch. Die SVP ist bürgernäher. Sie spürt den Puls der Bevölkerung viel besser. Die FDP ist mir zu akademisch-elitär, was gesellschaftspolitische Themen betrifft. Darum werfen heute auch viele FDPler an der Urne SVP ein. Ihnen fehlt aber der Mut, dazu zu stehen.

Die rigiden Positionen der SVP in der Ausländerpolitik können einem Wirtschaftsliberalen wie Ihnen doch nicht gefallen.
Sicherlich hat die SVP teilweise ­extreme Positionen. Doch um die Sorgen der Bevölkerung zu thematisieren und politisch etwas zu bewegen, muss man manchmal klare Forderungen stellen.

Bis Ende 2018 soll nun ein Rahmenabkommen mit der EU unter Dach und Fach sein, das die Bilateralen sichert. Sie sind skeptisch gegenüber diesem Abkommen.
Mich stört die künstliche Dringlichkeit, die hier geltend gemacht wird. Warum sollen wir uns ins Bockshorn jagen lassen und dafür Dinge in Kauf nehmen, die faktisch einem halben EU-Beitritt gleichkämen? Ich habe allerdings Vertrauen in den Bundesrat, dass er niemals einem Abkommen zustimmen wird, das unsere staatspolitischen Grundsätze ritzt. Und ich bin überzeugt: Die Wirtschaft würde letztlich auch hinter einem Abbruch der Verhandlungen stehen.

Als Chef von zwei SMI-­Konzernen profitieren Sie von der EU.
Der Wirtschaftsraum ist für uns von grosser Wichtigkeit. Doch ich bin nicht nur Wirtschaftsführer, sondern auch Schweizer Bürger. Die EU ist in den letzten Jahren zunehmend zum politischen Projekt mit zentralistischem Ansatz geworden. Das gefällt mir als Schweizer Bürger nicht, und offensichtlich geht es vielen EU-Bürgern gleich. Zudem wissen wir alle, dass sich die Gewichte der globalen Wirtschaft in den nächsten Jahren weiter in Richtung Asien und USA verschieben werden. Was wir jedoch alle wollen, ist ein wirtschaftlich starkes Europa.

Roche-Präsident Christoph Franz hat im Interview mit uns eingehend davor gewarnt, das Abkommen platzen zu lassen.
Auch wenn wir uns sehr gut kennen, in diesem Punkt irrt er sich. (lacht) Glauben Sie wirklich, alle EU-Staaten würden im Falle eines Nichtzustandekommens des Rahmenabkommens die Bilateralen künden? Die Schweiz ist nicht nur einer der wichtigsten Handelspartner, sondern ist auch verkehrstechnisch zentral für Europa.

Probleme mit der EU – in den USA ein Präsident, der völlig unberechenbar agiert: Wäre es nicht an der Zeit, dass die Wirtschaft wieder deutlicher Position bezieht in der Politik?
Absolut. Wirtschaftsführer haben die Pflicht, sich in zentrale politische Themen einzumischen und gemeinsam mit der Politik Lösungen zu formulieren. Die Wirtschaft ist Teil der Gesellschaft. Es geht ihr nur so gut, wie es der Gesellschaft geht.

Sie sind Oberst im Generalstab. Haben die Werte, die im Militär gelebt werden, noch einen praktischen Nutzen in der modernen Unternehmenswelt?
Heute erst recht, würde ich meinen. Das Militär lehrt Disziplin und wie man sich in einer Gruppe einordnet. Als Vorgesetzter lernt man, mit verschiedensten Menschen und Charakteren zusammenzuarbeiten. Das hilft auch in einer globalen Wirtschaft.

Eine der grössten Sorgen der Schweizer Bevölkerung ist die Angst um die Altersvorsorge. Derzeit müssen vor allem die Berufstätigen das Loch stopfen. Müssten nicht auch die heutigen Rentner selber einen Obolus leisten?
Ein völliges Tabu sollte das nicht sein, auch wenn ich grundsätzlich für Besitzstandswahrung bin. Junge, die ins Arbeitsleben kommen, werden in Sachen Altersvorsorge derzeit jedenfalls massiv benachteiligt. Wenn nun mit der neuen Steuervorlage als Kompromiss mehr Geld in die AHV fliesst, ist das Problem nicht gelöst. Die dringlichen Reformen in der ersten und zweiten Säule müssen zeitverzugslos an die Hand genommen werden.

Sind Sie gegen den sich ­abzeichnenden Kompromiss?
Es ist ein Kuhhandel. Die Verknüpfung der Steuerreform mit der AHV ist eigentlich sachlich falsch. Aber die Steuerreform ist dringend und wichtig. Sie muss diesmal durchkommen. Ansonsten drohen der Schweiz im internationalen Steuerwettbewerb einschneidende Nachteile.

Wir alle werden länger arbeiten müssen, um uns unser Alter finanzieren zu können. Wann genau wollen Sie in den Ruhestand treten?
Wenn es nach mir geht, werde ich mit 65 nicht aufhören und nur noch auf dem Golfplatz stehen. Solange ich etwas bewegen kann, Spass habe und mich mein Verwaltungsrat und die Aktionäre unterstützen, arbeite ich gerne weiter.

Sie sind seit langem Mitglied des Zentralvorstandes des Grasshopper-Clubs. GC wäre fast abgestiegen und macht mit Führungs- und Geldproblemen Schlagzeilen. Wann findet der Club zum Erfolg zurück?
Das würde ich auch gerne wissen. Als langjähriger Grasshopper-Club-Anhänger tut es mir weh, dass der Fussballclub seit den Zeiten, als Fritz Gerber und Rainer Gut finanziell engagiert waren, keine Kontinuität mehr findet. So ein Mäzen, wie wir ihn etwa beim ZSC haben mit Walter Frey, ist ein Glücksfall. Er denkt und handelt in Generationen.

Aber Zürich ist die Wirtschaftsmetropole der Schweiz. Geld ist doch vorhanden.
Sicher. Aber Geld, das in Fussballclubs investiert wird, ist à fonds perdu. Es geht um Emotionen und den Nachwuchs. Für viele Geld­geber scheint es heute aber interessanter, das Geld in Kunst oder in andere Anlagen zu investieren.

Was ist Ihr Anspruch an GC für die nächste Saison?
Wir können nicht erwarten, dass GC Meister oder Vizemeister wird. Zentral ist, dass die richtige sportliche Einstellung bei der Mannschaft sichtbar wird.

Also wird GC nie mehr an die gloriosen 80er-Jahre ­anknüpfen können?
Mit dem jetzigen Budget kaum. Machen wir uns keine Illusionen: Wenn Zürich als Grossstadt auf internationalem Niveau mitspielen will, halte ich eine Fusion zwischen GC und dem FCZ früher oder später für unumgänglich.

Erstellt: 28.05.2018, 08:33 Uhr

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Er ist einer der mächtigsten Wirtschaftsführer der Schweiz. Seine Karriere startete der Jurist 1986 bei der Schweizerischen Kreditanstalt. Der 61-Jährige stieg bei der heutigen Credit Suisse bis in die Geschäftsleitung auf. 2002 wechselte er als Konzernchef zum Lebensversicherer Swiss Life. Dort ist er heute Präsident, wie auch beim Personaldienstleister Adecco. Dörig ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne.

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