«Die Fifa kann doch nichts verkaufen»

Ex-Präsident Sepp Blatter über die Pläne von Nachfolger Infantino, die Rechte an der WM abzugeben.

«Der Fussball gehört nicht der Fifa. Er gehört den Verbänden, den Vereinen, den Spielern, den Fans»: Sepp Blatter, 82. Bild: Tanja Demarmels/13 Photo

«Der Fussball gehört nicht der Fifa. Er gehört den Verbänden, den Vereinen, den Spielern, den Fans»: Sepp Blatter, 82. Bild: Tanja Demarmels/13 Photo

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Die Zahl steht im Raum seit vergangenem März. 25 Milliarden Dollar soll die Fifa, der Weltverband des Fussballs, für zwei neue Wettbewerbe erhalten. Gedacht wurde dabei an eine globale Nations League und eine Club-Weltmeisterschaft nicht mehr mit 7, sondern mit 24 Teilnehmern.

Das viele Geld sollte auf zwölf Jahre verteilt werden. Zurück blieb das Staunen, dass es für zwei sportlich weitgehend bedeutungslose Wettbewerbe vorgesehen ist. Hinter dem Angebot steckt ein japanischer Technologieinvestor namens Softbank, der mit Ölmilliarden vor allem aus Saudiarabien ausgerüstet ist.

Vor zwei Wochen machte das Magazin des «Tages-Anzeigers» bekannt, dass hinter dem Deal, den Fifa-Präsident Gianni Infantino im Schnelltempo durchzudrücken versucht hat, noch viel mehr steckt. Dass es um den Verkauf lukrativer Inhalte geht, um E-Sports, TV-Kanäle und das ganze Archiv des Weltverbandes. Später, schrieb das Magazin, soll das Joint Venture zwischen der Fifa und ihren neuen Investoren «den gesamten Fifa-Inhalt konsolidieren».

Die Erkenntnisse beruhen auf Daten, die der «Spiegel» von der Onlineplattform «Football Leaks» erhielt und mit dem Journalistennetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) geteilt hat

Was hinter der sperrigen Formulierung steckt, schreibt die «Süddeutsche Zeitung» aus München. Infantino will auch und vor allem den grossen Schatz der Fifa verkaufen: die Rechte an der WM. Vorgänger Sepp Blatter ist entsetzt ob dieser Pläne. Was er von Infantino hält, macht er im Gespräch deutlich: Er mag nicht ein einziges Mal dessen Namen nennen.

Wenn Sie noch Fifa-Präsident wären, und der Verband bekäme ein Angebot über 25 Milliarden Dollar, würden Sie es annehmen?
Zuerst würde ich anschauen, was dahintersteckt und was passiert. Die Fifa, und das war immer meine Mission, muss den Fussball entwickeln und Wettbewerbe organisieren, und sie muss beides kontrollieren, Entwicklung und Organisation. Aber es hat nie in den Statuten gestanden, dass man den Fussball verkaufen darf.

Will Gianni Infantino genau das?
Über das Thema mit diesen Milliarden muss man doch zuerst einmal die Mitglieder der Fifa informieren: Das sind die Verbände . . .

. . . die 211 . . .
. . . ja. Und wenn ich heute (am Samstag) lese, was da los ist, um was es dabei geht, kann ich nur sagen: Die Fifa kann sich doch nicht ausverkaufen.

Will also Infantino genau das?
Offenbar. Ich habe vor zwei oder drei Tagen eine kleine Konferenz mit einer Business-Organisation hier in Zürich gehabt. Da habe ich gesagt: Irgendeine Firma, sei das Novartis oder eine Bank, die kann einen Teil ihres Geschäfts verkaufen. Aber die Fifa? Die kann doch nichts verkaufen.

Wieso denn nicht?
Der Fussball gehört nicht der Fifa. Er gehört den Mitgliedern der Fifa, den Verbänden, den Vereinen, den Spielern, den Fans.

Wie erklären Sie sich das Vorgehen von Infantino?
Ich kann das nicht. Ich habe immer versucht, mit ihm ein Gespräch zu führen, nachdem er gewählt worden ist. Aber das ist unmöglich gewesen, weil er die Brücken zu mir gleich nach dem ersten Kongress abgebrochen hat. Mich wundert aber eines bei diesen Milliarden.

Was denn?
Es geht nicht nur um zwei neue Wettbewerbe, es geht um viel mehr, um die Rechte an der WM. Wenn man als Investor so viel Geld zahlen will, dann will man auch eine Gegenleistung dafür haben. Ich verstehe das schon. Aber was mich nun wundert: Wieso stehen die Landesverbände nicht auf und sagen etwas? Ich habe noch nie einen gehört, der gesagt hätte: Stop it! Haben Sie einmal etwas vom Schweizer Verband dazu gehört? Kein Wort. Und die Fifa ist ja in der Schweiz. Da müsste der Schweizer Verband doch einmal etwas sagen. Da stimmt doch etwas nicht.

Es könnte auch sein, dass Infantino ganz bewusst niemanden richtig informiert, weder den Council noch die Mitgliedsverbände. Damit er alle überrumpeln und das Geschäft hintenherum abwickeln kann.
Ja! Die 37 Personen im Council, der das Fifa-Exekutivkomitee ersetzt hat, müssten doch einmal hinterfragen, was los ist. Aber nein! Keiner fragt: Wer steckt dahinter? Welche Leute? Was wollen die eigentlich? Das verstehe ich nicht. Ein Fifa-Präsident muss doch Vertrauen aufbauen mit dem Council, mit den Verbänden, er muss ihnen erklären, was los ist.

Gianni Infantino ist ein Walliser wie Blatter, er, der heute 47-jährige Sohn italienischer Einwanderer, kommt aus Brig, Blatter aus Visp. Infantino versuchte sich selbst als Fussballer, aber das Talent dazu reichte nirgends hin. Er studierte Rechtswissenschaften, kam 2000 zur Uefa und arbeitete sich hier zum Generalsekretär hoch, der sich schon in dieser Zeit den sündhaft reichen Clubbesitzern aus Katar und Abu Dhabi an die Brust warf.

Der sprachbegabte Infantino gibt sich gerne jovial. Vor der EM 2012 in Polen und der Ukraine sagte er Journalisten einmal: «Ich bin für Sie immer zu erreichen.» Das war dann halt nicht so. In der Öffentlichkeit stand er stets im Schatten von Michel Platini, der als Chef der Uefa grosser Favorit auf die Nachfolge von Sepp Blatter war. Platini stolperte über eine Zahlung von Blatter, und Infantino erkannte schnell die Chance: Er brachte sich gleich selbst als Kandidat für den Fifa-Thron in Stellung. Er warb mit schönen Versprechen und neuen Geldzahlungen um die Gunst der Verbände. Am 26. Februar 2016 setzte er sich schliesslich in Zürich gegen vier Kandidaten durch.

Sepp Blatter, was zeigt Ihnen das Handeln von Infantino in diesen Wochen und Monaten?
Dass er den Auftrag der Fifa nicht verstanden hat. Die Fifa ist nicht dazu da, um mehr Geld zu machen. Sie ist dazu da, Disziplin, Respekt und Fairplay zu vermitteln. Wer darauf setzt, schafft Vertrauen. Aber was er macht, schafft das Gegenteil: Misstrauen.


«Die Fifa ist nicht dazu da, um mehr Geld zu machen. Sie ist dazu da, Fairplay zu vermitteln. Wer darauf setzt, schafft Vertrauen. Aber was er macht, schafft das Gegenteil: Misstrauen.»

Ein japanischer Investment-fonds will mit Geld aus Saudiarabien die Kontrolle über die neuen Wettbewerbe und die Fifa übernehmen, heisst es. Halten Sie das für glaubwürdig?
Beobachten Sie nur den internationalen Fussball! Immer mehr und mehr Grossclubs werden von Investoren übernommen. Aus den USA, aus Russland, aus Asien. Die haben gesehen: Ah, das ist ja etwas Grossartiges, das ist besser, als irgendeinen Rennstall zu kaufen, weil der Fussball attraktiver ist. Und plötzlich kommen sie auf die Idee: Wir kaufen nicht nur die Clubs, wir kaufen doch gleich die Fifa.

Wenn Sie sagen, der Fussball sei nicht zu kaufen, ist dann Infantino käuflich?
Ich verstehe nicht einmal, wie er den Verkauf realisieren will. Der Fussball ist so attraktiv, überall Fussball und nochmals Fussball. Darum wollen Investoren davon profitieren. Wenn der Präsident ein solches Dossier erhält, muss er das doch auch im Kongress besprechen. Aber er hat es nicht einmal im Council offengelegt. Das geht doch nicht.

Ist Infantino noch tragbar?
Ich habe nur gestern Nacht noch den Artikel einer Zeitung aus München erhalten (er meint die «Süddeutsche Zeitung»). Darin stand: «Infantino muss weg.» Die Frage, ob er noch tragbar ist, kann ich leider nicht beantworten. Die Mitglieder der Fifa sind jetzt gefordert, oder die Ethikkommission ist es. Diese Kommission, die gesagt hat: «Blatter und Platini sind nicht tragbar, wir müssen Sie suspendieren.» Wo ist jetzt ihre Reaktion geblieben?

Das wäre die nächste Frage gewesen.
Wir haben die Ethikkommission, wir haben allerdings auch die Control-und-Compliance-Kommission. Control und Compliance heisst: Führt er sein Amt richtig aus? Das macht er ja offenbar nicht. Die Fifa ist 1904 gegründet worden, jetzt haben wir 2018. Ich habe immer die Fifa verteidigt. Als man mir sagte, die Fifa sei korrupt, habe ich immer gesagt: «Nicht die Fifa ist korrupt, Menschen können aber korrupt sein.» Die Fifa lebt, weil der Fussball lebt. Sie darf man doch nicht kaputt machen und verkaufen.

Welche Rolle spielt die neue Ethikkommission unter Maria Claudia Rojas, für welche die alte Führung auf Betreiben Infantinos weichen musste?
Der alte Chef (er meint Richter Eckert), der Michel Platini und mich sehr elegant ausmanövriert hat, hat gesagt: Ich hätte nie in die Ethikkommission eingegriffen und mich nie in die Kontrollprozesse eingemischt. Man kann jetzt doch nicht sagen, wie er (er meint Infantino) das macht: «Ich bin Jurist, ich muss wissen, was im Reglement der Ethikkommission steht.» Entschuldigung, er ist nicht der Jurist der Fifa, er ist der Präsident.

Sepp Blatter wurde Ende 2015 von der Ethikkommission der Fifa, die er selbst eingesetzt hatte, während acht Jahren für alle Ämter im Fussball gesperrt. Später ist die Sperre um zwei Jahre bis 2021 reduziert worden. Anfänglich setzte das Urteil Blatter gesundheitlich zu, er wollte auch um die Rückkehr in den Fussball kämpfen. Inzwischen hat er eingesehen, dass das ein völlig aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen ist. Inzwischen hat er mit sich und der Welt Frieden geschlossen. Eines macht der 82-Jährige jedoch ganz gerne: Interviews geben.

Am Ende von Blatters Amtszeit beschäftigte die Fifa 460 Personen, heute sind es bereits 800, und gegen Ende Jahr sollen es 1000 sein, für die am Hauptsitz nicht genügend Platz ist. Darum müssen sogar in Oerlikon Räumlichkeiten dazu gemietet werden.

Hätten Sie sich eine solch zahnlose Ethikkommission zu Ihren Zeiten gewünscht?
Ich wurde suspendiert wegen einer Zahlung von zwei Millionen Franken, die mit einem Vertrag per Handschlag vereinbart worden war. Zwei Millionen zu einer Zeit, als die Fifa schon Milliarden umsetzte und der Präsident (also Blatter) mehr hätte zahlen können. Da wurde ein Riesentheater gemacht. Und jetzt? Jetzt ist alles gut? Nein! Ich war 41 Jahre bei der Fifa, ich hatte als Direktor für Entwicklungsprogramme begonnen. Und was ich jetzt sehe, tut mir im Herzen weh.

Zuerst hiess es, es gehe um eine globale Nations League und eine Club-WM, die von 7 auf 24 Teilnehmer ausgebaut wird. Aber es geht um viel, viel mehr . . .
. . . eben, es geht um die Rechte an der Weltmeisterschaft! Und abgesehen davon: Es war falsch von mir, eine Club-Weltmeisterschaft einzuführen. Das würde ich nie mehr machen. Jamais. Die Clubs gehören den Verbänden, und die Konföderationen können Wettbewerbe für sie organisieren. Aber das kann nicht die Fifa machen, sie muss ihre eigenen Wettbewerbe durchführen, und das sind nur jene mit den nationalen Verbänden.

Am Ende geht es nun allen Beteiligten, den Investoren und Infantino, nur um eines: um Gier. Sie wollen mehr und immer mehr.
Da müssen wir die Motivation des jetzigen Präsidenten analysieren, was er will. Die Fifa sollte «back to the sources», zurück zum Ursprung, sie sollte wieder wissen, wofür sie da ist. Und das sind die Verbreitung und Kontrolle des Fussballs. Was er vorhat, scheint keine gute Sache zu sein.

Offenbar hat er in seiner Amtszeit von zweieinhalb Jahren 61 Leute der ersten und zweiten Managementstufe ausgewechselt . . .
. . . ja. Das ganze Know-how ging verloren. Der Einzige, der noch blieb, war der Chefjurist, Marco Villiger. Und den hat er jetzt auch rausgekickt. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen. Er kam nach den Ferien zurück ins Büro und sollte es innert vier Stunden räumen. Am Ende gaben sie ihm acht Stunden.

Wie geht es weiter mit Infantino, mit dem 25-Milliarden-Geschäft?
Als Prophet bin ich zwar gut, wie morgen das Wetter aussehen wird. Aber was nun in der Fifa passiert? Das weiss ich nicht. Was mich stört, ich kann es nur wiederholen: Dass die Verbände nicht aufstehen und sagen: So nicht! Die Zeitungen auf der ganzen Welt sind seit Wochen voll von diesem Thema, immer und immer wieder. Und jetzt, nach der neuesten Meldung, als Fifa einfach zu sagen, es sei nur eines von Hunderten von Papieren, das behandelt werde, das ist kaum glaubwürdig.

Das ist lächerlich.
Man kann sich jetzt fragen, ob ich am Ende ein guter oder schlechter Präsident war, aber ich habe die Fifa geprägt. Als ich 2015 ging, stand die Fifa gut da.

Der Ruf war nicht eben der beste.
Sie stand wirtschaftlich und personell gut da. Ich stellte mein Mandat zur Verfügung, um sauber aufzuräumen. Und dann hat man mich sofort suspendiert. Das hat nur mit einem Komplott zu tun. Aber darüber reden wir heute nicht.

Nächsten Mai findet bei der Fifa die Präsidentenwahl statt. Denken Sie, ein seriöser Gegenkandidat hätte gute Chancen gegen Gianni Infantino?
Ich wäre überrascht, wenn es keinen Gegenkandidaten gäbe.

Sähen Sie einen?
Ich nenne keine Namen.

Sie kommen nicht mehr infrage. Sie sind bis 2021 suspendiert.
Konfuzius hat schon gesagt: Wenn du einmal Pferd gewesen bist, werde nie mehr Esel.

Erstellt: 17.11.2018, 23:11 Uhr

Sepp Blatter, der gestürzte Präsident

Sepp Blatter drängte am 10. März 1936 zwei Monate zu früh auf die Welt, als könnte er nicht warten, sie zu erobern. Er war danach viel: Messdiener, Hobby-Fussballer, Student der Volkswirtschaft, Werbechef des Walliser Verkehrsverbandes, Generalsekretär des Schweizer Eishockeyverbandes, Pressechef des Nationalen Olympischen Komitees, Direktor bei Longines. Und dann, Ende 1974, kam er zur Fifa. Die ersten sechs Jahre leitete er die Entwicklungsprogramme, danach wurde er Generalsekretär. 1998 stieg er zum Präsidenten auf. Im Dezember 2015 wurde er wegen einer Zahlung von 2 Millionen Franken an Michel Platini für sechs Jahre suspendiert.

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