Die Flieger starten durch

Vor hundert Jahren riskieren Piloten Kopf und Kragen, um Briefe und Passagiere zu transportieren.

Häfeli DH-3 der Schweizer Luftwaffe um 1920: Im Einsatz für den Luftpostdienst zwischen Dübendorf und Bern. Bild: Keystone

Häfeli DH-3 der Schweizer Luftwaffe um 1920: Im Einsatz für den Luftpostdienst zwischen Dübendorf und Bern. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Geburtshelfer der Schweizer Luftfahrt hat eine abscheuliche Fratze: den Ersten Weltkrieg. Weltweit werden während der Kriegsjahre an die 200'000 Flugzeuge produziert. Die Armeen bilden zahlreiche Mechaniker und Piloten aus. Plötzlich sind Flugzeugbauer gefragt, Start- und Landebahnen müssen her.

Es ist aber das Ende des Kriegs, das in der Schweiz zukunfts­prägende Ereignisse nach sich zieht: die ersten regelmässigen Post- und Passagierflüge. Obschon damals keiner ahnt, dass diese beiden Premieren dereinst historische Meilensteine darstellen würden, machen sie 1919 zum Geburtsjahr des Schweizer Luftverkehrs.

Wegbereiter sind Waghalsige, die in ihren Maschinen Kopf und Kragen riskieren, später um ihre Leidenschaft kämpfen und aus der Not heraus zu unerschrockenen Unternehmern werden. Ihr Vermächtnis lässt heute unter anderem die Kassen von Flughäfen oder Airlines klingeln und kurbelt den Tourismus an. Aber von vorne.

Nachdem den beiden Amerikanern Wilbur und Orville Wright 1903 in Kitty Hawk der erste Motorflug der Geschichte gelingt, weihen sie Männer aus aller Welt ins Geheimnis des Fliegens ein. Unter ihnen ist auch der deutsche Ma­rinekapitän Paul Engelhardt. Er ist es, der im März 1910 den ersten Motorflug in der Schweiz ab­solviert und dafür keine Mühe scheut. Schliesslich hat der St. Moritzer Kurverein einen Preis von 2000 Franken für jenen Abenteurer ausgesetzt, der sich mindestens 15 Minuten in der Luft hält. Engelhardt zerlegt seinen fili­granen Doppeldecker und lässt ihn per Bahn von Berlin nach St. Moritz transportieren. In den Bündner Bergen liegt Schnee, es ist beissend kalt. Genau darauf hat der Pionier gehofft, denn so bietet der gefrorene See für sein fragiles Fluggerät eine ideale Start- und Landepiste. Vor grossem Publikum gelingt ihm der Exploit, der das ganze Land fasziniert. Doch geheuer ist die Fliegerei dem gemeinen Volk nicht, umso gefeierter sind jene Tollkühnen, die sich in die Luft wagen.

Von Dübendorf nach Bern in 63 Minuten

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird der Kavallerie-Instruktor und Pilot Theodor Real von der Schweizer Armee mit der Aufstellung einer Fliegertruppe betraut. Gefeierte Flieger wie Alfred Comte und Oskar Bider sind unter den ersten elf Piloten, die die Schweizer Armee im ersten Kriegsjahr ernennt. Bis zum Kriegsende sind es mehr als 40, darunter der renommierte Pionier Walter Mittelholzer.

Doch sie alle stehen vor einer ungewissen Zukunft, als der Frieden endlich einkehrt. Denn mit dem Kriegsende drohen die Flieger mitsamt ihren Maschinen ihre Raison d’être zu verlieren – und damit nicht nur ihren Broterwerb, sondern ihren Status, ihren Lebensstil und nicht zuletzt die Bewunderung der Öffentlichkeit.

Es ist Arnold Isler, Kommandant der Fliegertruppe, der ihnen neue Aufgaben erteilt. Er ruft 1919 versuchsweise einen Flugpostverkehr auf der Strecke von Dübendorf nach Bern ins Leben: Der 8. Januar ist ein neb­liger Tag. Der Wind bläst von Norden, als der erste Postpilot an Bord einer Militärmaschine des Typs Häfeli DH-3 abhebt. Für den Flug in die Hauptstadt benötigt er 63 Minuten. Der Rückflug gleichentags dauert 50 Minuten, das ist im Bulletin Nr. 1 der Verkehrsstatistik des Flugplatzes von Dübendorf nachzulesen.

Dieser tägliche Kurier steht vorerst nur der Armee zur Verfügung. In der «Statistik des ersten schweizerischen Luftpostverkehrs» heisst es im ersten Monat gleich mehrmals: «Start unmöglich» – oft «wegen Wetter», einmal wegen «Personalmangels». Einmal bleibt das Flugzeug wegen einer Motorpanne in Bern, und zweimal zwingt ein Schneesturm den Piloten, seinen Flug unterwegs abzubrechen. Nichtsdestotrotz hält die Flugplatzdirektion eine «ausgezeichnete Regelmässigkeit des Dienstes» fest. Und so wird im Februar der Kurierdienst nach Lausanne verlängert. Arnold Isler beschliesst zudem, den militärischen Luftpostdienst der Öffentlichkeit anzubieten. Die Piloten nehmen fortan Briefe von bis zu 250 Gramm mit, nachdem der Absender die Zuschlagtaxe von 50 Rappen mittels erster schweizerischer Flugpostmarke beglichen hat. Kurze Zeit später wird das Höchstgewicht auf 750 Gramm angehoben.

Neun Monate, vier Abstürze, zwei Tote

Doch Islers Plan, den Luftpostdienst mit den Einnahmen zu finanzieren, scheitert. Der erste Direktor des 1920 gegründeten Eidgenössischen Luftamtes hält aber vorerst an seiner Vision fest – und geht noch einen Schritt weiter. Er bewilligt ab Juni 1919, dass die Militärpiloten zwischen Dübendorf, Bern und Lausanne auch Passagiere befördern. Und das trotz des mitfliegenden Risikos: Allein 1919 stürzen innert neun Monaten vier Piloten ab. Zwei davon verlieren ihr Leben – darunter Oskar Bider. Wohl darum müssen die Passagiere vor dem Start eine Verzichtserklärung unterschreiben. Die Reise ohne jeglichen Komfort und an der frischen Luft kostet 300 Franken, eine Teilstrecke 100 Franken.

Zwar gelingt es Arnold Isler 1919 nicht, eine regelmässige Verkehrsfliegerei zu etablieren – dafür machen die Zivilisten zu wenig vom militärischen Angebot Gebrauch –, und so wird der Dienst Ende Oktober eingestellt. Doch die neuen Perspektiven beflügeln die Luftfahrtpioniere, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen: Walter Mittelholzer und Alfred Comte gründen die Comte, Mittelholzer und Co. Aero Luftbildverlags­anstalt und Passagierflüge und ­fusionieren kurz darauf mit einer Luftverkehrsgesellschaft einstiger Militärkameraden. Es entsteht die Ad Astra – aus der die Swissair hervorgeht.

Erstellt: 03.02.2019, 18:40 Uhr

Der Tod des Flieger-Asses

1919 stürzt Pionier Oskar Bider vor den Augen seiner Freunde ab.

Oskar Bider vor seinem Pyrenäen-Überflug 1913. Bild: Archiv MHMLW

Oskar Bider starb, wie er lebte – im Rampenlicht. Zwar zeichnet er sich schon als Bub aus: «Kein Baum war ihm zu hoch, keine Fluh zu steil. Beim Ringen und Schwingen war er allen überlegen», heisst es im Nachruf im «Ustermer Anzeiger». Doch nichts deutet auf eine historische Karriere hin, als sich der am 12. Juli 1891 geborene Sohn eines Tuchhändlers zum Landwirt ausbilden lässt und nach der Rekrutenschule 1911 in Argentinien als Gaucho anheuert.

Den «etwas derben, aber gemütsvollen» jungen Mann hält es nicht lang in Argentinien. Ein Jahr später kehrt er zurück und fällt kurz darauf jenen Entschluss, der ihn zum Nationalhelden machen sollte: «Ich mag nicht mehr Bauer sein, ich muss Flieger werden!» Im November 1912 packt «Oski» seine Sachen und zieht nach Pau in Südfrankreich, wo er in die Flugschule des legendären Aviatikers Louis Blériot eintritt. In einem Brief nach Hause schreibt er: «Ich fühle mich auf dem Apparat so sicher wie zu Pferd. Was andere in acht bis vierzehn Tagen erlernen, erreichte ich schon am dritten Tage.» Rund einen Monat nach seiner Ankunft erlangt Bider sein Brevet und fliegt kurz darauf erstmals ins Rampenlicht: Im Januar 1913 bezwingt er auf seinem Flug von Pau nach Madrid als Erster die Pyrenäen. Dann geht es Schlag auf Schlag. Im Mai überfliegt «Oski» als Erster die Berner Alpen und zwei Monate später die gesamte Alpenkette von Bern nach Mailand. «Nie zuvor hat man eine ähn­liche Leistung eines Aviatikers registriert», jubelt deshalb am 15. Juli 1913 die «Berner Zeitung».

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, rückt das Flieger-Ass ein, avanciert rasch zum Fluglehrer und später zum Chefpiloten. Dem Mann fliegen die Herzen zu: «Stösse von Liebesbriefen von Mädchen und verheirateten Frauen» hätten in seinem Spind gelegen. Doch nach dem Kriegsende steht die Welt des Militärpiloten Kopf. Er muss sich neu orientieren. Gemeinsam mit Kameraden macht er sich an die Gründung einer zivilen Fluggesellschaft. Doch kurz nachdem Oskar Bider seine Zukunft aufgegleist und die Armee verlassen hat, verunglückt er am 7. Juli 1919 frühmorgens – vor den Augen einer Gesellschaft, mit der er die Nacht durchgefeiert hat. Seine Schwester, die Filmschauspielerin Leni Bider, nimmt sich wenige Stunden später aus Gram das Leben. Es bleibt rätselhaft, weshalb das Flieger-Ass bei diesem Akrobatikflug abstürzt. Fest steht: Die Maschine war intakt. Seither kursieren Spekulationen, wonach Bider das Flugzeug absichtlich «abschmieren» liess.

Pia Wertheimer


In seinem kürzlich erschienenen ­Roman «Biders Nacht» (Knapp Verlag, 2019, 224 S., Fr. 25.–) zeichnet Aviatikjournalist Peter Brotschi die letzte Nacht des Luftfahrtpioniers und dessen Schwester Leni nach. Er bettet dabei die fiktive Handlung in akribisch recherchierte Gegebenheiten ein.

Von den Pioniertaten bis zum Rekordjahr am Flughafen Zürich

1910 Erster Motorflug in der Schweiz
Im März lässt der Deutsche Paul Engelhardt seine Maschine nach St. Moritz transportieren. Dort dient ihm der gefrorene See als Piste. Er dreht drei Runden in seinem Doppeldecker. Im August hebt das erste Flugzeug ab, das von Schweizer Bürgern entwickelt wurde: der Apparat 4.

1910 Zürcher Flugwoche
Der Flugplatz Dübendorf wird eröffnet. Dort findet die erste Zürcher Flugwoche statt. Bis zu 30'000 Schaulustige pilgern täglich zum Anlass, um die Helden der Lüfte zu bestaunen. Fünf Jahre später pachtet der Bund den Flugplatz und macht ihn zum ersten Schweizer Militärflugplatz.

1913 Pioniertaten und eine Spendensammlung
Der Luftfahrtpionier Oskar Bider überquert die Alpen, und Robert Gsell gelingt ein dreistündiger Flug über dem Bodensee. Es wird eine nationale Sammlung für
die Schaffung einer Militäraviatik durchgeführt. Der Spendenbeitrag summiert sich auf 1'734'564 Franken.

1914 Aufstellung der Fliegertruppen
Am 31. Juli wird der Kavallerie-Instruktor und Pilot Theodor Real von der Armee mit der Aufstellung einer Fliegertruppe betraut.

1919 Verkehrsfliegerei
Im Januar findet der erste regelmässige Postflug und im Sommer der erste Passagierflug statt. Gründung der Luftverkehrsunternehmen Aero-Gesellschaft Comte, Mittelholzer & Co., der Zürcher Frick & Co. Luftverkehrsgesellschaft Ad Astra und der Avion Tourisme SA.

1920 Gründung des Luftamtes
Das Eidgenössische Luftamt entsteht. Ab 1979 heisst es Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl).

1921 Erster Linienflug ins Ausland
Regelmässige Auslandflüge von Ad Astra beginnen auf der Linie Nürnberg/Fürth–Zürich–Genf. Dübendorf wird zum Hauptflugplatz der Schweiz.

1931 Die Swissair entsteht
Fusion der Ad Astra und der 1925 gegründeten Balair zur Schweizerischen Luftverkehr-Aktiengesellschaft Swissair mit Sitz in Zürich.

1934 Erster schwerer Swissair-Unfall
Ein in Zürich gestartetes Passagierflugzeug der Swissair des Typs Curtiss AT-32C stürzt bei Wurmlingen in Deutschland ab. Zwölf Menschen verlieren ihr Leben, darunter der «Engel der Lüfte» Nelly Diener, die erste Flugbegleiterin Europas.

1946 Gründung des Zürcher Airports
Das Zürcher Stimmvolk spricht 36,8 Millionen Franken für den Bau des Flughafens in Kloten. Seit 1948 fliegen die zivilen Maschinen dort den neuen Zürcher Flughafen an und nicht mehr die Dübendorfer Pisten. Die Schweiz zählt
148'589 zahlende Passagiere.

1963 Tragödie eines Dorfes
Eine Caravelle, die von Zürich nach Rom mit Zwischenlandung in Genf fliegen soll, stürzt wenige Minuten nach dem Start bei Dürrenäsch AG ab. Alle 80 Insassen kommen ums Leben. 43 davon stammen aus Humlikon ZH, das mit dem Unglück ein Fünftel seiner Einwohner verliert.

1970 Terroristen schlagen zu
An Bord einer Swissair-Maschine des Typs Convair nach Tel Aviv explodiert eine Bombe. Der Flieger stürzt bei Würenlingen AG ab. Das Unglück fordert 47 Menschenleben.

1998 Der schwerste Swissair-Unfall
Eine MD-11 der Swissair stürzt auf dem Weg von New York nach Genf bei Halifax (Kanada) ins Meer. Grund dafür ist ein Kabelbrand. Alle 229 Insassen sterben.

2001 Das Ende mit Schrecken
Der Fluggesellschaft geht das Geld aus, die Swissair wird gegroundet. Aus der Crossair entsteht die Swiss International Airlines.

2007 Die Swiss wird deutsch
Die Deutsche Lufthansa übernimmt die Swiss. Ein Jahr später kauft die «Kranich-Airline» auch die Edelweiss Air von Kuoni.

2013 Ein Entscheid für die Zukunft
Nachdem die Luftwaffe den Betrieb des Flugplatzes Dübendorf aufgeben will, schreibt der Bund das Areal aus. Er sucht einen Betreiber für einen zivilen Flugplatz, der neben einem Innovationspark Platz finden und so den Flughafen Zürich entlasten soll. Den Zuschlag erhält die Flugplatz Dübendorf AG, die Vertreter der Geschäfts- und Privatfliegerei sowie die Rega vereint.

2017 Konstantes Wachstum
Der Schweizer Linienluftverkehr bedient 197 Destinationen in 57 Ländern. Auf den verschiedenen Flugplätzen mit und ohne Linienverkehr sind insgesamt rund 47'000 Personen beschäftigt. In der Schweiz sind 1786 Flächenflugzeuge regis-
triert, und das Liniennetz der Schweizer Fluggesellschaften beträgt 475'480 Kilometer.

2018 Ein Rekordjahr
Am Flughafen Zürich werden innerhalb eines Jahres mehr als 30 Millionen Passagiere abgefertigt.

Artikel zum Thema

Eine fliegende Legende – in Krieg und Frieden

Die Ju52/3m ist ein Denkmal der Luftfahrtgeschichte. Nach dem Absturz vom Samstag gibt es weltweit nur noch sechs flugfähige Maschinen. Mehr...

«Versagt die Steuerung in dieser Situation, stürzt man senkrecht ab»

Ein Militärpilot hat die Ju-52 kurz vor ihrem Absturz bei einem ungewöhnlichen Manöver beobachtet. Er vermutet Probleme mit der Steuerung. Mehr...

Der Untergang der Schweizer Fluggesellschaften

Mit Skywork ist eine bedeutende Regional-Airline bankrott. Sie reiht sich ein in die Liste der gescheiterten Schweizer Fluglinien. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...