Die gefährlichsten Tramhaltestellen
der Schweiz

An Haltestellen in Zürich und Basel werden regelmässig Fussgänger angefahren. Vor lauter Kundendienst und Freundlichkeitszwang leide die Sicherheit, sagen Chauffeure.

Nirgendwo sonst gibt es so viele Verletzte im Tramverkehr: Beim Basler Bahnhof kreuzen sich Fussgänger, Busse und Trams – ein täglicher Stress für die Chauffeure. Bild: Kostas Maros

Nirgendwo sonst gibt es so viele Verletzte im Tramverkehr: Beim Basler Bahnhof kreuzen sich Fussgänger, Busse und Trams – ein täglicher Stress für die Chauffeure. Bild: Kostas Maros

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Diese Menschenmassen, denkt Roman Buess*, während er sein Tram zur Haltestelle beim Bahnhof Basel lenkt. Mehrere Haltepunkte liegen dicht beieinander, Tramspuren kreuzen sich, ein Bus fährt um die Kurve und schneidet dabei seinen Fahrweg. Fussgänger laufen über die Tramgleise, sie tragen Ohrhörer und schauen auf ihr Smartphone.

Mindestens sechs Passanten wurden hier allein in den letzten zwei Jahren von einem Tram angefahren und verletzt, einer von ihnen schwer. Die Haltestelle Bahnhof Basel SBB ist die gefährlichste Haltestelle in der Schweiz, doch nicht die einzige, an der es immer wieder zu Unfällen kommt. Ein Tramfahrer brauche Nerven aus Stahl, sagt Buess. «Wir sind immer auf Zack und hoffen, wir sehen alles.»

In Basel und Zürich werden besonders viele Fussgänger von Trams angefahren. Das zeigt eine Auswertung von Unfalldaten des Bundesamts für Verkehr (BAV), welche die SonntagsZeitung, gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz, für den Zeitraum 2010 bis 2016 erhalten hat. Heikel sind vor allem Haltestellen wie Zürich Stauffacher und Basel Barfüsserplatz – unübersichtliche Knotenpunkte im städtischen Verkehrsnetz.

VBZ und BVB halten am Service-Gedanken fest

Einmal im Monat gerät ein Passant vor ein Basler Tram und wird dabei verletzt. In Zürich passiert das im Schnitt alle zwei Wochen. Wie häufig es zu brenzligen Situationen ohne Verletzte kommt, kann niemand sagen. Basler Trams haben schweizweit das höchste Unfallrisiko im Verhältnis zu den zurückgelegten Strecken und dem Fahrgastaufkommen, gefolgt von Zürich. In Basel kommt es alle 19,1 Millionen, in Zürich alle 19,7 Millionen Personenkilometer zu einem Unfall. In Bern hingegen nur alle 31,1 Millionen Personenkilometer.

Infografik: Kollisionen zwischen Trams und Fussgängern Grafik vergrössern

Die Verkehrsbetriebe hätten keinen Einfluss darauf, wie sich andere Verkehrsteilnehmer verhalten, sagt Sprecher Andreas Uhl von den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ). In der Tat trifft, gemäss den Unfalldaten, die Fahrer sehr selten eine Schuld. «Trams in verschiedenen Städten verkehren unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen», heisst es beim BAV. In Städten, in denen Trams häufiger über ein eigenes Trassee verkehren und in denen es weniger Kreuzungspunkte mit Fussgängern oder anderen Verkehrsteilnehmern gebe, sei das Unfallrisiko generell kleiner.

Trotz der schwierigen Verkehrssituation und des hohen Unfallrisikos sind weder VBZ noch die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) bereit, Abstriche zu machen, wenn es um die Zufriedenheit ihrer Kunden geht. War es früher seine Aufgabe, sicher zu fahren, ist der Tramchauffeur heute auch für das Erlebnis der Fahrgäste zuständig. «Das Fahrpersonal ist das Gesicht der BVB und gibt Auskunft zu Fragen aller Art», sagt BVB-Sprecher Benjamin Schmid. Ein Chauffeur soll gewinnend und kommunikativ auftreten, unter Zeitdruck sehr guten Kundendienst leisten und Ortsunkundige aktiv unterstützen – so steht es explizit in den Verhaltensgrundlagen für den VBZ-Fahrdienst.

«Wir erleben immer wieder, wie die Euphorie der Berufsanfänger bald in Frustration kippt.» VPOD-Gewerkschaftssekretär Duri Beer

Die Erfüllung dieser und weiterer Vorgaben werde in unangemeldeten Kontrollen überwacht und sei lohnrelevant, sagt VPOD-Gewerkschaftssekretär Duri Beer. «Wir erleben immer wieder, wie die Euphorie der Berufsanfänger bald in Frustration kippt.» Schuld daran sei nicht die schwierige Verkehrssituation, sondern der zusätzliche Druck, der durch die Leistungskontrollen ausgeübt werde. Auch die fehlende Abschottung der Fahrer hält er für problematisch. «Der Tramchauffeur sitzt hinter einem geöffneten Glasfenster. Jeder kann mit ihm sprechen, ihm über die Schulter schauen und beobachten, welchen Knopf er drückt. Oft wird sogar gefilmt. Das lenkt ab und erschwert die Konzentration auf den Verkehr.»

Beer hält deshalb eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche Aufgabe der Tramchauffeure für angebracht: «Ob ein Fahrer pünktlich und sicher ans Ziel fährt – das ist doch entscheidend.» Fahrerische Fähigkeiten hätten schon immer im Zentrum gestanden, entgegnet VBZ-Sprecher Uhl.

Dass gestresste oder erschöpfte Fahrer im Ernstfall langsamer reagieren, will er nicht leugnen. «Sie müssen Multitasking betreiben und komplexe Verkehrssituationen einschätzen, und das acht Stunden am Tag. Wenn das Fahrpersonal nicht erholt ist, ist das brandgefährlich.» Selbst eine leichte Grippe sei ein Sicherheitsrisiko.

Fahrer sprechen von einer Kultur des Misstrauens

Einen Anlass, den Zustand der VBZ-Fahrer unter die Lupe zu nehmen, sieht Uhl dennoch nicht. «Unsere Fahrer sind mit maximaler Konzentration bei der Sache.» Auch BVB-Sprecher Schmid hält die Überlegung, dass erholte Fahrer im Ernstfall schneller reagieren, für korrekt. Um Fahrer zu entlasten, seien Diensträume modernisiert worden, und man achte darauf, dass die Nachtruhe länger dauere, als es das Gesetz vorschreibe. Bei der Diensteinteilung werde auf Fahrerwünsche geachtet, soweit das möglich sei.

Toya Krummenacher, VPOD-Gewerkschaftssekretärin für die Region Basel, widerspricht. Bei der Erstellung der Dienstpläne werde nicht genügend auf die Bedürfnisse der Fahrer gehört. «Mit sozial- und gesundheitsverträglichen Dienstplänen könnten die BVB entscheidend zur Sicherheit im Schienen-ÖV beitragen. Das wäre im Interesse aller.»

Im Juli wurde publik, dass es unter Basler Tram- und Buschauffeuren zu doppelt so vielen gesundheitsbedingten Ausfällen kommt wie bei anderen Verkehrsbetrieben in der Schweiz. Gegenüber der Zeitung «BZ Basel» sprachen Fahrer von einer Kultur des Misstrauens und der Kontrolle im Betrieb. Feedback gebe es nur in negativer Form, etwa als eine Auflistung der Fehler, welche die Fahrer in den letzten Wochen begangen haben. Ein aktueller Bericht der Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rats zeigt, dass die Mehrheit der Chauffeure unter dem schlechten Klima leidet. Die BVB weisen diesen Vorwurf zurück. Kontrollen seien notwendig, um Verbesserungen zu erwirken.

Kombination aus Zeitdruck und Verkehrschaos

Tramfahrer Roman Buess fühlt sich von den Verkehrsbetrieben alleingelassen und wünscht sich, dass diese mehr hinter ihren Fahrern stehen. «Klar gibt es schwarze Schafe, aber die meisten von uns geben sich alle Mühe. Es ist frustrierend, wenn dann ein negatives Kundenfeedback gleich zu einer Abmahnung führt und unsere Vorgesetzten sich immer auf die Seite der Kunden stellen, ohne unsere Sichtweise zu berücksichtigen.» Oft sei der Fahrplan kaum einzuhalten – weil Fussgänger, Autos und Velofahrer immer wieder die Strecke blockieren, Türen für verspätete Fahrgäste offen gehalten werden und er an vielen Haltestellen auf jemanden warten muss, der sich beeilt, das Tram noch zu erreichen. Die Kombination aus Verkehrschaos und Zeitdruck sei tückisch. «Du stehst so unter Druck und gibst dir alle Mühe, die verlorene Zeit aufzuholen – wenn sich dann die Verkehrssituation beruhigt, schnaufst du durch, und schon ist etwas passiert.»

Der Druck, den seine Vorgesetzten ausüben, um keine Kunden zu verärgern, sei nicht im Sinne der Verkehrssicherheit. «Wir wissen, wie man im Ernstfall reagiert. Aber wenn wir entspannter fahren könnten, wäre unsere Reaktionszeit sicher im einen oder anderen Fall noch schneller.»

Ein Trampilot protestiert gegen die Arbeitsbedingungen bei den VBZ.. Video: Tamedia Webvideo / «20 Minuten»

Dass es auch anders geht, zeigt Bernmobil. Bei der Erstellung der Dienstpläne werde sehr gut auf Wünsche der Fahrer eingegangen, sagt VPOD-Gewerkschaftsvertreter Michel Berger. Das Arbeitsklima sei gut. Komme es zu negativen Kundenreaktionen, werde auch die Sichtweise der Fahrer berücksichtigt. Der Anteil von Bernmobil-Fahrern, die die Unternehmenskultur negativ bewerten, liegt laut der letzten Mitarbeiterbefragung bei neun Prozent.

Man verzichte bewusst auf eine «Null-Fehler-Kultur», sagt Sprecherin Tanja Flühmann. «Wer immer das Gefühl hat, beobachtet und kontrolliert zu werden, der macht auch viel eher Fehler.» In der Unfallprävention setze man auf das Wohl der Fahrer. «Wenn ein Fahrer sich wohlfühlt, fährt er auch sicherer. Wir können das nicht beweisen, aber davon gehen wir aus.»

* Name geändert (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.11.2017, 19:37 Uhr

«Die Aufgabe ist und bleibt Dienst am Kunden»

Freundlich sein, Auskunft geben, dem Fahrgast ein gutes Erlebnis bieten – geht die ständige Ansprechbarkeit der Tramfahrer zulasten der Sicherheit? Andreas Uhl, Sprecher der VBZ in Zürich, nimmt Stellung:

Ist ein Tramfahrer heute eine Art Service-Angestellter?
Andreas Uhl: Vielfältige Aufgaben im Kundendienst gehören zum Beruf. Mit kundenbezogenen Weisungen stellen wir die von den Fahrgästen erwartete Qualität sicher.

Weshalb werden die Fahrer nicht besser abgeschottet?
Unsere Trampiloten sind Profis, und wer wirklich ein Problem damit hätte, weiss es vorher. Die Fahrgäste sind nicht im Sehfeld.

Lenkt es die Fahrer nicht ab, wenn sie immer ansprechbar sind?
Wird das Fahrpersonal während der Fahrt angesprochen, ist es selber dafür verantwortlich, die Situation einzuschätzen. Fahrgäste sollten sich bei Problemen an das Fahrpersonal wenden können. Es ist nicht so, dass Auskünfte lästig und sehr häufig nötig sind.

Weshalb wird der Fokus nicht auf Verkehrssicherheit gelegt?
Fahrerische Fähigkeiten standen immer im Zentrum. Nur motorisch, sensorisch und kognitiv leistungsfähige Personen schaffen es in den Führerstand. Neben dieser Basisaufgabe kommt der Kundendienst dazu. Das muss geschult und bei Bedarf auch korrigiert werden. Die Aufgabe der Verkehrsbetriebe ist und bleibt Dienst am Kunden. Dafür sind wir alle bezahlt.

Interview: Vanessa Mistric

In Zahlen

361
Fussgänger wurden zwischen 2010 und 2016 in der Schweiz von einem Tram angefahren und durch den Aufprall oder einen Sturz verletzt.

20
Unfallopfer haben nicht überlebt.

77,3%
der Unfälle sind die Folge von Fehlhandlungen der Fussgänger beim Überqueren der Gleise. Die restlichen Tramunfälle gehen auf andere Strassenverkehrs-verstösse oder Alkohol- und Drogenmissbrauch zurück.

1
einziger Tramfahrer wurde nach der Kollision mit einem Fussgänger für schuldig befunden. Der Unfall ereignete sich am 4. Juni 2010 bei der Tramhaltestelle Basel-Schifflände.

203
Millionen Fahrgäste beförderten die VBZ-Fahrer im Jahr 2016.

135'000
Personen benutzen an einem durchschnittlichen Tag den Bahnhof Basel SBB. Viele überqueren auf ihrem Weg zum oder vom Bahnhof die Strasse bei der gleichnamigen Tramhaltestelle, an der seit 2010 mindestens 10 Fussgänger von einem Tram angefahren wurden.

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