Die Taxi-Zelle

Rund 15 Personen aus Genf und Umgebung wollten sich dem IS anschliessen. Rekrutiert und radikalisiert wurden sie von zwei Taxifahrern.

Moschee in Petit-Saconnex: Die Chauffeure Youssef K. und Sami C. fanden hier nicht nur Taxikunden Foto: Keystone

Moschee in Petit-Saconnex: Die Chauffeure Youssef K. und Sami C. fanden hier nicht nur Taxikunden Foto: Keystone

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«Sind Sie beunruhigt wegen einer Radikalisierungssituation?», steht auf einem Faltblatt, das in einem Schaukasten aushängt. Dem Betrachter wird geraten, eine 0800-Nummer zu wählen, «gratis, anonym und vertraulich», falls er einen Verdacht schöpft.

Ein älterer Araber im weiten Gewand tritt aus dem Regen in den Eingangsbereich des Gotteshauses. Er zieht einen Rollkoffer hinter sich her, an dem noch das Gepäcketikett der Fluggesellschaft hängt. Er verschwindet hinter einer automatischen Schiebetür im Innern der Moschee, ohne die Aushänge zu beachten.

Der Mann ist offenbar mit dem Taxi vom nahe gelegenen Flughafen ins Genfer Stadtviertel Petit-Saconnex gefahren. Hier befindet sich das grösste muslimische Gotteshaus der Schweiz. Draussen in der Dunkelheit wartet ein weiteres Taxi auf zwei Frauen mit Kopftuch, die sich gerade anschicken, die Moschee zu verlassen.

Das vom Königreich Saudiarabien finanzierte Gebetshaus gerät immer wieder ins Gerede – auch im Zusammenhang mit Radikalisierung und Jihad-Reisen. Weniger bekannt ist dagegen, dass Genfer Taxichauffeure eine möglicherweise zentrale Rolle im Genfer Netzwerk des Islamischen Staats (IS) spielten. Und dass hier eine grosse und international vernetzte Gruppierung radikaler Muslime existierte.

Bei Uber-Partner Limousinen angemietet

Rein äusserlich weckt nichts an Sami C. und Youssef K. den Verdacht, dass sie eine brutale Terrorgruppe unterstützen könnten. Die beiden tunesischstämmigen Taxifahrer sind gut aussehend und legen Wert auf eine gepflegte Erscheinung. Sami C., inzwischen über 40 Jahre alt, hat einen wohlgetrimmten, am Kinn ergrauten Bart. Er trägt gerne eine dandyhafte Sonnenbrille. Youssef K., rund zehn Jahre jünger, hat den dunklen Bart ebenfalls kurz gestutzt und die Kopfhaare mit Gel nach hinten geklebt.

Weil sie selber keine passable Limousine für Taxifahrten besitzen, mieten sie sich Fahrzeuge bei diversen anderen Chauffeuren oder bei einer Firma im waadtländischen Eysins, einer Vertragspartnerin des amerikanischen Transportgiganten Uber. Sie vermietet ihre noblen Karossen an eine ganze Reihe von Uber-Fahrern, darunter eine Zeit lang auch an Sami C. und Youssef K.

Sami C., Vater von fünf Kindern, ist häufig in einem Mercedes oder in einem Toyota Prius unterwegs. Der Mann wechselt regelmässig seine Handynummer, kauft sich immer wieder neue Prepaid-SIM-Karten. Der SonntagsZeitung sind mindestens acht verschiedene Telefonnummern bekannt.

Manchmal trifft sich Sami C. mit anderen Nordafrikanern in einem Restaurant in der Nähe des Genfer Bahnhofs. Dort freundet sich der tunesisch-französische Doppelbürger mit dem Koch der kleinen Kneipe an, dem Cellospieler Anas B. Die beiden sitzen zusammen und diskutieren. Dem 1980 geborenen Anas B. sagt Religion anfänglich nicht viel, doch das ändert sich bald unter dem Einfluss seines neuen Freundes. Es kommt zu einer kleinen Ausreisewelle aus Genf in das Kalifat, das der IS ausgerufen hat.

Mit eigenen Kindern Enthaupten geübt

Im Sommer 2015 reist Anas B. in die Türkei und dann nach Syrien. Fast zeitgleich fliegt auch Sami C. mit seiner Familie in die Türkei, wird dort aber verhaftet und in die Schweiz abgeschoben. Der zweite Taxifahrer, Youssef K., reist ebenfalls in die Türkei, kehrt dann aber nach der Verhaftung seines Freunds nach Genf zurück.

Die Behörden gehen davon aus, dass die beiden Chauffeure ursprünglich mit Anas B. gemeinsam nach Syrien fahren wollten. Sami C. ist in ihren Augen ein eifriger Radikalisierer, vor allem in der tunesischen Diaspora, aber auch in der eigenen Familie. So hängt er in seinem Wohnzimmer über dem Fernseher eine Flagge der Terrororganisation Ansar asch-Scharia auf. Und die Bundeskriminalpolizei verfügt über ein Video, in dem Sami C. dabei zu sehen ist, wie er gerade mit anderen Mitgliedern der Genfer Zelle das Kopfabschneiden trocken übt – und zwar an einem seiner eigenen Söhne.

Radikalisiert haben soll Sami C. auch die tunesischstämmigen Brüder Ramzy und Aymen B. Deren Mutter wirft dem Taxichauffeur vor, ihre Söhne zur Reise zum IS angestiftet zu haben. Der 1986 geborene Ramzy trug vor seiner Radikalisierung einen glitzernden Anstecker im linken Ohr. Auf einem Video ist er beim Tanzen zu sehen, die Schnapsflasche in der Hand.

Angetan zu haben scheint Ramzy das Plakat einer Ausstellung in Lausanne mit dem Titel «Wenn ich eines Tages sterbe …». Ein Foto zeigt ihn vor dem Poster, beide Daumen nach oben. Vielleicht ein Hinweis, dass er nun bereit ist, für den radikalen Glauben umzukommen? 2015 verschwindet Ramzy aus Genf. Er taucht später bei einer IS-Einheit wieder auf, die auch Terroranschläge im Ausland vorbereitet. Es ist dieselbe Truppe, in der auch der Genfer Konvertit Daniel D. kämpft, heute ein über Interpol gesuchter Terrorist. Weiter schliesst sich auch Ramzys Bruder dem IS an. Er soll 2016 umgekommen sein.

IS-Kämpfer und Möchtegern-Jihadisten tauschen sich über die App Telegram aus.

Wie kann sich in Genf eine IS-Zelle herausbilden? Neben den Moscheen in Petit-Saconnex und in Genfs französischen Nachbargemeinden spielen eine Diskussionsgruppe auf Telegram und Bergwanderungen eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung. Zusätzlich zu den Taxifahrern Sami C. und Youssef K. tauschen sich über die App eine ganze Reihe künftiger IS-Kämpfer und Möchtegern-Jihadisten aus. Unter ihnen befindet sich auch ein französischer Krimineller mit dem Übernamen Riko. Er wird im August 2017 in Annemasse verhaftet, weil er verbal Kirchgänger mit dem Tod bedroht hat. Ein französisches Gericht verurteilt ihn später zu einer Haftstrafe von 18 Monaten.

Riko, der ebenfalls versucht, nach Syrien zu reisen, nimmt auch an Wanderungen in den Savoyer Alpen teil. Es ist eine ausschliesslich muslimische Wandergruppe, die Gebete in der freien Natur gemeinsam verrichtet. Der eine oder andere Teilnehmer sieht die Bergtouren auch als Vorbereitung für den Einsatz in Syrien.

Zum Beispiel ein junger Genfer, der den Kriegsnamen Abu Jawed bekommt. Er hat sich zuerst in eine junge Katholikin verliebt, Gründerin einer rechtsextremen Genfer Vereinigung. Über sie lernt er einen tunesisch-schweizerischen Doppelbürger kennen. Auch er ist Mitglied der Rechtsextremisten, auch er will Jihadist werden und hört bald schon auf den Kriegsnamen Abu Dhar. Ende 2014 steckt Abu Jawed in einer tiefen Sinnkrise. Als Ausweg will er in den Krieg ziehen. Zuerst liebäugelt er damit, sich einer ukrainischen Neonazi-Miliz anzuschliessen, um gegen die Russen zu kämpfen. Doch das erweist sich als zu kostspielig.

Rechtsextreme schliessen sich den Salafisten an

Da fragt er Abu Dhar, ob er als Katholik zum IS nach Syrien reisen könne. Sein Freund überzeugt ihn aber, zuerst den Islam anzunehmen. Er bringt ihn auch ins kleine Reihenhaus des Taxifahrers Youssef K. in der französischen Gemeinde Prévessin-Moëns. Dort lernt Abu Jawed neben Sami C. noch andere Salafisten kennen. Auf getrennten Wegen reisen die beiden ehemaligen Rechtsextremisten später in die Türkei. Kurz vor der syrischen Grenze werden sie aber verhaftet und in ein Flugzeug nach Zürich gesetzt.

In der Schweiz werden sie verhaftet. Erst im Juni 2017 schnappt sich die Polizei Rekrutierer Sami C. in seiner Wohnung im Genfer Vorort Meyrin. Nach längerer Untersuchungshaft wird er nach Frankreich abgeschoben, wo er sofort wieder ins Gefängnis gesteckt wird. Youssef K. verhaftet die französische Polizei im Oktober 2017. Damit ist die Genfer IS-Zelle zu einem grossen Teil zerschlagen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.03.2018, 22:01 Uhr

Der gefährlichste Schweizer IS-Terrorist

2017 berichtete der britische «Guardian» von einer Interpol-Liste mit 173 IS-Jihadisten, die unter anderem für Selbstmordattentate und zum Bau von improvisierten Bomben ausgebildet worden seien. Dazu gehört auch ein Abu Ilias as-Swissri. Nach Einschätzung von Terrorismusexperten ist er der wohl gefährlichste Schweizer IS-Terrorist. Nicht öffentlich bekannt ist bislang, dass es sich bei Abu llias um den 1994 geborenen Schweizer Daniel D. handelt. Der Genfer wohnte bis 2015 bei seiner Mutter und konvertierte 2013 zum Islam. Wie andere Mitglieder der Genfer Jihadistenzelle verkehrte er häufig in der Moschee von Petit-Saconnex. Im Frühling 2015 reiste er nach Syrien.

Die Bundesanwaltschaft hat ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet. Von Syrien aus kommunizierte Abu Ilias über den Messenger-Dienst Telegram mit Reisewilligen aus Genf. Einem von ihnen erzählte er, dass er jeweils zwei Wochen kämpfen gehe, um danach zwei bis drei Wochen zu Hause zu bleiben. Man könne in Syrien ganz normal leben, der IS beschaffe den Jihadisten Arbeit, Wohnungen und Ehefrauen. Wo sich Daniel D. heute aufhält, ist nicht bekannt.
Kurt Pelda

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