Die Grünen sind Opfer ihrer eigenen Sprechverbote

Die Partei ritt auf der Erfolgswelle – bis Tamy Glauser kam. Weil sie weiblich, lesbisch und vegan ist, darf man sie in den eigenen Reihen nicht kritisieren.

Der Shitstorm peitschte der neuen Nationalratskandidatin und ihrer Partei diese Woche mit voller Wucht ins Gesicht. Illustration: Kornel Stadler

Der Shitstorm peitschte der neuen Nationalratskandidatin und ihrer Partei diese Woche mit voller Wucht ins Gesicht. Illustration: Kornel Stadler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bisher lief es für die Grünen im Wahljahr wie am Schnürchen: Greta-Effekt, Klimademos, Schülerstreiks, überwältigende Wahlerfolge in den Kantonen ebenso wie im benachbarten Ausland – die einst belächelte Sammelbewegung von Baum-Umarmerinnen und Käferfreunden ist drauf und dran, zur tonangebenden linken Partei der Zukunft zu werden.

Der Zeitgeist meint es mit den Grünen derart gut, dass sie sich bis zum Urnengang im Herbst praktisch nur noch selbst ein Bein stellen können. Und wie immer, wenn man sich für alle erdenklichen Fälle gerüstet fühlt, kommt das Unglück erstens anders – und zweitens als man denkt.

Der Shitstorm peitschte der neuen Nationalratskandidatin Tamy Glauser und ihrer Partei diese Woche mit voller Wucht ins Gesicht – ganz so, als ob sich die Kritik, der Überdruss und die Häme über die Grünen seit langem in einer perfekten Wolke aufgeladen hätten, die sich dank der Aussage des Zürcher Models – «Blut von Veganern kann Krebszellen töten» – endlich entladen konnte.

«Lieber bissen sich gestandene Grüne auf die Zunge – als die One-Woman-Show zu kritisieren.»

Glausers Theorie schaffte es bis auf die Frontseite des «Blicks» («Blamage für die Grünen») und als Gesprächsthema an so manchen Esstisch. Böse Zungen behaupten, dass ihre Nationalratskandidatur – von der Nominierung bis zum Veganerblut-Zitat dauerte es knapp zwei Tage – die kürzeste aller Zeiten gewesen ist.

Man kann darüber streiten, warum eine Kandidatin mit Listenplatz 10 eine solche Aufmerksamkeit erhält. Man kann sich auch fragen, ob es nicht schon andere, bereits gewählte Nationalräte gegeben hat, die ebenso grossen Unsinn verbreiteten (erinnert sei etwa an die teils irren Theorien Oskar Freysingers, der es gar zum Regierungsrat brachte).

Tatsächlich stecken hinter der Aufregung um Glauser einige unangenehme Wahrheiten, mit denen sich die erfolgsverwöhnten Grünen plötzlich konfrontiert sehen:

  • 1. Der Promi- und Glamour-Faktor in der Politik macht auch vor der Partei nicht halt, die davon lange demonstrativ gar nichts hielt – weil man selber schliesslich Tiefgang habe. Instagram-Karrieren können heute tatsächlich politische Ochsentouren ersetzen – was bei den Grünen, die sich oft auch über die Arbeit in NGOs und langjährigen persönlichen Einsatz einen Platz in der Parteihierarchie erkämpft haben, eine besondere Brisanz hat.
  • 2. Naturreligiöse, esoterische, mitunter reichlich bizarre Theorien haben einen festen, nicht zu unterschätzenden Platz innerhalb der grünen Anhängerschaft. Wer sich als Partei nichts weniger als die Weltrettung auf die Fahne schreibt, ist anfällig für Sektierertum. Und mit der grünen Partei selber wächst auch das Problem.
  • 3. Tamy Glauser ist weiblich, homosexuell, vegan, hat einen Migrationshintergrund und war auch noch ein Pflegekind. Sie ist sozusagen: die perfekte Grüne. Gemäss den politisch korrekten Richtlinien der Partei – nichts ist schlimmer als Frauen, Homosexuelle, Veganer, Ausländer oder anderweitig Benachteiligte zu kritisieren! – darf Glauser also gar nicht kritisiert werden.

Die Verklemmtheit spürte man an der Nominationsveranstaltung, vor allem aber nach der Veganerblut-Posse. Lieber bissen sich gestandene Grüne auf die Zunge – als die missglückte One-Woman-Show ihres schillernden Neuzugangs zu kritisieren.

Es ist vielleicht nicht die beste, aber wohl die politisch relevanteste Pointe dieser so pointenreichen Woche: Die Grünen sind Opfer ihrer eigenen rigorosen Denk- und Sprechverbote geworden.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.05.2019, 10:54 Uhr

Artikel zum Thema

Tamy Glauser tut Veganerblut-Satz leid

Die Nationalratskandidatin sorgte mit ihrer Aussage, dass Veganer besser vor Krebs geschützt seien, für Aufruhr. Nun distanziert sie sich davon. Mehr...

«Jetzt kommen Stimmen, die mich für meinen Model-Job angreifen»

Die grüne Nationalratskandidatin Tamy Glauser über ihren Promibonus, ihren Grossvater und die Kritik an ihrem Job. Mehr...

Tamy Glauser bekommt Platz zehn auf der grünen Liste

Das Topmodel will den Zürcher Grünen im Herbst zum Wahlsieg verhelfen. Für die Politik würde sie ihre Modelkarriere hintanstellen, sagt sie. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...