Gallenröhrling oder Steinpilz? Eine Anleitung fürs Pilzlen

Vom typischen Anfängerpech bis zu den Profitricks: Das sollten Sie wissen, bevor Sie zum Pilzsammeln aufbrechen.

Der wahre Geruch des Waldes: Zwei Glückspilze präsentieren die reiche Ausbeute ihres Ausflugs in die Welt der Steinpilze und Eierschwämme. Foto: Getty Images

Der wahre Geruch des Waldes: Zwei Glückspilze präsentieren die reiche Ausbeute ihres Ausflugs in die Welt der Steinpilze und Eierschwämme. Foto: Getty Images

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Da lachen sie noch, all die Pilzler, die in den sozialen Medien derzeit mit ihren Trophäen posieren. Das Selfiegrinsen vergeht manch einem Sammler jedoch bereits im Wald. Pilze suchen ist kein gemütlicher Alte-Leute-Zeitvertreib, sondern ein heimtückisches Naturabenteuer, insbesondere für unbedarfte Städter. Ein paar Tipps, damit Sie weder Bauchweh noch eine Busse riskieren:

Die seltsamen Regeln

Einfach so spontan am Sonntag losziehen? Auf keinen Fall! Je nach Region, Datum und ja, sogar je nach Tageszeit könnte Ihre Expedition mit einer saftigen Busse enden. Beim Pilzlen gelten wunderliche Vorschriften, die auch noch von Kanton zu Kanton variieren. Im Tessin zum Beispiel ist das Pflücken in der Nacht verboten, im Kanton Graubünden dürfen Gruppen von höchstens 3 Personen gemeinsam sammeln – ausgenommen Familien. Die Urner können bis zu 3 Kilo Pilze pro Tag und Kopf mit nach Hause nehmen, die Zürcher werden schon ab einem Kilo gebüsst, geraten sie am Waldrand unverhofft in eine Polizeikontrolle. Vor dem ersten Streifzug deshalb unbedingt die Sammelbestimmungen auf www.vapko.ch konsultieren. Dem Pilz ist es übrigens völlig egal, ob er mit einem Messer nah am Boden abgeschnitten wird oder ob Sie ihn sanft aus der Erde herausdrehen. Experten können manche Arten jedoch nur anhand des Stiels bestimmen, also bitte dranlassen.

Die Giftfalle

Nur so, damit Sie eine Vorstellung haben, wie hoch Ihr Risiko ist, bei diesem scheinbar so friedlichen Hobby Schaden zu nehmen: Es gibt rund 5000 Pilzarten in der Schweiz, davon sind nur 3 Prozent essbar, und gerade mal 1 Prozent schmeckt auch wirklich gut. Als unbedarfter und umso abenteuerlustigerer Städter kommen Sie also nicht umhin, jede Menge ungeniessbare oder gar giftige Exemplare zu pflücken. Sollten Sie zur Generation U-30 gehören, sieht die Sache laut Eingeweihten noch düsterer aus. «Die Jungen sind heute viel eher bereit, sich einfach mal etwas in den Mund zu schieben», liess sich etwa der Pilzexperte Johannes Kurth in «20 Minuten» zitieren und meinte damit wohl all jene, die ihre Beute schon im Wald anknabbern. Die Folge: Gab es 2016 noch 446 Vergiftungen in der Schweiz, stieg die Zahl der Pilzopfer im 2018 auf 580. Dieses Jahr sind wir laut Tox Info Suisse schon bei 440, obwohl die Herbstsaison erst angelaufen ist.

Hat es Sie erwischt, werden Sie fürchterlich erbrechen und einen schlimmen Durchfall erleiden, etwa wie bei einer Lebensmittelvergiftung. Das Abenteuer kann allerdings noch brutaler enden: mit der Schädigung der Sehkraft, mit Leberversagen, mit Muskelzersetzung, ja in seltenen Fällen sogar mit dem Tod. Deshalb: Mut zur Lücke beim Sammeln und ja nicht den Helden spielen und rechtzeitig zum Arzt gehen. Denn dieser kann bei Bedarf ein Gegengift spritzen. Glücklicherweise sind rund 80 Prozent der gemeldeten Vergiftungen «unecht», sprich: Sie haben die an sich geniessbaren Pilze entweder zu wenig lange gekocht oder viel zu lange irgendwo im Schrank vergessen, und in der Zwischenzeit haben sich deren Eiweisse zersetzt, was Ihnen nun gewaltig auf den Magen schlägt.

Die Verdauungstortur

Die gute Nachricht zuerst: Pilze haben so gut wie keinen Nährwert – schlagen Sie also ruhig zu. Leider ist das nur die Theorie. Blöderweise bestehen ihre Zellwände aus Chitin, auch bekannt als Insektenpanzer, was für den Verdauungstrakt eine regelrechte Tortur ist. Bei Bauchweh und Übelkeit hilft dann nur eine Rosskur: drei Kaffeelöffel Kochsalz in Wasser auflösen, trinken, Finger in der Mund stecken, Brechreiz auslösen.

Die Ernüchterung

Bestimmungs-Apps halten viele Städter für eine Supererfindung. Man zücke das Handy, mache ein Foto – und schwups weiss man genau, was man da vor sich hat. Liest man ein paar App-Tests im Internet nach, sieht die Realität jedoch diametral anders aus. Die Pilzkontrollstelle und das Handy sind sich selten einig, weil es bei der Bestimmung auf kleinste Details ankommt. Kurzum: Die Apps liegen meist falsch. Die Ausbeute sollten Sie deshalb am besten immer von Experten kontrollieren lassen, allerdings müssen Sie da gerade als Neuling tapfer sein. Die Kontrolleure werden etwa 90Prozent Ihrer Ernte aussortieren. Nein, das ist wirklich kein Steinpilz. Und nein, den Falschen Eierschwamm können Sie auch gekocht nicht essen. Und wenn wir schon bei der Ernüchterung sind: Die Chancen, dass Sie überhaupt etwas Essbares finden, stehen je nach Wald und Region nicht wirklich gut.

Der Anfängerfehler

Bloss kein Plastiksäckli zum Sammeln verwenden! Pilze verderben sehr schnell, und je nachdem sind sie schon hinüber, bevor man sie nach Hause gebracht hat. Was Anfängern auch immer gern passiert: Sie bereiten einen Risotto mit einem Gallenröhrling zu, weil Sie ihn für einen Steinpilz halten. Das wird Ihre Gäste zwar nicht umbringen, aber nach dem ersten Bissen werden die Anwesenden alles ausspucken.

Der Glücksmoment

Kommen wir zu den erfreulichen, wenn auch seltenen Momenten beim Pilzlen. Sollten Sie zum Beispiel einen Kaiserling finden, sind Sie ein Glückspilz. Bisher wurde dieser lediglich im Tessin und im Kanton Genf gesichtet. Bluffen können Sie auch mit dem Rosenroten Saftling, allerdings dürfen Sie ihn nicht ausrupfen, denn diese Art ist so selten, dass sie geschützt ist. Aber keine Panik: Eingeweihte beeindruckt schon ein Foto. Falls Ihnen der öffentliche Beifall einerlei ist, dann ist es so gut wie ein Sechser im Lotto, wenn Sie im Wald ein Nest von Steinpilzen entdecken, von denen nur etwa jeder dritte verwurmt ist.

Das Pilzselfie

Nicht zu unterschätzen ist die mediale Inszenierung Ihres neuen Hobbys, also die optimale Pose, in der Sie sich zusammen mit Ihrem «Fang» der Welt präsentieren. Als Laie können Sie tatsächlich einiges verbocken, wie etwa auf der Website Passion-pilze-sammeln.com zu erfahren ist. Den Pilz bitte auf keinen Fall mit ausgestrecktem Arm vors Gesicht halten, weil er dann durch Ihre «Patschhand seine gesamte Ausstrahlungskraft verliert». Dieselbe Gefahr birgt offenbar auch das «groteske Handauflegen», also der dilettantische Versuch, die Hand als Referenzgrösse daneben zu halten. Wenn Sie sich mit Ihrer Trophäe brüsten möchten, dann sind anscheinend ein Baumstumpf oder ein Stein oder gar ein Pilzmesser die geeigneten Massstäbe. Man staune und lerne.

Die Profitricks

Laut Experten lohnt es sich, nicht nur auf den Boden zu starren. Den Blick ungeniert immer wieder heben, weil viele gute Speisepilze parasitisch an Bäumen wachsen. Falls Sie trotzdem nichts finden, sollten Sie eventuell den Wald wechseln oder wenigstens die Waldseite, weil am Südhang allenfalls mehr wächst als im Norden. Suchen Sie im toten Holz, etwa an umgefallenen Baumstämmen. Oder am Waldrand, da finden sich nicht unbedingt die essbaren, aber allerlei spezielle Arten, mit denen Sie genauso angeben können.

Das Bluffer-Wissen

Auch wenn Sie beim Pilzlen komplett versagen oder grundsätzlich nichts mit Pilzen am Hut haben, können Sie in geselligen Runden als «einer von ihnen» punkten. Sagen Sie so nebenbei, dass Ötzi einen Zunderschwamm in seinem Beutel hatte, weil man ja damals mit dieser Art Feuer machte. Und dass das Leben auf dem Land dank Pilzen überhaupt erst möglich wurde (nicht vergessen, die Details zu googeln). Oder weisen Sie lakonisch auf eine Schweizer Langzeitstudie hin, die bewiesen hat, dass Schonzeiten, also jene Tage, an denen das Pilzesammeln verboten ist, überhaupt nichts nützen, weil das Pflücken keinen Einfluss auf den Bestand hat. Geben Sie Ihren Widersachern recht, dass es natürlich trotzdem Sinn macht, weil dann weniger Leute im Wald rumtrampeln. Als Schlusspointe empfehlen wir: «Hallimasch kommt übrigens von ‹Heil im Arsch›. Weil der Pilz gewaltigen Durchfall verursacht, wenn man ihn nicht richtig abkocht – das wussten Sie nicht?»

Quellen: Marionna Schlatter, Schweizerische Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane (Vapko); Nicolas Küffer, Verband Schweizerischer Vereine für Pilzkunde (VSVP)



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Erstellt: 16.09.2019, 16:01 Uhr

Kleine Pilzkunde



Typisches Anfängerpech: Viele verwechseln den Gallenröhrling mit einem Steinpilz, weil sie vor allem in junger Form fast gleich aussehen. Letzterer ist bekömmlich, Ersterer dummerweise fürchterlich bitter. Den vermeintlichen Steinpilzrisotto kann man dann nur noch wegschmeissen. Das ist zwar ärgerlich, aber immerhin nicht gefährlich, weil der Gallenröhrling kein Gift in sich trägt.



Der Giftpilz schlechthin: Knollenblätterpilze werden oft mit Champignons verwechselt und verur-sachen die meisten schweren
Vergiftungen. Ohne Behandlung kann der Verzehr bis zu Leberversagen führen.



Der Sechser im Lotto: Wer einen Rosenroten Saftling findet, ist ein Glückspilz. Die Trophäe darf den Wald jedoch auf keinen Fall verlassen! Diese Art ist so selten, dass sie geschützt ist. Kundige beeindruckt schon ein Handyfoto.

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