«Die innere Zufriedenheit ist noch grösser»

Schriftsteller und YB-Fan Pedro Lenz ist beeindruckt von YB – er glaubt aber auch, dass mehr Emotionen kaum möglich sind.

Der YB-Anhänger, der auch ins Stadion geht, wenn der Gegner Stade Nyonnais heisst: Pedro Lenz. Bild: Marco Zanoni

Der YB-Anhänger, der auch ins Stadion geht, wenn der Gegner Stade Nyonnais heisst: Pedro Lenz. Bild: Marco Zanoni

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YB ist schon acht Spiele vor Schluss Meister. Ist das ein Traum für Sie als Fan? Oder fehlte Ihnen ein Schuss Dramatik?
Pedro Lenz: Nach dramatischen Jahren mit verspielten 13 Punkten Vorsprung und den verlorenen Finalissimas bin ich sehr glücklich, dass wir es geschafft haben. Dramatik hatten wir in einzelnen Partien ja genug mit Siegtoren in der Nachspielzeit. Und es machte Spass zu sehen: wieder zwei Punkte mehr als Basel.

Wurde es Ihnen wirklich nie langweilig?
Nein. Weil ich mich nicht nur an Resultaten orientiere. Ich ging auch ins Stadion, als wir um die Jahrtausendwende nichts auf die Reihe kriegten, 2000, 3000 Zuschauer da waren, das alte Wankdorf fast auseinanderfiel und wir in der Nati B in die Abstiegsrunde mussten. Manchmal las man in der Zeitung: Wenn jetzt nicht jemand eine Bürgschaft hinterlegt, gibt es YB bald nicht mehr. Das kommt mir heute ab und zu in den Sinn.

Stärkt der Erfolg auch das Selbstwertgefühl des Berners?
Vielleicht das sportliche. Ansonsten glaube ich, dass die Berner fast zu viel Selbstwertgefühl haben. Sie meinen: Wir haben die schönste Sprache, Mani Matter, die Aare, die Alpensicht, das Münster, den Zytglogge, es gibt nichts Gemütlicheres als die Stadt Bern. Wenn man ihnen sagt, man könne auch in Olten in der Aare baden, glauben sie es fast nicht.

Freuen Sie sich nun über diesen Meistertitel im gleichen Mass wie über jenen 2018?
Im vergangenen Jahr dürsteten wir richtig danach und feierten das mehrfach. Diesmal sind wir etwas gelassener, aber die innere Zufriedenheit ist noch grösser.

«Es machte Spass zu sehen: wieder zwei Punkte mehr als Basel.»

Warum?
Weil ich 2018 dachte, dass es auch dank des Ausrutschers des FC Basel so weit kommen konnte. Die Basler sagten: «Tragt Sorge zum Pokal, den wollen wir in einem Jahr ohne Beule wieder zurück.» Ich fand das witzig. Bis ich merkte: Nein, es findet ein Machtwechsel statt. Eine Basler Dominanz wie in der Ära von Präsident Bernhard Heusler wird es nie mehr geben.

Woher nehmen Sie diese Überzeugung?
Der FCB hat die Selbstverständlichkeit, Erfolg zu haben, verloren. Früher putzte er selbst an einem schlechten Tag Lugano weg. Jetzt gibt es immer mehr Zweifel: Haben wir den richtigen Move gemacht mit dem Trainerwechsel? Hätten wir diesen oder jenen Spieler behalten müssen?

Weckt das Schadenfreude?
Nein. Ich freue mich darüber, dass YB die Art des erfolgreichen FC Basel übernommen hat. Die Basler langten in Zweikämpfen kräftig hin und hatten noch die Dreistigkeit, sich beim Schiri zu beschweren: Ball gespielt! Wir hatten eher die Attitüde, dem Schiri zu sagen: He, der Gegner hat mich gehalten! Und der Schiri liess das Spiel weiterlaufen. Das ist jetzt nicht mehr so. Und ausserdem hat der FCB Heusler nicht mehr. Er und Sportchef Georg Heitz machten kaum Fehler, waren sehr analytisch und vorausdenkend. Sie wechselten auch einmal einen Trainer aus, obwohl der Meister geworden war, weil sie dachten: In Zukunft könnte es Probleme geben mit ihm. Jetzt haben wir bei YB solche Leute.

Wie fühlt es sich an, den anderen überlegen und fast immer der Sieger zu sein?
Ehrlich gesagt: Mehr Emotionen als in diesen zwei Jahren geht nicht. Es wird nicht noch besser.

Dann können Sie sich ja ein neues Hobby suchen.
Nein, nein! Ich bin einfach gern an den Spielen, selbst wenn es gegen Stade Nyonnais geht. Natürlich ist es jetzt noch viel schöner, weil man auch Ballstafetten sieht. Es gab Zeiten, da dachte ich: Hey, kann auf diesem Platz eigentlich keiner den Ball annehmen? Damals sagten wir auch: Der Juni ist der beste Monat, da haben wir keinen Punkt Rückstand auf die Spitze.

«Gerardo Seoane hat noch nie
einen Stuss rausgelassen.»

Sie sagten einmal: «Underdog zu sein, ist spezieller, als immer zu gewinnen.»
Ja, das ist irgendwie vielfältiger, dramatischer. In Bern wurde es kultiviert, dass wir es jahrzehntelang nicht schafften, Meister zu wurden. Es ist zwar nicht lustig, ständig zu verlieren. Aber ich weiss nicht, was es emotional mit mir macht, wenn wir viermal in Serie den Titel holen.

YB hat den FCB auch überholt, was den Zuschauerschnitt angeht. Was sagt Ihnen das?
Manchmal schaue ich mich um und denke: War dieser oder jener auch einmal dabei, als es nicht so gut lief? Ich kenne Leute, die euphorisch waren, als wir das neue Stadion hatten. Als wir drei-, viermal scheiterten, sagten sie: Fertig, wir kaufen kein Abo mehr.

Und wie reagierten Sie?
Ich sagte ihnen: Ihr müsst dranbleiben, Giele, das kommt schon gut. Und jetzt? Sind sie wieder da.

Klassische Modefans, oder?
Ja, mit den Modegigle, die dank Beziehungen zu Sponsoren in der Champions League gegen Juventus im Stadion sind, kann ich nichts anfangen. Aber was die Fans angeht, gibt es ein anderes Problem.

Nämlich?
Ich nahm sie jahrelang in Schutz. Ich war der Meinung, dass man nicht gleich durchdrehen soll, wenn eine Petarde gezündet wird. Aber jetzt rege ich mich über Fans auf, die mit einer gewissen Arroganz zum Ausdruck bringen: Wir sind der Club. Die glauben, dass sie bestimmen dürfen, was Gesetz ist, wer Präsi wird, wer Trainer sein soll… Und es stört mich, wenn sich Spieler nach einem Match von Fans zurechtweisen lassen müssen. Ich kenne unsere Spieler gut. Sie haben ein sehr hohes Berufsethos.

Haben Sie zu einem Spieler einen speziellen Bezug?
Ich identifiziere mich stark mit Marco Wölfli. Mich beeindruckt Steve von Bergen, mit dem man über weit mehr als nur Fussball diskutieren kann. Und faszinierend ist Guillaume Hoarau, der nicht auf der Playstation spielt, sondern Musik macht.

Welchen Eindruck haben Sie von Trainer Gerardo Seoane?
Er hat mich sehr überrascht. Es war nicht einfach, das Erbe von Adi Hütter zu übernehmen. Aber Seoane hat dem Team eine eigene Handschrift gegeben. Und er hat noch nie einen Stuss rausgelassen. Als die Wahl auf ihn fiel, wussten meine Freunde und ich nicht so recht, was wir davon halten sollten. Aber Sportchef Christoph Spycher kannte ihn und sagte, dass er von allen gecasteten Kandidaten am meisten überzeugt habe. Und wenn Spycher so etwas sagt, beruhigt das schon einmal. Weil er ein Phänomen ist: gebildet, sozialkompetent, ein Visionär ohne grosse Klappe.

Auch Seoane ist keiner, der mit seinen Äusserungen Angriffsfläche bietet. Wie kommt dieser Stil bei Ihnen an?
Ich sehe bei ihm etwas, das ich bei mir lange auch sah. Ich bin ebenfalls halber Ausländer, wir tragen ein Fremdarbeiter-Gen in uns. Wir haben das Gefühl, dass wir die saubereren Hosen tragen, höflicher sein und mehr leisten müssen als die anderen, um akzeptiert zu werden. Aber Seoane hat alles im Griff.

In der neuen Saison geht es auch wieder um die Champions League. Wie sehr sehnen Sie sich danach?
Ein Verpassen der Qualifikation wäre kein Weltuntergang. Weil mich dieser Wettbewerb ein bisschen desillusioniert hat. Früher gab es im Meistercup noch Clubs wie Dinamo Tiflis und weiss ich nicht wer. Heute sind Exoten seltener und auch nicht mehr erwünscht. Mir kam die Teilnahme von YB vor, als durften wir uns zum Essen an den Tisch der Reichen setzen. Einmal ist das okay. Aber das muss nicht ständig so sein.

YB ist – zumindest national – kein armer Club. Ende März wurde ein Jahresgewinn von 17,4 Millionen Franken ausgewiesen.
Das ist seltsam: YB hatte meistens ein strukturelles Defizit von 5 Millionen – und jetzt dieser Gewinn. Zum Glück bleiben die Leute, die das Sagen haben, normal. Trotzdem wäre es mir fast lieber, wenn wir jährlich eine Million vorwärtsmachen würden, das dafür aber in den nächsten 17 Jahren.

Soll Ihr Sohn YB-Fan werden?
Er kann fast nicht anders… Aber zu einem YB-Match nehme ich ihn erst mit, wenn er 90 Minuten hocken kann. Ich will, dass er das Spiel schaut.

Ist es für ein Kind eine gute Lehre, wenn sein Team stets gewinnt?
Nein. Genau darum gehen wir zwei oft zu Spielen des FC Olten in der 2. Liga inter.

Erstellt: 14.04.2019, 08:20 Uhr

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