Die Interessen der Täter werden stets stärker gewichtet

Der Fall Selina und die Freilassung ihres Peinigers zeigen: Die Zukunft der Opfer interessiert selten.

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Eine Alt-Bundesrätin zelebriert den Unruhestand. Die frühere Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf setzt sich für die Rentenreform ein. Sie mischt sich ein, lässt sich den Mund nicht verbieten, gibt sich kämpferisch. Sie ist bereit, Kritik zu ertragen.

So viel Engagement, so viel Fürsprache würden sich auch die Opfer von Gewalttaten wünschen, die meist allein gelassen werden, wenn sie Gerechtigkeit einfordern. Wie Selina in unserer Titelgeschichte.

Jeden Tag müssen sie ertragen, dass sich Gesellschaft, Behörden und Politik lieber mit den Tätern befassen. Dass sich Gerichte lange Gedanken über die Gefühlslage und Beweggründe der Delinquenten machen. Den Verbrechern alle möglichen Therapien zugutekommen lassen. Sie betreut, analysiert, wieder eingegliedert werden. Die Zukunft der Opfer, wie sie ihr Leben meistern, interessiert selten.

Die Signale sind eindeutig. Du wurdest vergewaltigt? Schade. Du hast vergewaltigt? Wir kümmern uns um dich!

Beispielhaft ist der Fall von Selina. Selina wurde als 8-Jährige missbraucht. Von einem Mann, der sich schon vorher an fünf Kindern vergangen hatte. Aber Selinas Albtraum endet nach dem Übergriff nicht. Ihr Peiniger entzieht sich in der Haft jeder therapeutischen Massnahme. Er glaubt, er sei nicht krank im Kopf. Und wird dafür belohnt.

«Der Mann wird mit einer Fussfessel ausgestattet. Ein hilfloser Versuch, einen Triebtäter zu stoppen.»

Nach einem Fehler der Behörden kommt der Kinderschänder frei. Als ob das nicht schon skandalös genug wäre, schiebt die Staatsanwaltschaft den Entscheid, ob man den rückfallgefährdeten Täter nachträglich verwahrt, um ein Jahr auf. Der Mann wird in einem Wohnheim untergebracht und mit einer Fussfessel ausgestattet. Ein hilfloser Versuch, einen Triebtäter zu stoppen. Der Serienvergewaltiger Markus W. überfiel zwei weitere Frauen, nachdem man ihn mit einer Fussfessel aus der geschlossenen Anstalt entlassen hatte. Der Mörder von Pfarrerstochter Marie trug eine Fussfessel, als er die 19-Jährige in einem Waldstück bei Châtonnaye FR erdrosselte.

Längst hätte es jemanden gebraucht, der einschreitet, der erklärt: Nein, so nicht! Hier läuft etwas gewaltig schief. Doch kein ehemaliger Justizminister, keine ehemalige Justizministerin meldet sich zu Wort. Und so kämpft Selina allein. Sie hat nicht einmal das Recht, zu erfahren, wo der Mann, der versucht hat, ihr Leben zu zerstören, untergebracht ist. Sie hat Angst. Um sich. Und um die anderen Kinder, die ihm zum Opfer fallen könnten. Wer sich für härtere Strafen für Gewalttäter einsetzt, wird wahlweise als reaktionär, populistisch, unwissend oder unmenschlich niedergeschrien. Reflexartige Reaktionen, die stets die Interessen der Täter stärken gewichten als die der Opfer. Aber Menschen wie Selina haben endlich eine Lobby verdient. (SonntagsZeitung) (SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.09.2017, 23:14 Uhr

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