Wie die Schweizer Katholiken Missbrauchstäter bestrafen

Die Kirche meldet der Justiz mehr Übergriffe, sanktioniert den Grossteil aber selbst: Mit Ortsverboten, Psychotherapien – oder Pilgerreisen.

Ein Bischof segnet ein Kruzifix: Mit dem Segen der Kirche kandidieren mitunter auch übergriffige Geistliche für hohe Ämter. Foto: Keystone

Ein Bischof segnet ein Kruzifix: Mit dem Segen der Kirche kandidieren mitunter auch übergriffige Geistliche für hohe Ämter. Foto: Keystone

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Wieder ist eine Woche verstrichen, in der weltweit Hunderte neue Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekannt wurden. Im US-Staat Illinois veröffentlichten Opfer am letzten Donnerstag eine Liste von 395 beschuldigten Kirchenleuten. Der Generalstaatsanwalt von West Virginia verklagt ein ganzes Bistum, weil es Pädophile geduldet hat.

In der Schweiz haben sich bei der katholischen Kirche seit 2010 über 300 Opfer gemeldet. Bisher wurde aber kaum thematisiert, was die Schweizer Kirche mit den mutmasslichen Tätern gemacht hat.

Jetzt liegen der SonntagsZeitung Details vor. Sie zeigen: Im Jahr 2017 wurden so viele Fälle wie noch nie an die staatliche Justiz weitergeleitet. Von 65 gemeldeten Vorfällen waren zehn, das heisst knapp jeder siebte Fall, gravierend genug, dass die Justiz ins Spiel kam. Acht Fälle meldete die Kirche selbst, in zwei nahmen Strafverfolger von Amtes wegen Ermittlungen auf. Details zu den Übergriffen will die Kirche nicht nennen. Recherchen zeigen, dass es in einem Fall um eine mutmassliche Vergewaltigung einer Frau geht.

Insgesamt wurde die Justiz ­seit 2010 über 21 Missbrauchsvor­würfe informiert. Nur drei Kleriker sind bisher verurteilt worden. Das zeigt eine interne Aufstellung der Bischofskonferenz. Dort steht auch: In fast zehn Prozent der Fälle seien die Angaben für Abklärungen «unzureichend», drei mutmassliche Täter seien «unauffindbar oder unbekannt» und 111 Beschuldigte bereits tot.

Die Zahlen sind indes nicht vollständig. So liefert beispielsweise die Gemeinschaft der Piusbrüder keine Informationen. Dort sind 2018 zwei Priester wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden.

Opfer wollen vermehrt gegen Täter vorgehen

Die Angaben zeigen auch, dass Opfer heute eher bereit sind, Massnahmen gegen Täter zuzulassen. Als sich im Jahr 2010 erstmals Betroffene an die Kirche wandten, wünschten bei 116 Meldungen 56 Opfer, dass es bei einer Aussprache bleibt, die Täter somit nicht behelligt werden. Im Jahr 2017 verlangten das bei 65 Meldungen nur noch sieben Betroffene. Das liegt wohl daran, dass sie heute stärker unterstützt werden, auch von kirchlichen Fachgremien. Ausserdem zeigt es offenbar auch in der Schweiz Wirkung, dass die Justiz weltweit mithilfe der Opfer gegen fehlbare Kleriker vorgeht.

Neben den Justizfällen hat die Kirche den grossen Rest der Übergriffe kirchenintern untersucht und Täter sanktioniert. Sie hat gegen vier Kirchenmänner Ortsverbote ausgesprochen. «Ein Kleriker darf sich dann beispielsweise nicht mehr auf dem Gebiet einer Mission aufhalten, in der es zu einem Vorfall kam», sagt Joseph Bonnemain von der Bischofskonferenz. Zwei Priester wurden verwarnt, drei suspendiert, drei entlassen.

Geldstrafe statt Pilgerreise?

Offenbar sind Beschuldigte auch zu Pilgerfahrten verpflichtet worden. Jetzt wird kirchenintern diskutiert, ob Richter im kanonischen Verfahren bei Missbrauchsfällen Strafen in Form von Geldbeträgen – beispielsweise mehreren Monatslöhnen – aussprechen sollten. «Das wirkt möglicherweise abschreckender, als wenn ein Täter verpflichtet wird, als Strafe zu einem bestimmten Wallfahrtsort zu pilgern», sagt Bonnemain.

Die Bischöfe schickten zudem zehn fehlbare Kleriker in die Psychotherapie. So hat Bischof Felix Gmür als Präventionsmassnahme dem Anwärter für das Pfarramt in Riehen im Kanton Baselland eine Therapie verordnet. Der Mann war vor zehn Jahren wegen sexueller Handlungen mit Kindern verurteilt worden – und kandidierte mit dem Segen des Bischofs kürzlich für das Pfarramt. Als vor zwei Monaten Details aus dem Strafbefehl gegen ihn publik wurden, zog er seine Kandidatur zurück.

Verordnete Therapien sind unter Experten umstritten. Joachim Reich ist Sexualtherapeut in Berlin. Er berät Kleriker. Reich kennt die Kirche von innen, er war bis 2014 selber Priester. Er sagt: «Von Zwangstherapien halte ich wenig. Es ist eher ein Feigenblatt der Kirche, die damit die Verantwortung weitergeben kann.» Es sei Ausdruck grosser Hilflosigkeit. Die Schwierigkeiten der Kleriker mit der Sexualität liessen sich nicht einfach wegtherapieren, denn das Gebot der Asexualität in der Kirche könnten nur ganz wenige, «zölibatär Hochbegabte» ohne Probleme befolgen, sagt er.

Für Monika Egli-Alge sind verordnete Therapien hingegen der richtige Weg. Sie ist Leiterin der Schweizer Forio-Klinik und therapiert Pädophile. «Wenn sie freiwillig in die Therapie gehen, besteht die Gefahr, dass sie in einer Motivationskrise, die es in Therapien gibt, das Delikt schnell einmal bagatellisieren und abspringen.»

Kirche zieht Menschen mit Sexualproblemen an

Beide Experten widersprechen Kirchenleuten, die sagen, das Zölibat habe mit den Missbrauchsfällen nichts zu tun. «Wir sehen Kleriker, bei denen funktioniert das asexuelle Leben für eine gewisse Zeit, doch dann kommen sie an einen Punkt, an dem es nicht mehr geht. Dann kann es zu Übergriffen kommen, die unterdrückte Sexualität bricht aus diesen Menschen heraus», sagt Egli-Alge.

Mehr noch: Beide Psychologen sind überzeugt, dass die Kirche Menschen mit sexuellen Problemen anzieht. «Sie sehen das zölibatäre Leben als Strategie, die Kirche als Schutzraum, um mit sexuellen Problemen umzugehen», sagt Egli-Alge. Für Reich ist klar: Priester sollten selber entscheiden dürfen, ob sie zölibatär leben wollen. «Zumindest sollten die Bischöfe heute mit dem Thema Sex offener umgehen, sodass sich Kleriker nicht als Versager fühlen, wenn sie es mit dem Zölibat nicht auf die Reihe kriegen.»

Recherchehinweise an: recherchedesk@tamedia.ch

recherchedesk@tamedia.ch

Erstellt: 23.03.2019, 23:26 Uhr

In Zahlen

300
sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche wurden in der Schweiz zwischen 2010 und 2017 gemeldet.

100'000
Opfer gibt es gemäss einer Schätzung in den USA. Allein in Pennsylvania sollen 300 Priester jahrzehntelang mehr als 1000 Kinder missbraucht haben.

15%
der Schweizer Vorfälle hatten 2017 eine Intervention der Justiz zur Folge. Von 65 Übergriffen meldete die Kirche 8 Fälle der Staatsanwaltschaft – in 2 Fällen wurde diese selber aktiv.

1670
Kleriker sahen sich gemäss einer 2018 veröffentlichten Studie der Deutschen Bischofskonferenz zwischen 1945 und 2014 in Deutschland Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen ausgesetzt.

3
Kleriker wurden laut Angaben der Schweizer Bischofskonferenz bisher verurteilt.

15'000
mutmassliche Opfer haben sich seit 2012 in Australien an eine nationale Untersuchungskommission gewandt.

Sexabstinenz wirkt abschreckend: Weniger Priester

Papst Franziskus hat verkündet, das Gebot des Zölibats könne in Anbetracht des grassierenden Priestermangels in gewissen Weltregionen diskutiert werden. Tatsächlich laufen der katholischen Kirche in der Schweiz nicht nur die Mitglieder in Scharen davon, sondern es entscheiden sich auch immer weniger Männer für den Priesterberuf. 1950 gab es 2986 Diözesanpriester mit Wohnsitz in der Schweiz. 2017 waren es noch 1409 – ein Rückgang von mehr als 50 Prozent.
Auch die Zukunft sieht düster aus. Das Schweizerische Pastoralinstitut in St. Gallen sagt voraus, dass es 2029 nur noch 911 Priester geben wird, die in der Schweiz die Weihe erhalten haben. Zwischen 2012 und 2029 wäre das ein Rückgang von 32 Prozent. Am rückläufigsten werden gemäss dieser Prognose die Priesterweihen in den Bistümern Basel (–45 Prozent) und St. Gallen (–47 Prozent) sein. Von 2015 bis 2017 kamen bei Schweizer Klerikern auf rund 10 Todesfälle noch 1,7 Priesterweihen.
Stark gestiegen ist hingegen die Zahl der ausländischen Kirchenleute, die in Schweizer Bistümern tätig sind. Sie machen heute fast ein Viertel der Priester aus. (cb)

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