Die kirchlichen Feiertage müssen abgeschafft werden

Was bleibt, wenn das Christentum die Gesellschaft nicht mehr zusammenhält? Ein bekannter Schweizer Pfarrer fordert ein Umdenken.

Schon heute im Tessin kein Feiertag mehr: Der Karfreitag mit der traditionellen Prozession in Mendrisio. Foto: Keystone

Schon heute im Tessin kein Feiertag mehr: Der Karfreitag mit der traditionellen Prozession in Mendrisio. Foto: Keystone

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Was hält die Gesellschaft Schweiz im Innersten zusammen? Ist es Wilhelm Tell? Sind es die Banken? Die viel beschworene Freiheit? Weihnachten vielleicht? Eher nicht. Ostern? Auch nicht. Und Auffahrt schon gar nicht. Aber gerade dieses religiöse Fest ist in der gesamten Schweiz ein gesetzlich garantierter Feiertag. Einer unter etlichen anderen, von der Mehrheit der Kantone immerhin den Sonntagen gleichgestellt, wie der Karfreitag, der Ostermontag oder der Stephanstag. Auch der 8. Dezember, Mariä Empfängnis, ist in mehreren Kantonen ein gesetzlich anerkannter Feiertag. Allesamt sind sie Festtage der christlichen Mehrheitsreligion. An diesen Tagen wird in weiten Teilen unseres Landes nicht gearbeitet. Aber deswegen strömen noch lange nicht ganze Heerscharen in die Kirchen. Doch vor sechzig Jahren war das noch so. Die Kirche stand nicht nur als Gebäude weitherum sichtbar im Mittelpunkt. Das kirchliche Leben im Dorf hielt die Menschen zusammen. Sie waren wenig mobil, schon gar nicht weltweit vernetzt. Dem Gemeinschaftserlebnis galt der Vorrang vor der individuellen Freiheit. Das Wir-Gefühl stand über der Ich-Verwirklichung.

Die Blechlawine startet Richtung Süden

Die in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts rapid zunehmende wirtschaftliche und technische Entwicklung brachte die Ortstreue zunehmend zum Einsturz. Die Träger der 1968er-Revolte verabscheuten Traditionen und Autoritäten. Sie hielten sie für einen Ausbund an Repression. In ihr Kreuzfeuer gerieten auch die christlichen Kirchen. Seither sind neue Religionsgemeinschaften aufgetaucht. Allen voran der Islam. Säkulare Weltanschauungen machen den einst konkurrenzlosen Kirchen die Deutungshoheit streitig. Das Christentum, zahlenmässig zwar immer noch die stärkste Religionsgemeinschaft, ist nur mehr eines unter vielen Angeboten, das Leben zu gestalten. Die Zeit, in welcher das Christentum die Gesellschaft Schweiz zusammenzuhalten vermochte, ist abgelaufen. Es geht darum, dieser Realität ins Auge zu schauen und Konsequenzen zu ziehen.

Eine der Konsequenzen betrifft die kirchlichen Feiertage. Sie büssen ihre öffentliche Bedeutung zunehmend ein und müssen daher abgeschafft werden. Zum Beispiel der Karfreitag. Ausser in den Kantonen Wallis und Tessin gilt er als gesetzlich anerkannter Ruhetag im ganzen Land. Doch was passiert Jahr für Jahr an diesem hohen, christlichen Feiertag? Die Blech­lawine startet Richtung Süden. Am Flughafen in Zürich treten sich die Reisenden auf den Füssen herum. Offenbar bedeutet die Einladung der Kirchen diesen Menschen nichts. Sie wollen sich nicht in Gottesdiensten an einen jungen, jüdischen Mann erinnern, der ermordet wurde und damit eine Weltreligion begründete. Es kann daher nicht angehen, dass Leute weiterhin christliche Feiertage für irgendwelche Freizeitbeschäftigungen missbrauchen. In unserer weltanschaulich vielfarbigen Gesellschaft ist es eine Frage der Konsequenz, diesen unwürdigen Zustand zu beenden. Konkret heisst dies etwa für die Tage um Ostern: Karfreitag und Ostermontag sind normale Arbeitstage.

Jeder Vierte im Land ist konfessionslos

Nicht nur haben die christlichen Feiertage kaum mehr Bedeutung, es ist auch unfair gegenüber anderen Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen, diese Privilegien weiterhin aufrechtzuerhalten. Musliminnen und Muslime könnten mit gutem Recht auch einen staatlich anerkannten, freien Tag für ihr Opferfest fordern. Jom Kippur als Fest der Versöhnung könnte die Jüdinnen und Juden sehr wohl berechtigen, diesen hohen Festtag staatlich legitimieren zu lassen. Die Liste der Ansprüche verschiedenster Denominationen würde lang. Jeder Vierte im Land ist konfessionslos. Auch diese Gruppe könnte vom Staat für ihre Grundidee einen offiziellen Feiertag fordern. Es würde uferlos.

Was bleibt, wenn christliche Feste die Kraft verloren haben, die Gesellschaft Schweiz zusammenzuhalten und Identität zu stiften? Da ist noch die säkulare Instanz, der Staat. Er macht zwei Angebote, den 1. August und den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Zumindest Letzterer findet nur mehr wenig Beachtung. Längst vorbei ist die Zeit, da an diesem Sonntag kaum ein Auto fuhr. In unserem Land existiert allerdings eine beachtliche Reihe von Festen: die Fasnacht, der Zibelemärit, die Street Parade, die Olma. Alle diese Events sind jedoch lokal verankert und sprechen bloss einen Teil der Bevölkerung an.

Zweifellos, Feste sind wichtig! Im Sinne einer Psychohygiene unterbrechen sie den Alltag, erschliessen Räume, einfach zu sein, ohne produzieren und rentieren zu müssen. Sie öffnen den Horizont für wesentliche Fragen, etwa für jene, die einst der Königsberger Philosoph Immanuel Kant vorlegte: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Eine jahrhundertealte Institution steht für diese Chance: der Sonntag. So entschieden ich den christlichen Festen die Legitimation staatlich anerkannter Feiertage abspreche, so unmissverständlich will ich am Sonntag festhalten. Fern jeglichen religiösen Anstrichs, ist er eine der grossen, kulturellen Errungenschaften der Menschheit. Sein Ursprung liegt im Mesopotamien des 8. Jahrhunderts v. Chr. Im jüdischen Sabbat fand die Idee eines stets wiederkehrenden Ruhetags seinen Niederschlag. Der siebte Wochentag befreite die Menschen von der Last der Arbeit. Dieser Tag war erst rein säkular geprägt, ehe er religiös als Auftrag Gottes an das israelitische Volk gedeutet und überhöht wurde.

Der Sonntag in säkularem Sinn als Tag der Ruhe

Auch der christliche Sonntag begann als Werktag. Die frühen christlichen Gemeinden genossen noch keine Privilegien. Bis ins 4. Jahrhundert hatten sie sich als Minderheitsreligion im römischen Reich zu arrangieren. In Abgrenzung zum Sabbat versammelten sie sich «am ersten Tag der Woche» vor oder nach ihren Arbeiten zum Gottesdienst. Genau diese Praxis ist heute wieder gefordert, denn das Christentum wird wieder jenen Platz einnehmen, den es schon unter altrömischer Herrschaft belegte. Es bleibt den Christen keine andere Wahl, als ihre hohen Feste, etwa den Karfreitag, Fronleichnam und all die anderen Feste entweder auf einen Sonntag zu verlegen oder sie am Rande eines Werktages anzusetzen. Das ist nichts als ein Akt der Ehrlichkeit.

Gläubige, denen die Orientierung an Jesus von Nazareth ein Anliegen ist, finden Möglichkeiten wie die ersten Christengemeinden. Die Vision der Neupositionierung christlicher Feste ist für die Kirchen keineswegs ein Verlust. Im Gegenteil. Sie wird zur Chance, sich im Wettstreit der Weltanschauungen als stark und überzeugend zu erweisen. Aus der staatlich anerkannten, christlichen Schlafwagengesellschaft kann eine lebendige Bewegung erwachsen, ganz nach dem Vorbild der Klimajugend. Dieser neuen christlichen Bewegung gelänge es entschieden besser, ihr Anliegen unter die Leute zu bringen, weil sie sich der wackeligen Krücken nicht mehr nachvollziehbarer Privilegien vonseiten des Staates entledigt hat.

Ich höre den Aufschrei. Etwa Weihnachten abschaffen? Das Fest ist doch längst zur spätgermanischen Wintersonnenwende mutiert. Dem Staat ist es aber unbenommen, Weihnachten als säkularer Event zum gesetzlich garantierten freien Tag zu erklären. Die Erinnerung an die Geburt Jesu ist etwas ganz anderes. Sie benötigt keinen Staatssegen.

Was hält die Schweiz zusammen? Es sind nicht mehr die religiösen Feste der Christen, auch nicht die lokalen, weltlichen Feste. Nicht einmal der 1. August ist dazu stark genug. Es könnte der Sonntag sein, allerdings nicht mehr als religiöser Feiertag, sondern in säkularem Sinn als Tag der Ruhe. Der Staat müsste alles Interesse daran haben, dem Sonntag seine uralte Bedeutung zurückzugeben. Vier strikt eingehaltene autofreie Sonntage im Jahr könnten die Individualisierung der Gesellschaft durchbrechen und den Zusammenhalt unterschiedlichster Weltanschauungen fördern. In ruhelosen Zeiten wären solche Oasen von unschätzbarem Wert. Damit vollzöge die Gesellschaft Schweiz ein Postulat des Philosophen Erich Fromm, der dem Sein eine ungleich höhere Qualität zuschrieb als dem Haben.



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Erstellt: 07.12.2019, 20:43 Uhr

Josef Hochstrasser

Josef Hochstrasser, 1947, früher römisch-katholischer Priester, seit 1989 reformierter Pfarrer, Publizist, Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschien «Die Kirche kann sich das Leben nehmen – Zehn Thesen nach 500 Jahren Reformation», Zytglogge, 2017.

«Unbefleckte Empfängnis Marias»: Was wird am 8. Dezember eigentlich gefeiert?


Unbefleckte Empfängnis: Gemälde in der Basilika Maria Loretto im Burgenland. Foto: Imago Stock

Das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria feiert die römisch-katholische Kirche jedes Jahr am 8.Dezember. In katholischen Kantonen ist dieses Fest ein Feiertag. In seiner Bulle «Ineffabilis» erklärte Papst Pius IX. im Jahre 1854 den Inhalt dieses Festes zum Dogma.

So lautet die Lehre: Maria, die Mutter Jesu, ist seit dem Augenblick ihrer Zeugung durch Anna und Joachim
(= Empfängnis) ihr ganzes Leben lang ohne Erbsünde (= unbefleckt) geblieben. Das Dogma hat einen theologischen Hintergrund. Federführend war der Kirchenvater Aurelius Augustinus (4/5. Jh. n. Chr.) Mit ihrem Ungehorsam gegenüber dem Verbot Gottes, Früchte vom Baum der Erkenntnis zu nehmen, haben Adam und Eva die Sünde in die Welt gebracht. Augustinus lehrt: Wenn ein Mensch gezeugt wird, wird diese Ur-Sünde auf ihn übertragen (= vererbt).

Die weitverbreitete Meinung, mit dem Dogma der «Unbefleckten Empfängnis Marias» sei die Zeugung Jesu durch Maria und den Heiligen Geist gemeint, ist falsch. Dieses Ereignis feiert die katholische Kirche biologisch richtig am 25. März mit dem Fest «Maria Verkündigung». Josef Hochstrasser

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