Der Bolonka und die beliebtesten Hunde in der Schweiz

Früher waren es Pudel. Heute schaut es ganz anders aus. Welche Hunderassen gerade gefragt sind.

Claudia Pfister, Züchterin der Bolonka-­Zwetna-Hunde, mit ihrem Bolli-Rudel. Bild: Michele Liminia

Claudia Pfister, Züchterin der Bolonka-­Zwetna-Hunde, mit ihrem Bolli-Rudel. Bild: Michele Liminia

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Bolonka Zwetna? Noch nie gehört? Bolonka Zwetna ist eine Hunderasse. Nicht irgendeine Hunderasse, sondern die Hunderasse, die gerade die Herzen der Schweizerinnen im Sturm erobert. Kein anderer Hund hat sich in den vergangenen Jahren so rasant verbreitet wie der russische Schosshund.

Gemäss aktuellen Zahlen der Schweizer Heimtierdatenbank Amicus leben 551'412 Hunde in unserem Land. Die meisten davon sind Mischlinge. Der beliebteste Rassehund der Schweizer Bevölkerung ist der Chihuahua. Die kleinste Hunderasse der Welt hat 2017 den langjährigen Spitzenreiter Labrador von Platz eins verdrängt.

Überhaupt sind Kleinhunde in Mode wie noch nie. Besonders zugelegt haben der Mops und die Französische Bulldogge, Rassen, die seit Jahrzehnten in der Schweiz heimisch sind. Der erste Bolonka Zwetna jedoch wurde erst im Jahr 2002 im Kanton Bern registriert – heute sind bereits 5050 dieser Vierbeiner gemeldet. Schweizweit belegt der Bolonka Zwetna bereits Rang 12 – und alles deutet darauf hin, dass der herzige Wuschel das Feld weiter aufrollen wird.

Erst zwei Wochen alt und längst reserviert: Einer der sechs Welpen. Bild: Michele Limina

Doch was ist das eigentlich für ein Trendhund? Die Spurensuche beginnt in einem beschaulichen Wohnquartier in Winterthur. «Achtung Hunde», steht auf dem Schildchen am Gartenhag, abgebildet ist ein beachtlicher Hundeschädel. Das Gebell, das aufs Klingeln folgt, tönt hell und sehr aufgeregt. Vier Fellknäuel drängen durch die Tür, sie japsen, bellen, springen an einem hoch. Erst müssen die Hunde begrüsst werden, dann erst deren Halterin. Claudia Pfister, 50, führt ins Wohnzimmer, gefolgt vom aufgedrehten Rudel. Sie stellt vor: «Das sind Lucy, Wicky und Zari. Die Kleine heisst Rosie, sie ist erst fünf Monate alt.»

Claudia Pfister betreibt eine «liebevolle Bolonka-Zucht», wie sie auf ihrer Website schreibt. Da wimmelt es von «Jöö»-Fotos süsser Welpen. Vor drei Wochen hat die weiss-beige Zari geworfen, sechs Junge, «drei Meitli und drei Buben». Zwei sind braun, vier schwarz, Pfister hat sie mit Nagellack markiert, damit sie die Winzlinge auseinanderhalten kann.

Klein und praktisch – aber ein «richtiger Hund»

Überall haben die Hunde ihre Schlafplätzchen mit ihrem Lieblingsspielzeug. Doch kaum sitzen wir, sind sie alle wieder da. Wicky und Rosi kuscheln sich an unsere Beine, Lucy will gekrault werden, und auch Hundemutter Zari holt sich ein paar Streicheleinheiten, bevor sie zurück zum Nachwuchs tappt. «Flattieren und kuscheln ist schliesslich ihr Job», sagt Claudia Pfister, «sie wurden ja als Schosshunde gezüchtet.»

Tatsächlich war der «Bolonka Zwetna», das «bunte Schosshündchen», einst der Liebling der adeligen Damen am russischen Zarenhof, Katharina die Grosse war entzückt von seinem verspielten Wesen. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird die Rasse in Russland offiziell gezüchtet. In den 1980er-Jahren wurde sie auch in der ehemaligen DDR populär. Erst nach dem Fall der Mauer 1989 tauchte der Bolonka im Westen auf.

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Claudia Pfister, Ehefrau und Mutter von drei erwachsenen Kindern, hat sich 2012 für ihren ersten Bolonka entschieden. «Ich habe mich Hals über Kopf in den Wollknäuel verliebt», lautet die Antwort auf die Frage «warum ein Bolonka?». Sie beschreibt ihn als «wuschelig, teddybärig, herzerwärmend, unkompliziert, fröhlich, lustig, lieb» – man schmelze einfach dahin.

Ein idealer Anfängerhund – sofern man viel Zeit für ihn hat. Der Bolonka Zwetna wird als anhänglich charakterisiert, er fordert Aufmerksamkeit und Zuwendung. Überhaupt nicht gern ist er allein. Drei bis vier Kilo wiegt der Bolli, wie der Kenner sagt, – man könne ihn überallhin mitnehmen, so die Fachfrau. Klein und praktisch – aber ein «richtiger Hund», das betonen alle Bolonka-Halterinnen. Auch der Schosshund braucht Bewegung und Erziehung. Der Besuch der Hundeschule ist für Pfister ein absolutes Muss. Denn auch der kleine Hund stamme vom Wolf ab, auch er habe einen Jagdtrieb und verteidige sein Revier.

Das bunte Schosshündchen gibts in allen möglichen Farbkombinationen. In den vergangenen Jahren, so Pfisters Erfahrung, sei ein dunkelbraunes Fell besonders gefragt gewesen, momentan sei rötlich en vogue. Und noch etwas spricht für den Bolonka Zwetna: Er haart nicht. Das macht ihn zum idealen Hund für Allergiker – oder für Menschen, die keine Haare auf dem Sofa wollen. Das lange, dichte Fell braucht allerdings viel Pflege und soll täglich gebürstet werden. Damit das Tier auch etwas sieht, gehören die Fransen gekürzt. Der «korrekte Bolonka-Haarschnitt» soll den runden Kopf betonen – so niedlich wie nur möglich soll der kleine Wuschel daherkommen.

Der kleine Russe fordert den winzigen Mexikaner

Noch leben fast fünfmal mehr Chihuahuas als Bolonkas in der Schweiz. Doch der Russe holt auf. Der Mexikaner hingegen landet oft im Tierheim, keine andere Rasse wird so häufig abgeschoben wie der Winzling mit den Fledermausohren. So verschieden die beiden Kleinhunde sind, so sehr unterscheiden sich auch deren Halter. Der Chihuahua, kurz Chi genannt, galt lange als Accessoire von Stars und Sternchen, allen voran Paris Hilton. Der Bolonka Zwetna hingegen scheint kein Promi-Hund zu sein. Berühmtestes Bolonka-Herrchen ist Prinz George, Söhnchen von Herzogin Kate und Prinz William. Der kleine Prinz hat zum 5. Geburtstag einen Bolonka geschenkt bekommen, auch weil die Mama allergisch auf Hundehaare reagiert.

Chihuahua-Frauchen legen ihrem Hündchen gern Kleidchen an. Für den Bolonka Zwetna hingegen existiert keine spezielle Garderobe, kein Blingbling. Wenn, dann ziehe man ihm «funktionale Bekleidung» an, sagt Claudia Pfister. Eine Regenjacke vielleicht, denn Regen mag der Bolli nicht – «Schnee findet er aber cool.» Und noch ein Unterschied: Während die Mexikaner gern nach dem berüchtigten Boxer Tyson oder dem Caesaren-Mörder Brutus benannt werden, tragen die Russen meist herzige Namen.

Pfister, sie hat eine Ausbildung als gewerbliche Züchterin und Zuchtwartin vorzuweisen, macht schon auf ihrer Website darauf aufmerksam, dass sie keine Welpen zum Discountpreis abgebe. Ein reinrassiger Bolonka Zwetna samt Ahnenpapieren kostet zwischen 2000 und 2500 Franken. Ihre Kunden beschreibt sie als «unkomplizierte, fröhliche Leute, die einen lässigen Begleiter suchen». Frauen und Familien, das sind die typischen Bolonka-Zwetna-Fans.

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Sandra Knecht, 49, wartet sehnlichst auf ihren ersten Bolonka Zwetna, ihren ersten Hund überhaupt. Im September hat sie ihn bei einer Züchterin im Kanton Aargau bestellt. Damals war die Hündin noch nicht einmal trächtig. Inzwischen sind sieben Wochen vergangen, nach wie vor wartet Knecht auf den freudigen Bescheid. 60 Tage wird die Schwangerschaft dauern, zehn Wochen werden die Welpen bei der Mutter bleiben – Sandra Knecht wird sich bis 2019 gedulden müssen, bis sie erstmals Hundehalterin ist.

Eigentlich bezeichnet sie sich als Katzen-Frau, sie liebte es, wenn sie abends von ihrem Büsi begrüsst wurde. Aber die Katze war oft alleine. Einen Hund kann sie mit in die Anwaltskanzlei nehmen. Sie suchte nach einem «lieben Hund», der sich gern bewegt und einfach zu halten ist. «Ich hatte keine Ahnung, dass ich mich für einen Trendhund entschieden habe», sagt sie. Jedenfalls hatte sie noch nie von dieser Rasse gehört, bis sie zufällig einen Bolonka Zwetna sah – und auf der Stelle ihr Herz verschenkte. «So ein Schnügel! Und all die Farben, wow!» Sie wünschte ein Weibchen, in Beige. Doch die Züchterin klärte sie auf: «Nicht Sie suchen aus. Die Welpen werden entscheiden.»

Mit der Nachfrage steigt die Zahl der unseriösen Züchter

Nach dem passenden Familienhund suchte Jrene Shirazi, Verlagsleiterin des Magazins «Zeitlupe». Ihre Tochter, 13, ein Einzelkind, sollte mit einem Tier aufwachsen, Verantwortung zu übernehmen lernen. Kinderlieb sollte das neue Familienmitglied sein, «ein Hund, mit dem man schmusen und kuscheln kann». Ihr Milo, 2, erfülle alles. Aber, so ihre Erfahrung, das «Schosshündli» könne durchaus «tough» sein: Milo springe mitten im Winter in den eisigen Bach, um das «Steckli» zu holen.

Inzwischen habe Milo einen Freund: Matteo, 4 Monate, ist eine Kreuzung zwischen Bolonka und Toypudel – ein Bollipoo für stolze 4400 Franken. Und einen Kumpel hat Milo ebenfalls. Jrene Shirazis Arbeitskollegin war so vernarrt in Milo, dass sie sich ebenfalls einen Bolonka Zwetna zutat. Und so wuseln gleich drei Minihunde durch die Redaktion der «Zeitlupe». Der Bolli sei der ideale Bürohund, finden die Frauen. «Liebi Sieche», sagt Shirazi, «sie passen sich total dem Besitzer an.»

Viele der Hunde stammen aus Massenzuchtanlagen

Mit der grossen Nachfrage steigt auch die Zahl der zwielichtigen Anbieter, eine Gefahr, die jeder Trendrasse droht. Nicht alle Interessentinnen sind so geduldig wie Sandra Knecht, die ein halbes Jahr auf ihren Bolli wartet. Ein Klick im Internet genügt, sofortige Lieferung garantiert und erst noch zu Dumpingpreisen – die Übergabe erfolgt meist auf einer Raststätte gleich über der Grenze.

Viele dieser Hunde stammen aus Massenzuchtanlagen in Osteuropa, oft kranke Tiere, die viel zu früh von der Mutter getrennt werden, damit diese möglichst rasch den nächsten Wurf austragen können. 90 Prozent der Inserate im Internet sind unseriös oder gar betrügerisch, hat der Schweizer Tierschutz in einer Studie aufgezeigt.

«Selbst eine Schweizer Zucht ist keine Garantie für ein gesundes Tier», warnt Claudia Pfister, «auch eine Website kann lügen.» Ihr Tipp: Unbedingt beim Züchter vorbeigehen und sich alles zeigen lassen. Die Züchterin aus Winterthur verkauft im Schnitt zehn Hunde pro Jahr, sie könnte jeden Monat zehn abgeben, sagt Pfister, «aber meine Hündinnen sind keine Gebärmaschinen».

Die sechs Welpen im Körbchen fiepsen, verlangen nach der Mutter, die wieder gestreichelt werden will. Es ist der 12. Wurf im Hause Pfister, der L-Wurf: Leon, Leroy, Levi, Lissy, Libby und Lexy. Die Welpen sind längst reserviert. Doch welcher Hund zu welchem Menschen kommt, wird sich auch hier erst beim Kennenlernen zeigen. «Die Chemie muss stimmen», sagt Claudia Pfister und krault Schätzeli Zari hinter den Ohren.

* Dieser Artikel erschien am 18. November 2018 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 21.11.2018, 11:51 Uhr

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