Die Klima-Heuchler

Am UNO-Gipfel wurde über die Erderwärmung diskutiert und dabei viel Fleisch gegessen – obschon die Massentierhaltung ein Hauptfaktor für den Treibhausgas-Anstieg ist.

Ökologischer Irrsinn: Ein Fleischgericht verursacht im Schnitt viermal mehr CO<sub>2</sub> als ein vegetarisches. Foto: Brian Finke / Gallery Stock

Ökologischer Irrsinn: Ein Fleischgericht verursacht im Schnitt viermal mehr CO2 als ein vegetarisches. Foto: Brian Finke / Gallery Stock

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Man muss jetzt wirklich etwas tun! Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern eine Minute davor! Die Gletscher schmelzen, die ­Eisbären verhungern, die Meeresspiegel steigen, Dürren nehmen zu, Unwetter auch, der Planet ist in einem pitoyablen Zustand, es wird heisser und immer ­heisser!

Wissen mittlerweile alle. Die Erderwärmung ist ein Dauerbrenner und als Problem erkannt, weshalb sich nun die internationale Politik regelmässig trifft, um gemeinsam Lösungen zu finden und zu retten, was noch zu retten ist. Wie vorletzte Woche im polnischen Katowice.

Die globale Fleischindustrie gilt als ökologischer Irrsinn.

Was gegen die ungute Entwicklung zu tun ist, wüsste man. Eigentlich. Bloss scheint das mit der Umsetzung nicht ganz so einfach. Und zwar nicht einmal für jene, die sich von Berufs wegen damit beschäftigen und der Menschheit gerne vorwurfsvoll erklären, die Apokalypse sei aufgrund unseres unvernünftigen Verhaltens und verschwenderischen Lebensstils nicht mehr weit. Und nun legten in dieser Hinsicht ausgerechnet diejenigen in Katowice eine bemerkenswerte Ignoranz an den Tag.

Während darüber gestritten wurde, inwiefern die einzelnen Länder über ihre ökologischen Minianstrengungen und Minifortschritte informieren sollten, verköstigten sich die rund 19'000 Teilnehmenden vor allem mit: Fleisch. Wo doch die Massentierhaltung einer der Hauptgründe für die Erderwärmung ist – was man ebenfalls längst weiss. Die Zahlen sind bekannt und an Eindeutigkeit nicht zu überbieten, die globale Fleischindustrie gilt als ökologischer Irrsinn.

4000 Tonnen Treibhausgase hätten eingespart werden können

In Katowice wurde während der zwölf Tage dauernden Konferenz deshalb aber nicht etwa ausschliesslich auf vegetarische oder vegane Kost gesetzt, es verhielt sich gerade umgekehrt: Das Angebot der Fleischgerichte war doppelt so gross. Drei US-Unternehmen – ein Thinktank und zwei Non-Profit-Umweltschutzorganisationen – rechneten letzte Woche in einem gemeinsamen Bericht minutiös vor, was das bedeutete: 4000 Tonnen Treibhausgase. Weil ein Fleischmenü im Schnitt viermal mehr ebensolche verursache als ein vegetarisches und zehnmal mehr als ein veganes Menü.

Verwunderlich ist diese Ignoranz nicht. Man redet nicht gerne über den Zusammenhang von Massentierhaltung und Klimaerwärmung. Wie ungern, zeigte 2015 der Dokfilm «Cowspiracy»: Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace kommen dabei nicht gut weg, denn sie haben das Thema in der Vergangenheit absichtlich kaum erwähnt und schon gar nicht zum Fleischverzicht aufgerufen – im Wissen darum, dass Spendengelder im Nu versiegten, würde man den Leuten ihr Steak verbieten. Da findet man doch lieber Formel-1-Rennen, SUV und Atomkraft böse, die eignen sich besser dazu, kollektiv dagegen zu sein.

Am Ende von «Cowspiracy» sagt einer das, was niemand hören will, weder die Politik noch der sich ökologisch besorgt gebende Mitmensch: dass man nun mal nicht grün sein und gleichzeitig Fleisch essen könne.

Leuchtet ein. Bloss ist halt der Begriff «Verzicht» so wahnsinnig unsexy.

Erstellt: 22.12.2018, 18:41 Uhr

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