Der neueste Liefer-Boom setzt den Detailhändlern zu

Kunden von Coop und Migros gehen mit Uber fremd. Statt selbst zu kochen, bestellen Schweizer ihr Essen immer öfter bei Lieferdiensten.

Pizza ist längst nicht mehr das Mass aller Lieferdienst-Dinge: Geliefert wird inzwischen vom Gemüsesaft bis zum Thai-Menü oder Sushi alles, was in der Schweiz begehrt wird. Foto: Philipp Rohner

Pizza ist längst nicht mehr das Mass aller Lieferdienst-Dinge: Geliefert wird inzwischen vom Gemüsesaft bis zum Thai-Menü oder Sushi alles, was in der Schweiz begehrt wird. Foto: Philipp Rohner

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Wenig Lust oder keine Zeit zum Kochen? Als bequeme Alternative steht längst nicht nur lauwarme Pizza vom Kurier auf dem Menü. Von Wan-Tan-Suppe über Gemüsesäfte bis zu Cordon bleu reicht das Angebot für Lieferungen an die Haustür. Spezialisierte Onlineplattformen bieten eine fast unbeschränkte Auswahl. Heimlieferungen boomen in der Schweiz und sind weltweit ein Milliardenbusiness. Während die Angebote für viele Restaurants ein Zusatzgeschäft sind, wird die Entwicklung für den Detailhandel zu einer Bedrohung.

Coop und Migros stehen im Wettbewerb mit Lieferdiensten, wenn es darum geht, was beim Konsumenten auf den Teller kommt. «Jedes online bestellte Essen nimmt dem Detailhandel ein Stück vom Umsatz weg», sagt Dominique ­Locher. Er war langjähriger Chef des Migros-Onlinesupermarkts Le Shop und ist heute Berater von ausländischen Detailhändlern wie Edeka.

Die Schweizer Platzhirsche bekommen es dabei neben klassischen Lieferdiensten auch mit finanzstarken internationalen Technologiekonzernen als Konkurrenten zu tun. Uber hat in Genf vor rund einem halben Jahr mit der Auslieferung von Essen begonnen. Schon in den kommenden Wochen will Uber Eats in die Deutschschweiz expandieren. «Unser Team arbeitet daran, den Launch von Uber Eats in Zürich vorzubereiten, und wir hoffen, dass wir noch im Sommer starten können», sagt Sprecherin Luisa Elster. In Genf arbeitet das Unternehmen mit über 200 Restaurants zusammen. Dazu gehören Ketten wie McDonald’s und Subway. Für fünf Franken Liefergebühr bringt ein Fahrer das Big-Mac-Menu nach Hause.

Auch Amazon mischt im Geschäft mit und hat sich im Mai mit über einer halben Milliarde Dollar an dem in 14 Ländern aktiven britischen Lieferdienst Deliveroo beteiligt. Die Aktienkurse von Konkurrenten wie Just Eat brachen daraufhin ein. Just Eat ist in der Schweiz mit Eat.ch Marktführer. Weitere Anbieter sind Takeaway.com, Smood und Mosi.

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Die Wachstumsraten bei Heimlieferung sind zweistellig

Laut einer Branchenstudie liegt der Umsatz mit Heimlieferdiensten in der Schweiz bereits bei rund einer Milliarde Franken. Noch ist das ein kleines Stück vom Kuchen. Der Umsatz in der Gastronomie lag 2018 bei fast 23 Milliarden Franken. Doch während die Umsätze bei klassischen Restaurants und im Detailhandel stagnieren, gewinnt Home Delivery an Boden. «Das Geschäft wird noch stark an Bedeutung gewinnen. Die Wachstumsraten sind prozentual zweistellig», erklärt David Morant von der E-Commerce-Beratungsfirma Carpathia.

Die Schweizer Detailhändler schauen der immer stärker werdenden Konkurrenz eher passiv zu. Während die beiden Grossverteiler ihr Angebot in der Schnellverpflegung in ihren Läden in den letzten Jahren stark ausgebaut haben, tut sich beim Thema Heimlieferung von fertig zubereiteten Mahlzeiten wenig. «Coop und Migros sollten sich überlegen, wie sie auf diesen Trend aufspringen können», sagt Morant.

Coop ist mit seinen Gastronomiebetrieben auf keinem der Online-Lieferdienste präsent. Home Delivery machen die Basler nur am Rande. «Ausgewählte Coop-Restaurants liefern Mahlzeiten an Schulen, Kindergärten oder Altersheime», sagt eine Sprecherin. Das Unternehmen will sich auf Convenience-Formate fokussieren.

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Die Migros verfolgt zum Thema keine einheitliche Strategie. Stattdessen kocht jede Genossenschaft ihr eigenes Süppchen. «Das Thema Heimlieferdienste wird von den Genossenschaften autonom gehandhabt», sagt eine Sprecherin der Zentrale.

Die Migros Ostschweiz führe ein Pilotprojekt mit einem Migros-Restaurant und mit Chickeria-Filialen durch. Die Mahlzeiten können Kunden via Eat.ch bestellen. Die Migros Aare und Zürich arbeiten bei ihren Thai-Restaurants und bei Hitzberger mit Lieferplattformen zusammen.

Die Grossverteiler machen damit nach Einschätzung von Do­minique Locher zu wenig. «Die Schweizer Detailhändler vernachlässigen das Geschäft mit der Heimlieferung von Mahlzeiten sträflich.» Bei Büchern, Elektronikartikeln und Kleidern habe das Internet schon für «einen Tsunami» im Handel gesorgt. «Das wird auch bei Lebensmitteln passieren.»

Der Kochherd zu Hause bleibt immer öfter kalt

Mit einer Revolution im Essverhalten rechnet auch die UBS. «Ist die Küche tot?», fragen die Analysten der Grossbank in einer gross angelegten internationalen Studie, für die über 13'000 Konsumenten befragt wurden.

Der Herd zu Hause bleibt demnach immer öfter kalt. Die Analysten der Bank rechnen damit, dass das Geschäft mit nach Hause geliefertem, gekochtem Essen bis im Jahr 2030 global auf 365 Milliarden Dollar ansteigen wird – rund zehnmal so viel wie heute.

Als «potenzielle Verlierer» sieht die Bank den Detailhandel. Es werde immer weniger zu Hause gekocht, weil dafür die Zeit fehle. Zudem verlieren laut der Studie immer mehr Leute die Fähigkeit zu kochen. Dank ausgeklügelter Logistik werden Lieferungen vor die Tür immer günstiger. Damit sinkt der Anreiz weiter, selber zu Kochtopf und Bratpfanne zu greifen. In einem Szenario der UBS könnte der Detailhandel aus diesen Gründen bis in zehn Jahren 12 Prozent des Umsatzes an Lieferanten von Mahlzeiten verlieren.

Bis zu 30 Prozent Kommission

Diese globalen Trends gelten auch für die Schweiz. Laut einer Befragung des Bundes kochen rund 20 Prozent der Schweizer abends nie warme Mahlzeiten – bei den Männern sind es 27 Prozent. Hingegen haben laut einer Umfrage von Gastrosuisse über 16 Prozent der Teilnehmer im letzten Monat mindestens einmal fertig zubereitetes Essen nach Hause bestellt.

Freuen darüber können sich die Onlineanbieter wie Uber Eats, die von den Restaurants bis zu 30 Prozent als Kommission einstreichen. An den Schweizer Detailhändlern geht dieses Geschäft vorbei.



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Erstellt: 21.07.2019, 10:46 Uhr

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