Die Lehren aus dem Swissair-Absturz

Heute vor zwanzig Jahren zerschellte Flug SR111 bei Halifax im Atlantik. Das veränderte die Luftfahrt grundlegend.

Katastrophe: Heute vor zwanzig Jahren zerschellte Flug SR111 im Atlantik. Video: Tamedia/SDA

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kürzlich flog ein Flugzeug tief über Peggy’s Cove hinweg. Viel tiefer als andere Jets, die hier auf ihrer Reise zwischen Nordamerika und Europa vorbeiziehen. «Da wurde es einigen hier ziemlich mulmig», sagt Rob MacQuarrie, dem ein kleiner Hummer-Imbiss im beschaulichen Fischerdorf an der kanadischen Atlantikküste gehört. Zwanzig Jahre nach dem Absturz von Swissair-Flug SR111 sitzt das Trauma bei vielen noch tief. In der Nacht auf den 3. September 1998 stürzte hier eine McDonnell Douglas MD-11 vor der Küste ins Meer.

Viele Fischer im Dorf sprangen an jenem Abend umgehend als freiwillige Helfer ein; sie waren die Ersten an der Unglücksstelle. Das Flugzeug war beim Aufprall in unzählige Teile zerborsten. «Solche Bilder vergisst man nicht», berichtet einer der Männer, der damals dabei war. «Das Ereignis hat uns alle verändert.» Die Menschen in Peggy’s Cove, die Menschen bei der Swissair, die Angehörigen der Opfer. Und die Luftfahrt.

In der Nacht vor zwanzig Jahren war die MD-11 der Swissair mit der Registrierung HB-JWF unterwegs von New York nach Genf. Kurz nach dem Start bemerkten die Piloten im Cockpit einen Brandgeruch. Sie entschieden, umzukehren und in Halifax notzulanden. Doch das Feuer breitete sich zu schnell aus, auch ins Cockpit. Die Crew sah nichts mehr und verlor die Kontrolle über die Maschine. Fünf Meilen vor der Küste stürzte sie ins Meer, alle 229 Insassen starben.


Sie verloren beim Absturz ihre Partner – und verliebten sich ineinander Manon Wolff und Manfred Furter erzählen, wie sie vom Absturz erfahren hatten, wie sie den Verlust verarbeiten konnten und weshalb sie zueinander fanden. (Zum Artikel)


Kurz darauf wurde Jean-Claude Donzel vom Telefonklingeln aus dem Schlaf gerissen. «Komm schnell», sagte seine Chefin Beatrice Tschanz dem damaligen Swissair-Pressesprecher. Ein Flugzeug sei abgestürzt. Es habe ein paar Stunden gedauert, bis er wirklich funktionierte. «Was half, war, dass wir kurz zuvor eine ähnliche Situation mit dem Krisenstab geübt hatten», erinnert er sich.

Mit einem technischen Defekt rechnete bei der Swissair niemand

Die Unfallursache änderte die Unternehmenskultur nachhaltig. «Die Swissair hatte einen sehr guten Ruf wegen ihrer technischen und operationellen Zuverlässigkeit», sagt Donzel. Dass es zu Entführungen, Anschlägen und auch Wetterproblemen kommen könnte, das habe man schon auf dem Schirm gehabt. Aber ein technischer Defekt? So gut wie undenkbar. «So was passiert immer nur den anderen», habe man allgemein gedacht. Bis es dann zum Absturz kam. «Das hat uns sehr geprägt, wir haben gemerkt: Auch wir sind verletzbar.»

Bildstrecke: Swissair-Katastrophe vor Halifax

Schon am Tag nach dem Absturz sprach sich die Theorie mit dem technischen Problem intern herum, denn die Piloten hatten kurz vor dem Absturz einen Notruf abgesetzt. Nachdem kurz darauf die beiden Flugschreiber gefunden wurden, erhärtete sich der Verdacht. Absolute Klarheit wird es nie geben – trotz fünfjährigen Ermittlungen. Und obwohl man aus Millionen Trümmern und fast 300 Kilometer Kabeln das Wrack der MD-11 rekonstruiert hatte.

Klar ist: Irgendwie kam es zu einem Kurzschluss, ein Kabel geriet in Brand. Das Feuer ging auf Isoliermatten im Cockpit über, die – wie sich herausstellte – zu leicht entflammbar waren. Das Kabel gehörte wohl zum Unterhaltungssystem des Fliegers, stellten die Ermittler in einem vorläufigen Bericht im Oktober 1998 fest. Die Fluglinie entschied sich daraufhin, in beiden Flugzeugtypen das Unterhaltungssystem abzustellen.

Rund um die Welt reagierten Fluglinien auf den Crash der MD-11

Nicht nur für die Swissair, sondern für die ganze Branche führte das Unglück zu Veränderungen. Der Abschlussbericht der kanadischen Ermittler allein hatte bereits 23 Sicherheitsweisungen zur Folge. Diese geben Behörden heraus, wenn an Flugzeugen oder bei Abläufen Veränderungen nötig werden. Auch in Europa und den USA folgten neue Vorschriften, insgesamt waren es mehr als fünfzig. Die Flugzeuge mussten mit zusätzlichen Rauchmeldern, Löschsystemen und Infrarotkameras ausgestattet werden. Das entflammbare Isoliermaterial wurde aus der Fliegerei verbannt.

Fluggesellschaften in aller Welt passten nach dem Absturz die vorgeschriebenen Abläufe im Cockpit im Fall eines Feuers an Bord an, denn: Nach dem Crash wurde klar, dass die Checklisten, die Swissair-Piloten vor dem Einleiten der Notlandung abarbeiten mussten, zu lang waren. Lichter abschalten, Systeme herunterfahren, Flugbegleiter anweisen, das Essen einzusammeln – all das kostete Zeit. Wäre sie nicht verstrichen, hätte SR111 vielleicht in Halifax landen können. Inzwischen heisst es im Fall eines Brands: So schnell wie möglich landen. Wo immer es geht.

Grafik vergrössern

Nahe der Absturzstelle an der kanadischen Küste erinnern heute zwei Denkmäler an das Unglück – eines nahe dem Imbiss von Rob McQuarrie. Er selbst zog erst vor zehn Jahren hierher. Dennoch ist sein Leben mit dem Unglück verbunden. Er kaufte vor vier Jahren das Restaurant Shaw’s Landing, benannt nach dem früheren Eigner Ian Shaw. Seine Tochter Stephanie war Passagierin auf Flug SR111.

Sie befand sich auf dem Heimweg nach Genf, wo die Shaws damals lebten. Bei einer Reise nach Peggy’s Cove nach dem Unglück fühlte sich Shaw von den Dorfbewohnern so warm aufgenommen, dass er blieb – das Meer, in das SR111 stürzte, immer im Blick. Vor einigen Jahren entschied er, zurück nach Europa zu gehen. Die Wunden des Swissair-Unglückes sind auch bei ihm vielleicht langsam verheilt – doch es hat ihn für immer verändert. Wie die Menschen in Peggy’s Cove. Und die Luftfahrt.


Video: Das Glück nach dem Unglück

Manon Wolff und Manfred Furter verloren beim Absturz ihre Partner und fanden später zueinander. Video: Lea Koch

Erstellt: 01.09.2018, 22:38 Uhr

Artikel zum Thema

Die Liebenden und die Toten

Video Heute vor 20 Jahren zerschellte eine Swissair-Maschine vor Halifax. Zwei Hinterbliebene verliebten sich – in einem Flugzeug. Mehr...

Zur Tragik kamen Arroganz, Gier und Missmanagement

Analyse Über den Absturz der Swissair 111 bei Halifax vor 20 Jahren. Mehr...

Der Swissair-Crash und das MH-370-Rätsel

Ein Halifax-Ermittler liefert plausible Erklärungen für den Absturz der Malaysia-Airlines-Maschine im März 2014. Es bleiben aber Fragen offen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...