«Die linke Mittelschicht lebt in ihrer heilen, kleinen Welt»

Was sie kritisieren, treiben sie selbst voran: Soziologin Cornelia Koppetsch hat eine unbequeme Analyse für die urbane Bevölkerung.

«Deutschland ist ein wirtschaftlich starkes Land, das unter demografischer Schrumpfung leidet»: Cornelia Koppetsch.

«Deutschland ist ein wirtschaftlich starkes Land, das unter demografischer Schrumpfung leidet»: Cornelia Koppetsch.

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Auch über zwei Wochen nach den Ausschreitungen in Chemnitz kommt Deutschland nicht zur Ruhe – im Gegenteil: Das Land ist durch die Migrationskrise tief gespalten, die verschiedenen Lager gifteln sich an, wenige unabhängige Experten versuchen einzuordnen. Eine der erfrischendsten Stimmen ist die Soziologie-Professorin Cornelia Koppetsch. Ihre gesellschaftlichen Analysen sind überraschend und mitunter auch unbequem, wie dann, wenn sie aufzeigt, welch konservative Rollenteilung urbane, gut ausgebildete Paare häufig leben. Die 51-Jährige beschrieb zudem bereits vor fünf Jahren in einem Buch ein zurzeit heiss debattiertes Phänomen: die Rückkehr der Klassengesellschaft und inwiefern die Linke mehr dazu beiträgt, als ihr lieb sein kann.

Haben Sie die Vorfälle in Chemnitz überrascht?
Von der Heftigkeit her ja, sonst nicht. Obschon ich dafür eine andere Begründung habe als die, die man oft hört: Mit den Sachsen driften eben gerade nicht die Unterprivilegierten nach rechts ab, sondern die Musterschüler der wirtschaftlichen Entwicklung, überall sind die Sachsen vorne mit dabei, selbst bei Pisa.

Es geht nicht um Verlierer?
Nein, und da sind auch die Zahlen eindeutig: Es geht um Leute, die eben gerade einen gewissen Status haben und deshalb Angst, diesen zu verlieren. Und es sind Leute, die bereits durch den Mauerfall eine Demütigung erfuhren: Die Ostdeutschen mussten sich dem West-System anpassen, wurden deklassiert. Jetzt haben sie erneut das Gefühl, dass über sie bestimmt wird, sie empfinden die Flüchtlinge als erneutes, unkontrolliertes Einbrechen in ihre Lebenswelt.

Wieso ist es so schwer, eine sachliche Diskussion über Migration zu führen?
Es gibt eine sehr gute Definition von Einwanderung: Einwanderung findet immer dann statt, wenn ein wirtschaftlich starkes Land über zu wenig Arbeitskräfte verfügt – wie die USA Ende des 19. Jahrhunderts, als die Europäer dorthin auswanderten. Dasselbe ist heute im Westen der Fall: Deutschland ist ein wirtschaftlich starkes Land, das unter demografischer Schrumpfung leidet.

«Viele konservative Politiker unterscheiden sich kaum mehr von einer Grünen oder von einem Liberalen.»

Inwiefern sorgt das für Unmut der Migration gegenüber? Es braucht sie doch.
Die betroffenen Regionen empfinden es als doppelte Niederlage, weil die Schrumpfung und damit auch das Verschwinden der eigenen Kultur und der eigenen Lebensform sehr sichtbar ist. Es geht darum, dass vom eigenen Vermächtnis nichts mehr übrig bleibt. Man weiss es nicht nur, man sieht es auch.

Das schmerzt so sehr?
Ja, das ist sehr schmerzhaft. Ich bin oft im Osten Deutschlands, nahe der polnischen Grenze, und da wird es einem schonungslos vor Augen geführt: die leer stehenden Geschäfte, die verfallenden Häuser, die ganzen Regionen, die verkümmern. In Grossstädten ist das nicht so offensichtlich.

Weshalb nicht?
Weil die Durchmischung grösser ist. Es ist automatisch multikulti, da fällt das eigene Verschwinden nicht so auf. Zudem hat man dort eher eine post-nationale Identität. Man definiert sich nicht mehr über den Pass, sondern über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Vom demografischen Schrumpfen und der Notwendigkeit, jene zu holen, die sich mit mehr Kindern reproduzieren, ist nicht nur Ostdeutschland, sondern ganz Osteuropa betroffen. Deshalb sind die Reaktionen dort besonders heftig.

Männer scheinen ebenfalls besonders heftig darauf zu reagieren, jedenfalls sieht man auf entsprechenden Bildern kaum je Frauen. Weshalb?
Es gibt zwar Frauen unter den Anhängern der sehr Rechten, tatsächlich sind diese aber überdurchschnittlich oft männlich. Das passt zu meiner Theorie: Wenn vor allem jene, die etwas zu verlieren haben, empfänglich sind für rechtsextreme Parolen, dann sind darunter mehr Männer als Frauen, weil Männer nun mal eher etwas zu verlieren haben. Ein Statusverlust trifft sie härter. Oder vielleicht auch: Frauen würde das nicht so stören. Man spricht in der Fachsprache von Re-Souveränisierung – also vom Wiedererlangen von Macht.

Weshalb hat die Politik das dermassen unterschätzt?
Weil die Politik fast durchwegs aus demselben Personal besteht. Viele Politiker der CDU unterscheiden sich kaum mehr von einer Grünen oder von einem Liberalen – sie sind alle Mitglieder jener Elite, die die Rechtspopulisten so gerne für die in ihren Augen ungebremste Migration verantwortlich machen. Sie haben alle denselben Hintergrund, dieselbe Ausbildung, nicht einmal in der SPD geht es noch hemdsärmelig zu. Es fehlt die Bodenständigkeit, und das ist ein Problem. Deshalb gibt es die AfD.


«Es läuft darauf hinaus, dass es die Gesellschaft als solches nicht mehr gibt, sondern nur noch getrennte Lebenswelten.»

Diesen Vorwurf müssen sich die Eliten zu Recht gefallen lassen?
Sie sind nicht blind, wie behauptet, aber sie haben blinde Flecken. Es ist eine Homogenisierung der Innenstädte im Gange, die Quartiere sind immer weniger durchmischt. Dort lebt die Wählerschaft der Elite, und zwar zunehmend in ihrer heilen, kleinen Welt, mit Werten, die man in dieser kleinen, heilen Welt gut aufrechterhalten kann, und von denen man glaubt, die ganze Welt funktioniere nach ihnen. Es fehlt zunehmend das Verständnis für jene, die anders leben als man selbst.

Obschon die Welt durchmischter ist denn je?
Umgekehrt: Es ist ganz klar eine Tendenz zur neuen Klassengesellschaft zu erkennen, und diese verfestigt sich zusehends. In Deutschland fing die Polarisierung mit dem Mauerfall an, ab da hat die gebildete Bevölkerungsschicht immer mehr zugelegt: Sie hat zuerst ökonomisch, dann kulturell immer mehr Raum eingenommen. Innenstädte sind heute kaum noch durchmischt, sondern akademisch-links-liberal. Trotzdem spricht man von Durchmischung – die bezieht sich aber auf Menschen aus derselben sozialen Klasse. Sie mögen einer anderen Ethnie angehören, stammen aber aus derselben Schicht. Die linke Mittelschicht erkennt oft nicht, wie homogen sie lebt, und dass deshalb ihr Verständnis für andere nicht so gross ist, wie sie meint.

Man gibt sich aufgeschlossen, will seine Kinder aber nicht auf eine Schule mit hohem Migrantenanteil schicken?
Richtig, ein eklatanter Widerspruch. Die gut Ausgebildeten ziehen weg aus den Quartieren mit vielen Unterschichtsmigranten – Migranten werden ja unterschieden: Es gibt Expats und es gibt Unterschichtsmigranten –, sie wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Das gestehen sie sich aber nicht ein, weil der Nachbar aus England stammt oder Spanien oder Russland, und man sich daher einreden kann, in einem durchmischten Quartier zu leben. Das, was die linke Mittelschicht kritisiert, treibt sie selbst voran: dass die Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet. Der Graben vergrössert sich zusehends, weil die Gentrifizierung zur sozialen Segregation führt.

Was macht das mit einer Gesellschaft?
Es läuft darauf hinaus, dass es die Gesellschaft als solches nicht mehr gibt, sondern nur noch komplett getrennte Lebenswelten, Parallelwelten, die nichts miteinander zu tun haben. Sehen Sie sich die Städte an: Da bleiben die Migranten unter sich und die Akademiker unter sich, letztere halten sich auf diese Weise auch sehr elegant die Integrationsprobleme vom Hals – die soll die Unterschicht unter sich ausmachen. Das sieht man sehr gut an Kreuzberg, wo ich wohne: Das Quartier war mal gemischt, richtig multikulti, heute hat es hier nur noch Leute wie mich, die im Schwimmbad die Zeitung lesen oder sozialwissenschaftliche Bücher. Die Türken sind längst nach Neukölln gezogen – wo es am Eingang zum Schwimmbad Messerkontrollen gibt.

«Viele Frauen scheinen es wichtiger zu finden, die Klassenposition zu erhalten als die Geschlechterposition zu verändern.»

Lässt sich das ändern?
In Deutschland haben heute 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, bei den Kindern sind es bereits 35 Prozent, weil Migranten mehr Kinder haben. Die Segregation wird weitergehen.

Die urbane Mittelschicht hält sich nicht nur für tolerant, sondern auch für fortschrittlich. Die meisten heiraten, bekommen Kinder, sie nimmt seinen Namen an und arbeitet ein wenig Teilzeit, er ist der Ernährer – was ist daran fortschrittlich?
Seit Kinder zum Projekt geworden sind, brauchen sie immer mehr Zeit. Es muss jemand da sein, der garantiert, dass sie sich ordentlich entwickeln, dass sie Sprachen lernen, die Persönlichkeit schulen. Das ist der Mittelschicht so wichtig, dass die Frauen bereit sind, die intensive Betreuung zu übernehmen, die einen Erfolg der Kinder garantiert. Und dann soll auch der eigene Status an die nächste Generation weitergegeben werden können.

Wenn Kinder so wichtig sind: Müsste man ihnen nicht ein moderneres Geschlechter-verständnis vorleben?
Doch, aber viele Frauen scheinen es wichtiger zu finden, die Klassenposition zu erhalten als die Geschlechterposition zu verändern.

Viele Frauen, die einst gegen das Tragen des BHs kämpften, kämpfen heute für das Tragen des Kopftuchs oder der Burka. Warum?
Oft ist es ein sehr patriarchalisches Gehabe so weit weg von der eigenen Lebensrealität, dass vielen das Verständnis dafür fehlt. Sie sehen die Dinge erst anders, wenn sie selbst damit konfrontiert sind. Es stimmt nicht, dass man in Neukölln seines Lebens nicht mehr sicher ist, aber es gibt dort Strassen, wo Sie als Frau schon mitbekommen, was Ihnen an einem Sommerabend passieren kann, wenn Sie in kurzen Hosen unterwegs sind: zum Beispiel, dass Ihnen eine Horde junger Männer den Weg versperrt. Wenn Ihnen so etwas widerfährt, denken Sie anders darüber. Es ist keine rassistische Beleidigung, das inakzeptabel zu finden, sondern es gibt gute Gründe, das zu kritisieren.

Aber Kritik ist doch auch von anständigen Menschen kaum noch möglich, es wird immer gleich hysterisch.
Die Diskussion ist so aufgeladen, dass das Thema nur noch binär behandelt wird: Man ist dafür oder dagegen, schwarz oder weiss. Dabei wären Grautöne wichtig: Das Kopftuch etwa wirft Fragen auf, die man aus feministischer Sicht stellen muss. Es kann problematisch sein, denn damit einher gehen – nicht immer, aber oft – patriarchalische Strukturen. Die muss man ansprechen und kritisieren dürfen, man muss sagen dürfen, dass wir im Westen nicht möchten, dass für Frauen andere Regeln gelten als für Männer, dass Mädchen weniger erlaubt ist als Buben, dass bei uns Gleichberechtigung gilt. Diese Errungenschaft müssen wir verteidigen. Wer das tut, kritisiert nicht den Islam, man hasst ihn deswegen auch nicht.

Die urbane Mittelschicht schaut auf die herab, die nicht sind wie sie. Woher kommt diese Arroganz?
Es ist die Arroganz der herrschenden Klasse. Sie ist nicht nur privilegiert, sie gibt auch den Ton an, man hält die Werte, an die man glaubt, für massgeblich. Sie bestimmt, was gemäss ihrem Weltbild wichtig ist, zum Beispiel als Journalisten. Die berichten in der Zeitung über jene Dinge, die ihnen bedeutsam erscheinen.

Wie ist diese Arroganz mit der viel bemühten Toleranz zu vereinbaren?
Ist sie nicht. Aber es gibt zwei verschiedene Formen der Buchführung: Man meint es nicht böse, wenn man unangenehm berührt ist, dass jemand raucht, Chips isst und keinen Sport treibt. Man argumentiert auch nicht mit der Moral, wenn man jemanden verachtet, der ungesund lebt, sondern mit der Gesundheit, man untermauert seine Missbilligung wissenschaftlich. Weil man absolut überzeugt ist von der Richtigkeit seiner Werte, weil man die ja auch beweisen kann, kommt man nicht auf die Idee, dass man damit Anderslebende ausgrenzen könnte.

Sie gehen noch weiter und sagen, dass ausgerechnet die urbane Mittelschicht durch «Selbstoptimierung das Projekt des Neoliberalismus» verinnerlicht habe. Dass sich «linksliberale Werte zum neuen Kapitalismus verhalten wie der Schlüssel zum Schloss». Bitte: Erklären Sie!
Neue soziale Bewegungen sind immer von einem Wertewandel ausgegangen. In den Achtzigerjahren wurde die Alternativkultur wichtig, man suchte alternative Lebensformen, um sich vom Establishment abzugrenzen, es ging um Selbstverwirklichung. Es wurde diskutiert, es gab therapeutische Ansätze und die Frauenbewegung, all diese Werte gehörten zur Grundausstattung des guten, linksliberalen Menschen. Ab den Neunzigerjahren wurde aus der Selbstverwirklichung die Selbstoptimierung, weil man die braucht, um im Neoliberalismus vorwärtszukommen.

Wieso fällt dieser Widerspruch – wie auch die anderen Widersprüche – niemandem auf?
Das nennt sich kapitalistischer Realismus. Man pflegt eine gewisse Weltanschauung, lebt die aber nicht und begründet das pragmatisch mit dem Satz «Man muss ja schliesslich …». Man führt praktische Gründe dafür ins Feld, dass man nicht so handelt, wie das, was man predigt, ist aber in der Lage, das abzukoppeln.

Sind dank dieser Doppelmoral praktischerweise nicht immer die anderen schuld an allem?
Auch das ist ein Teil der neoliberalen Konkurrenzordnung: Man ist schon der Überzeugung, dass man solidarisch sein sollte, aber da ist eben auch die Einsicht, dass, wer vorwärtskommen will, nicht solidarisch sein sollte, weil er sonst eventuell ins Hintertreffen gerät. Das ist zwar theoretisch verwerflich, praktisch aber in Ordnung. Weil: Man muss ja schliesslich …

Erstellt: 15.09.2018, 23:12 Uhr

Unabhängiger Kopf 

Cornelia Koppetsch, 51, ist Professorin für Soziologie an der TU Darmstadt mit Schwerpunkt Geschlechterforschung, Bildung und Lebensführung. Sie forscht zum Beispiel über die Abstiegsängste der Mittelschicht oder das Aufkommen des Rechtspopulismus und ist überhaupt sehr gut darin, der Gesellschaft den Puls zu fühlen. Koppetsch ist Autorin mehrerer Bücher, unter anderem über Geschlechterkonflikte oder die Soziologie der Sexualität. Sie lebt in Berlin.

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