«Scramble!»: Wie Schweizer F/A-18 in den Notfall starten

Die Kampfjets der Armee trainieren erstmals einen nächtlichen Alarm – gleich beide Jets weisen dabei technische Defekte auf.

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Die Pisten des Militärflugplatzes liegen in völliger Dunkelheit. Kein Laut ist zu hören. Es ist kurz vor 3 Uhr. Für gewöhnlich ziehen zu dieser Zeit die ersten Nebelschwaden auf, an diesem Dienstagmorgen ist der Himmel sternenklar. Payerne schläft. Plötzlich zerreisst eine durchdringende Männerstimme die Nacht: «Scramble! Scramble!», schmettert es aus den Lautsprechern der Hangars. «Two aircraft. Hammer 01 and 02. Boxes north!» Dem Alarm folgt Stille.

Der Wettlauf gegen die Zeit hat begonnen: In 15 Minuten müssen zwei bewaffnete Abfangjäger in der Luft sein. Erstmals trainiert die Armee eine Alarmierung der Luftpolizei in der Nacht. In zwei Jahren werden solche Einsätze zu ihrem Alltag gehören. Anders als bis Ende 2016 gelten dann für die Luftwaffe keine Bürozeiten mehr. Spätestens Ende 2020 muss sie während 24 Stunden an 365 Tagen innerhalb von 15 Minuten starten können. Bis dahin wird die Bereitschaft schrittweise ausgebaut. Das ist das Ziel des Projekts Luftpolizeidienst 24 (LP24). So lautet der Auftrag des Parlaments. 18 Mann sind für diese Übung 36 Stunden lang in Alarmbereitschaft. Weil sie nicht wissen sollen, was in dieser Nacht geschehen wird, hat die Armee die Bevölkerung nicht vorab informiert.

Die Luftwaffe übernimmt Arbeiten von der Ruag

Kaum verstummt der Lautsprecher, geht in zwei Boxen des nördlichen Hangars das Licht an. Die Schiebetore öffnen sich, geben den Blick auf zwei F/A-18-Kampfjets frei. An jedem hantiert bereits ein Mechaniker, ein dritter wechselt von einer Maschine zur anderen, überwacht, koordiniert. Noch läuft alles wie am Schnürchen. Jede Sekunde zählt.

Die Bodencrew wird in zwei Jahren ebenfalls rund um die Uhr bereitstehen – in drei Schichten pro Tag. Anders als die Piloten, die nicht in Schichten arbeiten, sondern 24 Stunden lang anwesend sind, dürfen die Mechaniker auch in der Nacht kein Auge zutun, zu gross wäre der Zeitverlust.

Um sie zu beschäftigen, wird die Luftwaffe Arbeiten, die bisher die Ruag erledigte, selbst übernehmen: So führen die Mechaniker künftig etwa grosse Kontrollen durch, die bei den Jets nach einer gewissen Anzahl Flugstunden anstehen. 2019 wird die Luftwaffe sechs solcher Überprüfungen selbst vornehmen, ab 2021 sollen es jährlich acht sein. Dadurch spart die Luftwaffe Geld. Wie viel genau, kann sie noch nicht beziffern. «Durch die Übernahme dieser Arbeiten werden zudem zusätzliche Flugzeuge bereit sein, und wir können uns weitere Fachkompetenzen aufbauen», sagt Peter Bruns, Oberst im Generalstab und Projektleiter LP24.

Wertvolle Minuten verstreichen

In dieser Nacht reisst die Einsatzzentrale in Dübendorf Jetpilot Yannik «Fönsi» Zanata per Telefon aus dem Schlaf, der sofort Sandro «Yuri» Chinotti aus dem Bett holt. Die beiden gehören der Staffel 17 an, den Falcons. Fönsi, ein 31-jähriger Genfer, ist der erfahrenere Pilot und fungiert in dieser Nacht als «Leader» der Zweierpatrouille. Die beiden haben etliche Alarmstarts trainiert, noch nie aber aus dem Schlaf heraus. «Deshalb sind wir am Vorabend den Ablauf minutiös durchgegangen», sagt Yuri. Bevor er ins Bett ging, hat der 29-jährige Tessiner seine Kleider bereitgelegt und dabei die Hosenbeine seines Fliegerkombis in die Schuhe gesteckt. «So bin ich in einem Schlupf drin.» Weil nur ein WC zur Verfügung steht, haben die Piloten auch die Reihenfolge des Toilettengangs vor dem Flug vorbesprochen – die vorgegebenen 15 Minuten Interventionszeit erfordern höchste Effizienz.

In den beiden Flugzeugboxen läuft unerbittlich der Countdown. Neun Minuten nach dem Alarm schliesst Yuri die Cockpithaube, startet die Triebwerke. Der Pilot steht über Funk nicht nur in Kontakt mit seinem Leader, der ebenfalls die Maschine angeworfen hat, sondern auch mit dem Mechaniker seines Jets. Dieser hebt die Handflächen auf Kopfhöhe, das Signal «Hands off». Es heisst: Hände weg von Instrumenten und Steuerung. Yuri hebt seine Arme und verharrt in dieser Position. Der Mechaniker stellt sich unter den Jet, hantiert, funkt. Die Maschine meldet einen Fehler am Navigationssystem. Nach der Hektik heisst es für den Tessiner: warten. Wertvolle Minuten verstreichen.

Eine Planänderungin letzter Sekunde

Eigentlich müsste Leader Fönsi als Erster starten. Doch auch er sitzt mit erhobenen Händen im geschlossenen Cockpit seines Jets. Wie Yuri wäre er längst bereit, in die Nacht hinauszudonnern – doch auch seine Maschine hält ein Defekt am Boden. Mit ihren grollenden Triebwerken und blinkenden Positionslichtern gleicht die Hornet einem nervösen, festsitzenden Insekt. Um sie herum arbeiten die Mechaniker mit Hochdruck. Wegen eines Systemfehlers müssen sie die ganze Elektronik nochmals aufstarten – das dauert.

Projektleiter Peter Bruns räumt ein, dass solche «kleinen technischen Schwierigkeiten ab und zu vorkommen». Diese würden meist sofort mithilfe der Mechaniker gelöst. Nur sehr selten komme es vor, dass ein Jet nicht starten könne. «Auch darum sind zwei in Alarmbereitschaft.» Das fortschreitende Alter der F/A-18-Flotte bringe aber mit sich, dass die technischen Probleme zunähmen. «Die F/A-18 sind seit 22 Jahren im Dienst und werden intensiv für das Training der Piloten eingesetzt. Sie werden schlicht älter und anfälliger.»

Interventionszeit abgelaufen

In der Box nebenan streckt Yuris Mechaniker beide Daumen in die Höhe. Der Defekt ist behoben. Planänderung in letzter Sekunde: Der Tessiner wird vorerst ohne den Leader in die Luft gehen. Seine F/A-18 rollt in die Dunkelheit hinaus. Die Triebwerke heulen auf, der Jet startet, hebt ab. 15 Minuten sind seit dem Alarm vergangen.

Die zweite Hornet steht noch immer im Hangar; noch immer gilt für Fönsi «Hands off». Während er untätig warten muss, hantieren die Mechaniker am Bordsystem. Verstohlen blickt einer auf die Uhr. Noch ist der Jet nicht startklar, doch die vorgegebene Interventionszeit ist abgelaufen. Weitere Minuten verstreichen. Endlich, die Daumen des Mechanikers schnellen in die Höhe. Für Fönsi eine erlösende Geste, es geht los. Mit fünf Minuten Verspätung hebt seine Hornet ab und verschwindet in die Nacht.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 21:34 Uhr

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