Die Luftwaffe im Blindflug

Viele Armeeflieger sind ohne Kollisionswarnsystem unterwegs und gefährden zivile Flugzeuge.

Beinahe-Zusammenstoss: Pilatus PC-21 der Armee. Foto: Keystone

Beinahe-Zusammenstoss: Pilatus PC-21 der Armee. Foto: Keystone

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Es war pures Glück. Nur ganz knapp entgingen ein Trainingsflugzeug der Luftwaffe und eine Privatmaschine im März 2017 einer Kollision: Im Zweierverband waren die PC-21 der Armee unterwegs und übten in der Nähe von Sitterdorf TG den Formationsflug. Im selben Augenblick befand sich die Privatmaschine in der entgegengesetzten Richtung im Steigflug.

Vom Kollisionswarnsystem aufgeschreckt, hielt der Privatpilot nach dem Flugzeug Ausschau, das den Alarm ausgelöst hatte. In einer Distanz von 500 Metern entdeckte er eine der beiden PC-21. Nur 30 Meter von ihm entfernt raste mit 500 km/h die zweite Militärmaschine an ihm vorbei. Sie hatte zwar den Alarm ausgelöst, doch über den Rumpf seiner steigenden Maschine konnte er sie nicht sehen.

Die beiden Militärpiloten bemerkten die Privatmaschine hingegen erst, als es für ein Ausweichmanöver zu spät war. Denn: Die PC-21 verfügten nicht über ein Kollisionswarnsystem. Das hielt die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) später in ihrem Bericht fest.

Annäherung zwischen Heli und Sportflugzeug

Auf genau diesen Sicherheitsmangel bei der Luftwaffe hat sie bereits nach einem Vorfall im August 2011 hingewiesen. Damals kam es zu einer gefährlichen Annäherung zwischen einem grossen Armee-Heli des Typs Cougar und einem kleinen Sportflugzeug. Dieses war unerlaubt in den kontrollierten Luftraum des Militärflugplatzes Emmen LU eingeflogen. Trotz wiederholter Aufforderungen des Fluglotsens verliess ihn der Privatpilot nicht. Es kam fast zum Crash.

Die Sust-Experten stellten nachträglich fest: Dem Heli fehlte ein Kollisionswarnsystem. Und weil er in zivil genutzten Lufträumen unterwegs ist, ortete die Sust «ein beträchtliches Risiko für alle Luftraumbenützer». Sie sprach deshalb eine Sicherheitsempfehlung aus: Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) sollte mit der Luftwaffe sicherstellen, dass die Maschinen der Armee mit Kollisionswarngeräten ausgerüstet werden.

Vier Jahre später, im Februar 2015, donnerte ein Tiger-Kampfjet bei Meiringen BE nur knapp an einem zivilen Helikopter vorbei. Der Helipilot hatte sich nicht an die Höhenvorgabe der Lotsen gehalten. Zur gefährlichen Situation kam es laut Sust aber auch, weil «im Tiger keine Instrumente eingebaut sind, die andere Flugzeuge in der Nähe erkennen lassen». Abermals wies die Sust auf den Sicherheitsmangel hin.

Behörden listen weitere Fälle auf

Mindestens in zwei weiteren Fällen vermerkten die Sust-Experten in ihren Berichten das Fehlen eines Kollisionswarnsystems: im März 2014, als es in Bern-Belp beinahe zu einem Crash zwischen einem Armee-Heli des Typs EC635 und einem Leichtflugzeug kam. Zwar führen die Untersuchungsleiter die gefährliche Situation darauf zurück, dass der Privatpilot sich nicht an die Anweisung des Towers hielt. Aber ohne Kollisionswarngerät fehlte ein weiteres Sicher­heitsnetz.

Dies war auch der Fall, als sich im Mai 2016 beim Flugplatz Dübendorf ZH fast eine Kollision zwischen einem zivilen Helikopter und einem Super Puma der Armee ereignete. In diesem Fall lag die Ursache zwar bei einem Fehler des zuständigen Lotsen. Trotzdem vermerkte die Sust: Der Super Puma sei für den zivilen Heli nicht sichtbar gewesen, weil er nicht mit einem entsprechenden Gerät ausgerüstet gewesen sei.

Nur gerade in 35 der insgesamt 149 Flugzeuge sind Warngeräte eingebaut.

Trotz all dieser Vorfälle und der wiederholten Hinweise der Sust fliegt die Mehrheit der Armeemaschinen weiterhin ohne Kollisionswarnsystem – und dies, obschon portable Geräte für rund 2000 Franken erhältlich sind. Nur gerade in 35 der insgesamt 149 Flugzeuge sind Warngeräte eingebaut. Weiterhin ohne diese verkehren die Kampfjets, die Cougar- und EC635-Helikopter sowie die PC-21. Wie die Luftwaffe auf Anfrage mitteilt, können die Piloten der PC-7 und PC-9 je nach Mission portable Geräte mitnehmen.

«Wir sind bemüht, alle nötigen Massnahmen zu treffen, um bei unseren Flügen die Sicherheit von sämtlichen Luftraumbenützern und Dritten zu gewährleisten», betont die Luftwaffe. Eine Einheitslösung gebe es aber nicht. Es gehe darum, in jedem Flugzeug das geeignete Antikollisionssystem einzubauen – je nach geflogenen Missionen und benutzen Lufträumen. Zudem müsse es mit den darin agierenden Verkehrsteilnehmern kompatibel sein.

Wie eine Sprecherin der Luftwaffe mitteilt, arbeitet die Armee daran, die Sicherheitslücke zu schliessen: «Mittelfristig werden all unsere Maschinen ausser den Kampfjets mit solchen Warnsystemen ausgerüstet sein.»

Erstellt: 18.03.2018, 15:22 Uhr

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