Die Lust geht nicht in Rente

Senioren sind nicht nur rüstig – sie wollen auch Sex. Doch wie befriedigend ist Erotik ab 70?

Stressfreie Sinnlichkeit: Manchmal muss Sex im Alter neu interpretiert werden. Foto: Getty Images

Stressfreie Sinnlichkeit: Manchmal muss Sex im Alter neu interpretiert werden. Foto: Getty Images

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Wie alt ihre Liebhaber im Erotikchat sind, weiss Annelise* nicht. Das sei doch gerade der Clou an der «ganzen virtuellen Sache», sagt die 73-jährige mehrfache Grossmutter. Beim «dirty talking» kommt es aufs Kopfkino an, egal wie jung, schrumplig oder potent der Chatpartner in Wirklichkeit ist. «Ich bin dann nach Belieben wieder zwanzig und mache jede Stellung mit», erzählt Annelise schelmisch. In Wahrheit kann sie wegen ihrer Gelenkprobleme längst nicht mehr «oben reiten». Beim Oralverkehr kniet sie höchstens noch auf einem dicken Kissen nieder. Penetration aber wünscht sie sich nach wie vor, allerdings ist das oft nicht mehr möglich – nicht ihretwegen, sondern wegen der schlaffen Männern.

Rund 400 000 Pensionierte leben in der Schweiz allein, mehrheitlich sind es Frauen. Sie sehen sich längst nicht nur als asexuelle, Enkel bespassende Grosseltern, auch wenn sich das ihre Kinder so gar nicht vorstellen können und wollen. Fakt ist jedoch: Scheidungen bei Paaren, die über 65 sind, nehmen seit Jahren zu, derzeit liegt die Quote bei 17 Prozent. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung gestiegen; auf 84 bei den Frauen, auf 80 bei den Männern. Wieso also sollten sie nach einer späten Scheidung die nächsten 20 Jahre allein und erst noch sexuell abstinent verbringen?

Gespielen werden bei «Date a Rentner» gesucht

Allerdings muss man dafür wie Annelise den Mut aufbringen, festgefahrene Altersbilder zu ignorieren. Die 73-jährige Witwe hat keine Scheu, sich nochmals zu verlieben – und Sex zu haben. Erotikchats allein reichen ihr jedoch nicht. Annelise hatte das Glück, mit ihrem verstorbenen Mann eine freie und erfüllte Sexualität genossen zu haben. Deshalb wünscht sie sich wieder einen realen Gespielen, den sie auf der Onlineplattform «Date a Rentner» zu finden hofft. Zwei hat sie bereits gefunden, doch als Liebhaber haben beide nur bedingt überzeugt.

Der eine war zwar sehr aufmerksam und konnte Annelise bis zum Orgasmus stimulieren, doch mit der Zeit hatte er nur noch Sex im Kopf. Der andere brauchte lange, bis er sich fallen lassen konnte, und wenn er befriedigt war, hatte er keine Lust mehr, sich um Annelise zu kümmern. «Ich habe gemerkt, dass ältere Männer wenig Ahnung von weiblicher Sexualität haben, und oft sind sie auch nicht neugierig darauf», stellt die Seniorin enttäuscht fest. Eine Erfahrung, die Annelise mit einigen Freundinnen in ihrem Alter teilt. Die 72-jährige Renate* hat sich deshalb lieber einen 20 Jahre jüngeren Liebhaber genommen. «Männer mit meinem Jahrgang sind zu wenig verspielt, und sie können mit der nachlassenden Potenz schlecht umgehen», moniert Renate. Solange sie noch von Jüngeren begehrt werde, habe sie nicht vor, «Männern in meiner Altersklasse Nachhilfeunterricht zu geben».

«Ich gehe davon aus, dass ihn einige heimlich zur analen Selbstbefriedigung nutzen, weil sie ohne Partnerin zu mir kommen.»Katrin Dällenbach, Planet Love

Dabei wäre genau das der richtige Weg. Obwohl die Libido im Alter abnimmt, und Männer wie Frauen viel stärkere Reize brauchen als in jüngeren Jahren, ist der Wunsch nach einem erfüllenden Sexualleben ungebrochen. Doch wie soll eine Generation, die nicht gelernt hat, über ihre Gefühle zu sprechen, erotische Bedürfnisse äussern? Die Pro Senectute Bern hat im Frühling eine Art Nachhilfeunterricht lanciert: In Workshops klären Urologen und Sexualtherapeutinnen neugierige Rentner über die Sache mit dem Alterssex auf. Scheidentrockenheit und Erektionsprobleme kommen genauso zur Sprache wie Sinnlichkeit und mangelnde Kommunikation. Laut Pro Senectute stösst das Angebot auf reges Interesse.

Dass ältere Semester ihre sexuellen Wünsche mehr schlecht als recht formulieren können, erlebt Katrin Dällenbach fast täglich in ihrem Berner Erotikshop Planet Love. Dort berät die Sexualtherapeutin immer wieder Männer über 70, die sich einen Dildo kaufen wollen. «Ich gehe davon aus, dass ihn einige heimlich zur analen Selbstbefriedigung nutzen, weil sie ohne Partnerin zu mir kommen. Wahrscheinlich trauen sie sich nicht, ihr gegenüber diesen Wunsch zu äussern, weil sie Angst vor der Reaktion haben.»

Sex nur am Sonntagnachmittag und keine Experimente

Fragt man ältere Herren direkt, ist die Angst durchaus begründet. Seniorinnen scheinen sexuell genauso verstockt zu sein wie ihre männlichen Pendants. Peter* berichtet, dass seine letzte Beziehung zerbrochen sei, weil seine Partnerin keine Zärtlichkeiten austauschen wollte. «Sie war auf den Geschlechtsakt fixiert, mit dem Vorspiel konnte sie wenig anfangen, obwohl mir das sehr wichtig ist», sagt der 71-Jährige. Ob sie den Akt tatsächlich genossen hatte, wie sie jeweils sagte, kann Peter nicht mit Sicherheit bejahen. «Es war immer heikel, mit ihr über ihre Bedürfnisse zu reden.» Er vermutet, dass sie gar nicht genau wusste, was ihr guttut, weil sich seine Ex angeblich nie selbst befriedigte. Nur äusserst selten habe sie sich von ihm oral verwöhnen lassen, wahrscheinlich habe sie sich geschämt.

Hans* erging es mit den Frauen ähnlich. Mit seiner letzten Partnerin gab es nur dann Sex, wenn sie wollte, meist am Sonntagnachmittag. «Unsere Erotik war nie experimentell. Wenn sie etwas nicht kannte, fand sie es schnell pervers», sagt der 77-jährige Single. Wie Peter kommt auch er zum Schluss: Viele Frauen sind verklemmt. Seit einem Jahr gönnt sich Hans alle drei Monate eine erotische Massage. Dort bekommt er all die «schönen Berührungen und Streicheleinheiten», nach denen er sich in einer Beziehung sehnt.

Regelmässig Selbstbefriedigung zu unmännlich

Doch nicht alle leiden unter der sexuellen Abstinenz wie Hans. Manchen kommt es sehr entgegen, fällt diese lästige Beschäftigung endlich weg. Gemäss einer Umfrage der Universität Rostock, die unter Ehepaaren durchgeführt wurde, spielt Sex nur bei 20 Prozent der 74-jährigen Frauen eine wichtige Rolle, bei Männern sind es 60 Prozent. Katrin Dällenbach geht davon aus, dass das Desinteresse auch mit der abnehmenden Leistungsfähigkeit zusammenhängt, die insbesondere Männer trifft. «Für viele ist es sehr kränkend und frustrierend, dass ihre Potenz nachlässt. Erektionsprobleme quälen sie weit mehr, als sie zugeben.» Auf Viagra können die meisten nicht setzen, weil sich der Wirkstoff nicht mit ihren anderen Medikamenten verträgt. Und nach einer Prostata-Operation zu «trainieren», sprich regelmässig Selbstbefriedigung zu machen, ist vielen zu mühsam oder gar zu unmännlich, also treten sie lieber den sexuellen Rückzug an.

Ihre Partnerinnen sind nicht selten froh darüber, weil sie schon seit Jahren keinen Zugang mehr zu Sexualität haben. «Für Frauen der Generation Ü-70 war Geschlechtsverkehr in jungen Jahren nötig, weil sie Kinder wollten, danach aber hatten viele keinen Spass mehr daran, sei dies aus moralischen Gründen oder weil sich der Partner nicht um ihre Bedürfnisse gekümmert hat.» Die Sexualberaterin hat einige ältere Kundinnen, die frisch verliebt sind – und nun endlich einen Orgasmus erleben wollen. Für Dällenbach bedeutet das, dass sie ihnen erst ein paar Techniken zur Selbstbefriedigung beibringen muss.

Von der Fixierung auf Penetration wegkommen

Ob ein erster Orgasmus mit 70 klappt, ist allerdings fragwürdig. «Wenn man früher keine Lust auf Sex hatte, wird es im Alter schwierig, Freude am Liebesspiel zu entwickeln», sagt Dällenbach. Kommt hinzu, dass sich bei jahrzehntelanger Abstinenz die Vagina so verengt, dass Sex häufig mit Schmerzen verbunden ist. Wie Männer können Frauen jedoch «trainieren».

Sie können es aber auch sein lassen – und hinnehmen, dass das bewährte Reinraus wie so vieles im Alter halt nicht mehr funktioniert. «Wenn man von der Fixierung auf Penetration wegkommt, kann Alterssex immer noch sehr erfüllend sein», findet Dällenbach. Dafür muss man bloss neugierig sein und bereit, Sex anders zu interpretieren: mit der Entspanntheit des Alters nicht mehr als Kraftakt, sondern als stressfreie Sinnlichkeit.

* Namen der Redaktion bekannt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.09.2018, 19:05 Uhr

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