Die lustigste Feministin der Welt

Ihre Serie «Fleabag» ist für rekordverdächtige 11 Emmys nominiert. Please welcome: die umwerfende Phoebe Waller-Bridge.

Phoebe Waller-Bridge in «Fleabag»: Sie sagt, ihre Triebfeder sei Wut. Sie fände weibliche Wut eine grossartige Sache, die mache kreativ. Foto: PD

Phoebe Waller-Bridge in «Fleabag»: Sie sagt, ihre Triebfeder sei Wut. Sie fände weibliche Wut eine grossartige Sache, die mache kreativ. Foto: PD

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Man wollte unbedingt, dass sie zusammenkommen. Man betete dafür, selbst mit einem atheistischen Gemüt. Man wünschte so sehr, dass der Priester, der wirklich wahnsinnig attraktive Priester, der heimlich Dosen-Gin-Tonic trinkt, für Fleabag den lieben Gott sausen lässt und die beiden ein Paar werden und diesen wahnsinnig tollen Sex haben, den sie bereits hatten, verbotenerweise.

Aber «the hot priest» erteilt Fleabag eine Abfuhr, an einer Londoner Bushaltestelle im Regen. Sie hat ein gebrochenes Herz. Wir auch. Und damit lässt sie uns dann allein, die Autorin Phoebe Waller-Bridge, welche die von ihr kreierte Figur Fleabag in der gleichnamigen Serie gleich selbst verkörpert. Nach zwei Staffeln, die aus je sechs 30 Minuten dauernden Episoden bestehen, ist einfach Schluss. Und dabei soll es bleiben.

Das Publikum ist darob so untröstlich wie Amazon Prime, denn für den Netflix-Konkurrenten war die Serie ein fast noch grösseres Geschenk des Himmels als für die Zuschauerinnen und Zuschauer: Die Kritiken fielen geradezu hymnisch aus, sie reichten von «Meisterleistung» über «Das ist Perfektion» bis zu «Die beste Serie der Welt». Im Juli gab es allein für die zweite Staffel 11 Nominierungen bei den Emmys, das hatte noch keine Serie zuvor geschafft, das ist Rekord.

Holzschnittartige Frauenfiguren interessieren sie nicht

Und der kommt nicht von ungefähr: «Fleabag» ist eine Wucht. ­Rasiermesserscharf, lustig, ergreifend, und die Besetzung Weltklasse – in Nebenrollen: Olivia Colman und Kirstin Scott Thomas –, jeder noch so kleine Part wurde mit allergrösster Sorgfalt besetzt. Die Dialoge sind meist ein rasend schnelles Pingpong und erscheinen beim unaufmerksamen Hinhören wie ein harmloses Dahinplätschern – was sie nie sind, denn dafür ist «Fleabag» zu klug, zu traurig auch. Aber eben traurig, ohne dass man es gleich merkt. Deshalb geht die ­Serie weit über gute Unterhaltung hinaus: Sie trifft einen mitten ins Herz.

Die Britin Phoebe Waller-Bridge, 34, ausgebildete Schauspielerin, die nur wegen (eher: dank!) ausgebliebener Rollenangebote zur Autorin wurde und «Fleabag» eigentlich als Ein-Frauen-Theaterstück für sich selbst schrieb, revolutioniert gerade vieles von dem, was man zu kennen glaubte. Allen voran: Frauenfiguren. Das tat sie auch mit «Killing Eve», dieser anderen, hochgelobten Serie, bei der sie für vier der acht Folgen der ersten Staffel das Drehbuch geschrieben hatte: Es geht um eine psychopathische Killerin mit einer Vorliebe für Luxusmode und variantenreiche Tötungsmethoden, die von einer sehr unglamourösen, knurrigen Agentin gejagt wird.

Und genau so erweitert sie auch mit «Fleabag» das Spektrum der herkömmlichen weiblichen Parts in Film und Serien: Erschöpfte Mütter, frustrierte Gattinnen, einsame Managerinnen, all diese holzschnittartigen Frauenfiguren interessieren Phoebe Waller-Bridge nicht. Sie zeigt Frauen in allen Facetten, mit all ihren Unzulänglichkeiten und Abgründen und Widersprüchen, und so stolpert also diese Engländerin, Anfang 30, deren Name nie erwähnt, die aber Fleabag genannt wird, durch ihr Leben in London.

Unbeirrt und unverdrossen

Sie führt dort ein Café. Es läuft schlecht. Sie hat einen Vater, dessen neue Frau (Colman) ein kampflächelnder, Gift spritzender Albtraum ist, sowie eine supererfolgreiche ältere Schwester. Einen supersensiblen Ex-Freund. Viele One-Night-Stands. Und den unwiderstehlichen Drang, in den unmöglichsten Momenten etwas Krawalliges zu sagen. Sie taumelt daher von einer Katastrophe zur nächsten. Aber sie lässt sich nichts anmerken, gestattet sich nicht einmal die Trauer nach dem Tod ihrer Mutter und ihrer besten Freundin.

Stattdessen macht Fleabag immer weiter, unbeirrt und unverdrossen. Dabei redet sie mit uns, schaut direkt in die Kamera. Erläutert das Geschehen. Oder sagt vor­aus, was ihr Gegenüber bestimmt gleich sagen wird (sie hat jedes Mal recht, was umwerfend lustig ist). Und sie redet auch weiter mit dem Publikum, während sie gerade mit ihren Eroberungen beschäftigt ist, egal, ob diese jetzt gerade enthusiastisch über oder, wie in der legendären Anfangsszene, hinter ihr zugange sind.

Sie erwähnt es beiläufig, ohne Pathos, ohne Trommelfeuer

Das alles ist sehr vergnüglich. Aber wie man so das Kissen zurechtklopft und es sich auf dem Sofa gerade erneut bequem machen will, bleibt einem das Lachen im Hals stecken. «Fleabag» ist doppel­bödig, die Schläge kommen unvermittelt, und sie tun weh. Etwa als sie sich ein einziges Mal Tränen gestattet wegen ihrer toten Mutter und sagt: «Ich weiss nicht, wohin mit meiner Liebe für sie. Ich weiss einfach nicht, wo ich die hintun soll.» Man heult vor dem Bildschirm Rotz und Wasser, weil da eine so etwas Grosses, schwer in Worte zu Fassendes wie den Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen in dieser ergreifenden Schlichtheit auf den Punkt bringt. So beiläufig, ohne ­Pathos und ohne Trommelwirbel.

Genau so erklärt sie dem Priester auch ihr Verständnis von Liebe. Das hat nichts mit herkömmlicher Romantik zu tun, nichts mit dem, was Frauen darunter angeblich verstehen sollen, nichts mit Heiraten und Familiengründung und Doppelhaushälfte. Stattdessen sagt sie: «Ich möchte, dass mir jemand jeden Morgen sagt, was ich anziehen soll, jeden Morgen.» Das klingt nicht feministisch. Und ist es doch, zutiefst.

Phoebe Waller-Bridge sagt, ihre Triebfeder sei Wut. Sie fände weibliche Wut eine grossartige Sache, die mache kreativ. Bei ihr jedenfalls sei das so. Man will schon wieder beten. Und zwar, dass diese Wut noch sehr, sehr lange in ihr glühen möge.

«Fleabag» läuft auf Amazon Prime



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Erstellt: 18.08.2019, 18:01 Uhr

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