Träumen Frauen anders als Männer?

Den Schlaf geraubt: Zwölf Fragen und Antworten zum Träumen.

Träume ­transformieren unser Erlebtes: Johann Heinrich Füssli, «Der Nachtmahr», 1781. Foto: Keystone

Träume ­transformieren unser Erlebtes: Johann Heinrich Füssli, «Der Nachtmahr», 1781. Foto: Keystone

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Träumt eigentlich jeder?

Ja. Wir träumen jede Nacht. Auch jene, die angeblich nie träumen. Allerdings können sich selbst die Geübtesten nur an knapp 10 Prozent des tatsächlich Geträumten erinnern.

Wozu ist Träumen überhaupt gut?

Das weiss die Forschung bisher nicht. In ihrem eben erschienenen Buch «Why We Dream» zitiert die renommierte amerikanische Wissenschaftsjournalistin Alice Robb zahlreiche Studien aus der modernen Traumforschung, die zeigen: Das nächtliche Kopfkino ist ein gnadenloser Spiegel unseres realen Lebens. In Träumen offenbaren sich Gefühle und Gedanken, die der wache Kopf nur erahnen kann und oft lieber ignoriert. Aber wozu das Ganze wirklich gut ist, darüber kann die Forschung bisher nur mutmassen. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass wir träumen, um heikle oder gar gefährliche Situationen erst einmal ganz ohne Risiko üben zu können. Andere denken, dass Träume vor allem eine Filterfunktion haben: Sie trennen wichtige Informationen von belanglosen.

Warum träumen wir nie vom Büro, Staubsaugen oder vom Smartphone?

«Weil die Routine für die Psyche keine grosse Rolle spielt, solange sie uns emotional nicht beschäftigt», erklärt Michael Schredl, einer der führenden deutschen Traumforscher. Sobald uns jedoch etwas im Alltag belaste, werde es sich im Traum niederschlagen. «Wenn zum Beispiel jemand im Büro oder in den sozialen Medien gemobbt wird, kann das sogar ­Albträume auslösen.» Typisch sind Szenarien, in denen man sich nicht vom Fleck bewegen kann, obwohl Gefahr droht. Die körperliche Ohnmacht reflektiert das Unbehagen, einer realen Situation ausgeliefert zu sein. Der böse Chef oder das Smartphone müssen im Traum jedoch gar nicht vorkommen. Wer seine Träume verstehen möchte, sollte deshalb nicht unbedingt auf die Bilder fokussieren, denn mit esoterischer Symbolik und Traumdeutung hat die heutige Wissenschaft wenig gemein. «Zentral ist die emotionale Grundstimmung im Traum. Sie spiegelt die Art und Weise, wie wir mit unseren Gefühlen im Alltag umgehen», sagt Schredl.

Warum sind Träume oft so unlogisch und wirr?

Laut Alice Robb sind die meisten weit weniger bizarr, als wir annehmen. «Wir beschäftigen uns aber mehr mit den seltsamen, weil wir sie als intensiver empfinden.» Forscherinnen der Uni Zürich konnten zum Beispiel nachweisen, dass wir 76 Prozent der Hauptpersonen im Traum aus dem Wach­leben kennen. Ausserdem verarbeiten wir in der Nacht oft reale Vorkommnisse des Tages, auch wenn wir sie auf den ersten Blick nicht als solche erkennen, weil sie in einem fremden Kontext auftreten. 68 Prozent der im Traum vorkommenden Menschen sowie die Hälfte der Gegenstände sind uns gemäss der Zürcher Studie am Vortag begegnet.

Warum erinnern wir uns so gut wie nie an schöne flauschige Träume?

Weil sie oft belanglos sind und für die Psyche deshalb uninteressant. «Die schlechten Träume bleiben länger im Gedächtnis, weil sie uns mehr aufwühlen.» Gemäss Studien ist der Anteil von guten und bösen Träumen fast ausgeglichen, allerdings sind die guten weit weniger erforscht. Der Grund: Therapeutisch macht es mehr Sinn, auf die problembehafteten Beispiele zu fokussieren, die auf psychischen Stress hinweisen.

Träumen Männer anders als Frauen?

Auf den ersten Blick ja: Männer träumen mehr von Sex, Kampf und Waffen. Frauen hingegen häufiger von Kleidern und expliziten Gefühlen. Typisch auch: Männer träumen gern von Männern. Zwei Drittel der Personen in ihren Träumen sind männlich, bei Frauen ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Festgefahrene Rollenbilder schwingen natürlich auch in Träumen mit. Betrachtet man die Sache genauer, lassen sich die Unterschiede weitgehend mit dem Alltagsverhalten begründen. «Männer haben öfter am Tag sexuelle Fantasien, und sie masturbieren häufiger als Frauen», sagt Schredl. Was nachts in unserem Hirn passiert, hängt weniger vom Geschlecht ab als vom tagsüber Erlebten. «Wir konnten zum Beispiel belegen, dass Frauen häufiger von Männern träumen, wenn sie mehr Zeit mit männlichen Arbeitskollegen oder Freunden verbringen», so Schredl. Er selbst habe seine Träume auf diese Frage hin während seiner Zeit als Psychologiestudent analysiert: «Knapp die Hälfte meines Traumpersonals war weiblich, weil ich täglich mehr Studentinnen als Studenten zu Gesicht bekam.»

Spielt der Charakter beim Träumen eine Rolle?

Ja. Schredl hat kürzlich untersucht, ob sich bestimmte Charakterzüge beim nächtlichen Fantasieren äussern, und er konnte nachweisen, dass extrovertierte Menschen auch im Traum mehr kommunizieren und ausgelassener sind als introvertierte.

Warum haben wir Albträume?

Wird die psychische und emotionale Belastung zu gross, kann unser Hirn Alb- oder gar wiederkehrende Träume produzieren. Wie Alice Robb schreibt, haben rund zwei Drittel der Erwachsenen denselben meist negativen Traum mehrmals in ihren Leben. Der Inhalt kann sehr individuell sein, es gibt aber auch kollektive Horrorszenarien: Ins Bodenlose fallen, verfolgt werden, sich nicht bewegen können, zu spät kommen. Dahinter stecken meist Ängste, Stress oder verdrängte Probleme. «Hat man im Traum Angst und läuft vor der Gefahr weg, deutet das oft auf ein Vermeidungsverhalten im Alltag hin. Man will sich einem Problem nicht stellen, was unser träumendes Hirn dann in sehr prägnanten Bildern darstellt», so Schredl. Manche Albträume sind so intensiv, dass sie auch tagsüber nachhallen – etwa wenn der Partner im Traum fremdgegangen ist. Gemäss einer US-Studie der Universität Maryland sind «vir­tuell» betrogene Frauen am nächsten Tag auf ihren Partner sauer, obwohl der Arme nichts verbrochen hat, und als Folge davon gibts mehr Streit.

Gibt es Medikamente gegen Albträume?

Nein. Man kann aber mit der sogenannten Imagery Rehearsal Therapy im Wachzustand trainieren, den Albtraum ins Positive zu kehren: Bei einem Sturz ins Bodenlose baut man zum Beispiel einen Fallschirm ins Pyjama ein, oder man benutzt die Arme als Flügel. Das neue Ende des Traums spielt man dann täglich während zehn Minuten zwei Wochen lang durch. Rund 70 Prozent der Betroffenen träumen danach besser.

Kann man seine Träume im Schlaf manipulieren?

Manche Menschen können das tatsächlich – luzides Träumen nennt sich dieses Talent. Im Internet findet sich eine ganze Reihe von Anleitungen, wie man diese Technik lernen kann, die heute auch wissenschaftlich anerkannt ist. Denn Forscher sind inzwischen überzeugt: Der Klartraum, einst als Hirngespinst abgetan, kann bei der Therapie von Albträumenhelfen.

Kann man sich klug träumen?

Ja. Man kann luzides Träumen gezielt zur Selbstoptimierung nutzen. An der Uni Bern befasst sich der Wissenschaftler Daniel Erlacher mit Klarträumen und deren Anwendung im Sport. Wer seine Träume steuern lernt, könne während des Schlafs bestimmte Bewegungsabläufe trainieren und so seine Leistung steigern. «Aus Studien wissen wir, dass sich zum Beispiel das Dartspielen am nächsten Tag verbessert, wenn man im Traum trainiert», sagt Erlacher. Üben im Schlaf habe ähnlich starke Effekte wie das reale Üben. Noch ist der Einsatz von Klarträumen kein Standard, aber manch ein Profisportler nutzt diese Möglichkeit bereits.

Warum gibt es keine «Träum dich fit in 10 Minuten»-Workshops?

Weil das nicht funktioniert. Womöglich hätten Träume mehr Potenzial als Meditation, Slow Food und Power-Yoga zusammen. Aber bis man sie zur Selbstoptimierung nutzen kann, muss man erst üben, sich überhaupt an etwas zu erinnern. Man sollte ausserdem ein Traumtagebuch führen, um individuelle Muster zu erkennen. Bis man zu brauchbaren Einsichten kommt, können ein paar Jahre vergehen. Dann aber hat man vermutlich die ultimative Klarheit über sich selbst.

*Dieser Artikel erschien erstmals am 23. Dezember 2018 in der SonntagsZeitung. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.12.2018, 08:20 Uhr

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