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Die Mär vom Kuckuckskind

In jeder Schulklasse soll eines sitzen, wird immer wieder behauptet. Stimmt nicht.

Bettina Weber
Der Stolz ist meist berechtigt: Eltern begutachten ihren Nachwuchs. Foto: Getty Images
Der Stolz ist meist berechtigt: Eltern begutachten ihren Nachwuchs. Foto: Getty Images

Männer, die daran zweifeln, ob sie tatsächlich der biologische Vater ihres angeblichen Kindes sind, dürfen gegen den Willen der Mutter keinen Gentest verlangen. Daran soll weiterhin festge­halten werden, wie letzte Woche die Debatte im Nationalrat zum Gesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen gezeigt hat.

So uneinsichtig und stossend das ist, können sich die Männer immerhin damit trösten, dass ihr Verdacht vermutlich sehr oft unbegründet sein wird: ­Kuckuckskinder sind nämlich weitaus seltener, als immer wieder kolportiert wird. Von einem Kind pro Schulklasse ist gerne dramatisch die Rede oder von Schätzungen, die die Menge der untergejubelten Kinder bei bis zu 10 Prozent veranschlagen.

Die Zahlen halten sich hartnäckig, bewiesen sind sie nicht. Beweise gibt es indes für das Gegenteil. Bereits 2013 zeigte der Biologe Maarten Larmuseau von der belgischen Universität KU Leuven auf, dass in Flandern nur 0,9 Prozent aller Kinder nicht den Vater haben, den die Mutter als solchen angibt. Untersucht wurden dafür anhand des männlichen ­Y-Chromosoms Stammbäume, deren väterliche Linie sich bis zu 500 Jahre zurückverfolgen liess.

In Deutschland weniger als 1 Prozent

Drei Jahre später wurde Larmuseaus Untersuchung aus anderen Regionen der Welt bestätigt: Konkret betrug der Anteil Kuckuckskinder in Katalonien ebenfalls 0,9 Prozent, in Norditalien und Südafrika 1,2 Prozent.

Und eine deutsche Erhebung, in der eigentlich passende Knochenmark­spender gesucht worden waren, fand unter 971 Kindern nur gerade neun, deren Vater genetisch nicht demjenigen Mann entsprach, der in den offiziellen Dokumenten als solcher vermerkt worden war. Das entspricht weniger als einem Prozent.

Das Resultat hat in seiner Deutlichkeit selbst die Forscher verblüfft. Man war bis dahin davon ausgegangen, dass Frauen durchaus hin und wieder ausserhalb der Ehe Sex haben und bewusst schwanger werden; evolutionsbiologisch ergebe dies Sinn, dachte man, es sei gut für den Gen-Pool. Frauen scheinen aber entweder treuer zu sein als vermutet oder zumindest: vorsichtiger. Denn zum noch grösseren Erstaunen der Forscher hatte auch die Einführung der Pille keine Abnahme der Kuckuckskinder zur Folge gehabt; deren Zahl ist vielmehr in allen untersuchten Regionen über mehrere Hundert Jahre konstant geblieben.

Die Gründe dafür werden in gesellschaftlichen Umständen vermutet: in der sozialen Kontrolle, der Frauen immer noch unterliegen, und in den schwerwiegenden Folgen, die das Entdecken des Betrugs und der Lüge für alle Beteiligten haben könnte.

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