Die Migros muss bei ihren Amigos über die Bücher

Experten sehen beim Onlineshop des Grossverteilers rechtliche Probleme. Dieser prüft nach heftiger Kritik, bessere Bedingungen für die Lieferanten zu schaffen.

Selbsttest: Amigos-Lieferanten müssen manchmal auch Schweres schleppen. Foto: Basil Stücheli

Selbsttest: Amigos-Lieferanten müssen manchmal auch Schweres schleppen. Foto: Basil Stücheli

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Die Migros zeichnet ein idyllisches Bild von ihrem Onlineshop Amigos. «Bereite anderen eine Freude» und «tue Gutes». So wirbt der Grossverteiler für das Angebot. Kunden bestellen via Smartphone-App, Kauf und Lieferung übernehmen Private, die so das «Social Shopping» entdecken und dabei «neue Leute kennen lernen».

Doch wie positiv ist das Einkaufserlebnis für Fremde wirklich? Zeit für einen Selbsttest. Die Registrierung als Bringer – so nennt der Migros-Shop seine Amigos-Lieferanten – ist schnell erledigt. Schon bald kommen die ersten Meldungen auf mein Handy. Doch ein anderer Bringer war wenige Sekunden schneller. Schon ist der Auftrag weg. Sofort auf «Annehmen» klicken, ist die Strategie, um eine Bestellung zu ergattern. Endlich klappt es. Ich habe die Einkaufsliste von meiner Kundin, nennen wir sie Caro, auf meinem Smartphone. Sie hat offenbar Durst und ist müde: 48 Dosen Red Bull zum Aktionspreis, drei Liter Eistee und vier Emmi Cafè Latte braucht Caro unter anderem. Auch eine Packung mit 50 Windeln steht auf dem Zettel. Ohne Auto wird der Transport zur logistischen Herausforderung.

Während die Migros Amigos als soziales Projekt vermarktet, stösst der Service bei Gewerkschaften auf harsche Kritik. Unia sieht in Amigos das Uber des Detailhandels. «Letztendlich führen diese Bringer eine Arbeitsleistung für die Migros aus – allerdings ohne Arbeitsvertrag», sagt Sprecher Philipp Zimmermann. Die Migros spare sich einen Lieferservice, der Leute anstellt und diese auch korrekt bezahle. Die Bringer erhalten für eine Tasche 7.90 Franken, jeder weitere Sack bringt 2 Franken. Mehrere Tausend haben sich als solche Lieferanten registriert.

«Die Lieferanten können weder den Preis noch andere Konditionen der Dienstleistung selber festlegen.» Thomas Gächter, Professor für Sozialversicherungsrecht, Universität Zürich

Laut der Migros gibt es nur einen Vertrag zwischen Bringer und Besteller. Für eine Versicherung seien die Lieferanten als Private selbst zuständig, sagte ein Migros-Sprecher in einer ersten Stellungnahme noch letzten Monat.

Doch ganz so klar ist die Lage nicht. Will ein Amigos-Lieferant sich als Selbstständigerwerbender bei der AHV-Ausgleichskasse anmelden, wird das auf Widerstand stossen. Gemäss Wegleitung der AHV arbeiten Kurierdienste nicht selbstständig, sagt Daniela Aloisi, Sprecherin der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich. «Aufgrund der Beschreibung im Internet verstehen wir Amigos inhaltlich als Kurierdienst, und Kuriere werden grundsätzlich als unselbstständig eingestuft. Somit muss der Arbeitgeber die AHV-Beiträge abrechnen.» Aus Sicht der Sozialversicherung wäre die Migros damit Arbeitgeber der Lieferanten. Für eine Beurteilung müsste allerdings der Einzelfall genauer angeschaut werden, sagt Aloisi.

Auch Thomas Gächter, Professor für Sozialversicherungsrecht an der Universität Zürich, sieht Amigos kritisch: «Die Bedenken der Gewerkschaften sind sehr substanziell.» Es spreche viel dafür, dass die Lieferanten eine unselbstständige Tätigkeit ausübten. Freiheiten wie sie Selbstständige normalerweise haben, gibt es für die Amigos nicht. «Die Lieferanten können weder den Preis noch andere Konditionen der Dienstleistung selber festlegen.»

Der Migros scheint es nicht mehr ganz wohl bei der Sache zu sein. Noch diesen Monat will sie entscheiden, ob Amigos von den Testregionen Bern und Zürich auf die ganze Schweiz ausgeweitet wird. Davor geht die Migros aber nochmals über die Bücher. «Sollte es zu einem nationalen Rollout kommen, wird das rechtliche Konstrukt nochmals überarbeitet», sagt eine Sprecherin. Dabei wolle man Themen wie soziale Absicherung und eine höhere Entschädigung «gebührend berücksichtigen». Letzten Monat noch sagte ein Sprecher, die Entschädigung sei als Taschengeld und nicht als Lohn zu betrachten. Zudem sei den Bringern vor allem die Begegnung mit den Bestellern wichtig.

48 Dosen Red Bull sind für meine Kundin «zwingend»

Meine Bestellerin Caro hat mir mit ihrem Auftrag auch eine Nachricht übermittelt – im Inhalt eher nüchtern: «Zwingend Red-Bull-Aktion und meine Cumulus-Karte scannen.» Zum Glück ist der zuckerfreie Energydrink in dieser Filiale trotz Schnäppchenpreis noch nicht vergriffen. Der Einkauf dauert länger als üblich. Die Suche nach mir unbekannten Artikeln wie Party Crunch Nutz nimmt Zeit in Anspruch.

Caro freut sich tatsächlich über die Lieferung. Sie bedankt sich und drückt mir ein grosszügiges Trinkgeld in die Hand. Ohne Nachfragen wäre die Begegnung eine kurze geblieben. Warum kauft sie mit Amigos ein? Das Angebot sei praktisch. Im Gegensatz zum Migros-Onlinesupermarkt Le Shop gebe es keinen Mindestbestellwert, und die Lieferung erfolge innert weniger Stunden. So konnte sie am 24. Dezember mitten im Weihnachtsstress ihre Einkäufe noch schnell via App erledigen. Doch den Lohn für die Lieferanten hält Caro für mickrig: «Ich würde auch deutlich mehr für den Service bezahlen.»

Der Grossverteiler überdenkt sein Onlineangebot derzeit grundlegend. Le-Shop-Chef Urs Schumacher kündigte im Intranet das Projekt «Migros Food online» an. Dazu entwickelt der Detailhändler eine neu App, in die auch die Erfahrungen mit Amigos einfliessen sollen. Werden die Bringer im neuen Konstrukt zu Migros-Mitarbeitern? «Dazu können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen», sagt eine Sprecherin. Vielleicht klopfen die Bringer bei Caro bald in der rot-orangen Migros-Uniform an die Tür.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2019, 21:04 Uhr

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