Pilloud konnte gar nicht gewinnen

Die Wahl der ersten Migros-Präsidentin ist zum grotesken Trauerspiel verkommen. Was nicht an den Kandidatinnen lag.

Die Chefs hatten gehofft, sie würde ihre Kandidatur zurückziehen: Ursula Nold nach der Wahl zur Migros-Präsidentin. (Video: SDA)

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«Die Migros hat’s» – so lautete einst ein Werbespruch des Detailhändlers. Im Moment hat die Migros vor allem eines: Hohn und Spott. Für eine Wahl, die eigentlich ein Meilenstein hätte werden sollen: Erstmals wurde mit Ursula Nold eine Frau zur Präsidentin der Verwaltung des Migros-Genossenschaftsbundes gewählt. Das Resultat war eindeutig: Nold, die an der Pädagogischen Hochschule in Bern doziert, wurde bereits im ersten Wahlgang mit 73 Stimmen gewählt. Das absolute Mehr lag bei 54. Jeannine Pilloud, ihre Konkurrentin, erreichte lediglich 27 Stimmen der anwesenden Delegierten.

Das alles ist die gelebte Demokratie einer Genossenschaft, könnte man sagen. Doch die Nichtwahl von Jeannine Pilloud zeigt vor allem eins: dass die Migros tief gespalten ist. Die ehemalige SBB-­Managerin Pilloud wurde von sämtlichen zuständigen Gremien als einzige Kandidatin auf den Schild gehoben: vom Evaluationsgremium, das für die Suche zuständig war, von der 23-köpfigen Migros-Verwaltung und sogar vom Büro der Delegiertenversammlung, dessen Chefin Ursula Nold ist.

Pilloud wurde portiert, weil sie eine erfahrene und gestandene Wirtschaftsfrau ist. Ursula Nold wurde von den Gremien aussen vor gelassen, ja, man hatte gar gehofft, sie würde ihre Kandidatur zurückziehen. Das tat sie aber nicht. Die Bernerin wurde für ihre Hartnäckigkeit belohnt. Sie hatte offenbar richtig kalkuliert, wie die Dinge in den Hinterzimmern der Migros laufen. Das ist ihr nicht vorzuwerfen.

«Ursula Nold hatte ­offenbar richtig kalkuliert, wie die Dinge in den Hinterzimmern der Migros laufen.»

Der Vorwurf des Versagens geht an eine andere Adresse: an die Verwaltung und ans Evaluationsgremium. Wahlen in der Migros sind politisch. Wer sie gewinnen will, muss die Mechanismen der Wahl genau kennen. Jeannine Pilloud konnte das als externe Kandidatin nicht. Den Wahlkampf für sie hätten wichtige Exponenten innerhalb des MGB führen müssen, die wissen, wie der Hase läuft. In der Pflicht etwa standen Andrea Broggini, der scheidende Präsident der Verwaltung, oder Konzernchef Fabrice Zumbrunnen, der ebenfalls in der Verwaltung sitzt. Auch Roger Baillod, der Präsident des Evaluationsgremiums, hätte die Werbetrommel für Jeannine Pilloud rühren müssen und die Delegierten von seiner Selektion überzeugen müssen.

Doch die Unterstützung für die offizielle Kandidatin blieb aus. Zumbrunnen engagierte sich offenbar bewusst nicht, weil er es sich nicht mit einer potenziellen Präsidentin Nold verscherzen wollte. Die anderen sahen sich aus anderen Motiven nicht im Lead. Das Ganze wiegt umso schlimmer, weil Pilloud von einem ehemaligen Migros-Manager ins Spiel gebracht wurde – Headhunter Armin Meier von Boyden. Auch er weiss bestens, wie man eine Wahl beim orangen Riesen orchestriert.

Die Migros-Verwaltung hatte schon Ende Januar, als sie die Kandiatur von Pilloud beschliessen musste, eine schlechte Falle gemacht. Laut einem Artikel in der «Bilanz» hatte das Gremium erst zwei Stunden vor der Wahl von Pilloud erfahren. Diese und Ursula Nold sowie Vizepräsidentin Doris Aebi, die ebenfalls mit einer Kandidatur liebäugelte, konnten sich dann kurz präsentieren. Für eine ausführliche Anhörung und Auseinandersetzung blieb offenbar keine Zeit. Mit anderen Worten: Die Verwaltung wurde mit einer sogenannten Tischvorlage konfrontiert. Pilloud wurde dann eiligst nominiert – doch Ursula Nold erhielt immerhin 6 von 19 Stimmen. Es hätte ein Warnsignal sein müssen.

Jetzt ist der Schaden angerichtet, und es gibt lauter Verlierer. ­Pilloud hat ihren guten Namen für eine Wahl hergegeben, die so nicht zu gewinnen war. Die Führungsequipe des MGB ist desavouiert, und Ursula Nold muss künftig eine Verwaltung führen, die sie gar nicht als Chefin haben wollte.

«Ich spüre eine Aufbruchstimmung», sagte die neue Präsidentin nach der Wahl vor den Medien und strahlte dabei. Woher sie diese Einschätzung nimmt, bleibt ihr Geheimnis. Die Wahl zeigt ja gerade, wie tief gespalten die Migros-Führung aktuell ist.

Sie konnte die Wahl nicht gewinnen: Jeannine Pilloud. Foto: Keystone

Der Konzern ist an einem heiklen Punkt. Der Gewinn ist in den letzten Jahren erodiert, und auch die Jahreszahlen 2018, die nächste Woche präsentiert werden, sollen nicht berauschend sein. Quellen berichten von einem abermals tieferen Betriebsgewinn. Das Projekt Puma, das wichtigste Sparprogramm des Riesen, liegt offenbar vorläufig auf Eis. Das Projekt würde die Autonomie der 10 regionalen Genossenschaften beschneiden. Diese haben nun laut Recherchen Vorbehalte gegen eine radikale Veränderung bei der Logistik, wo grosses Effizienzsteigerungspotenzial besteht.

Doch die Migros ist immer dringender auf effizientes Wirtschaften angewiesen, wenn sie Gottlieb Duttweilers Erbe tatsächlich bewahren will. Der hatte einst die etablierten Händler herausgefordert mit ihren trägen Strukturen. Jetzt ist es umgekehrt.

Erstellt: 23.03.2019, 20:34 Uhr

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