Die Mormonen kommen

Das Musical «The Book of Mormon» schafft das, woran das Subventionstheater fast immer scheitert: relevant zu sein und doch hoch unterhaltsam.

Die Mormonen Kevin Price und Arnold Cunningham als Missionare in Uganda. Foto: PD

Die Mormonen Kevin Price und Arnold Cunningham als Missionare in Uganda. Foto: PD

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Mit Religion ist nicht zu spassen. Wer es trotzdem wagt, muss sich auf gehörigen Gegenwind einstellen. Je nach Religion auch um seine Sicherheit fürchten. Denn Selbstironie gehört selten zu den ausgeprägten Charaktereigenschaften von Gläubigen. Entsprechend gilt unter Komikern: Wer sich Ärger ersparen will, der mache einen Bogen um das Thema.

Umso überraschender ist, dass eine bissige Religionssatire zurzeit enormen Erfolg feiert. Und zwar nicht etwa auf subventionierten, der Gesellschaftskritik verschriebenen Bühnen, sondern in den Zentren des kommerziellen Unterhaltungstheaters: dem New Yorker Broadway und dem Londoner West End. «The Book of Mormon» gehört zu den erfolgreichsten Musicals der letzten zehn Jahre. Ein Blockbuster, der auch bei Fachleuten für Begeisterung sorgt. Komikerin Hazel Brugger sprach sogar von der «besten Show der Welt». Nun kommt das Stück erstmals in die Schweiz.

Hierzulande kennt man die Mormonen in erster Linie als jene geschniegelten, betont freundlichen Herren mit Namensschild, die einen auf der Strasse mit amerikanischem Akzent ansprechen, um über Gott zu reden. Tatsächlich sind die jungen Anhänger der «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage», so heisst die Glaubensgemeinschaft offiziell, dazu angehalten, während 18 bis 24 Monaten als Missionare Dienst zu leisten.

Die Mission verkommt zur Katastrophe

Genau hier setzt das Musical ein: Im Missions-Trainings-Center werden die Mormonen auf ihren Einsatz irgendwo auf der Welt vorbereitet. Wohin und mit wem sie reisen, bestimmt die Kirche. Der selbstverliebte Schönling Kevin Price ist überzeugt, er werde mit einem coolen Kollegen nach Orlando an die Sonne Floridas geschickt. Es kommt anders. Völlig anders. Er muss mit dem unbeliebtesten Kerl, dem übergewichtigen Tollpatsch Arnold Cunningham, nach Uganda.

Die Mission verkommt zur Katastrophe. Im afrikanischen Dorf, geplagt durch mörderische Kriegsfürsten, Aids und Mädchenbeschneidungen, hat niemand auf die Amerikaner mit Hemd und Krawatte gewartet. Erst recht nicht auf diese eigenartige Religion aus Salt Lake City. Diese liegt darin begründet, dass schon vor 2000 Jahren ein aus Jerusalem eingewandertes israelitisches Volk in Amerika lebte. Das Volk hinterliess eine auf Goldplatten gravierte religiöse Inschrift, im Boden vergraben. Religionsgründer Joseph Smith habe den Schatz 1827 gefunden, den Text abgeschrieben und die Goldplatten danach einem Engel übergeben. Deshalb, so heisst es, sind sie nicht mehr vorhanden.

Leitung der Kirche hielt sich mit Kritik zurück

Im Musical kommt es zu einem doppelten Zusammenprall. Einerseits geraten die zwei ungleichen Missionare aneinander, andererseits die schicken Mormonen mit den Afrikanern. Allein dies birgt eine Menge komisches Potenzial. Dass dazu die skurrile Geschichte um die Religionsgründung eingeflochten wird, sorgt für zusätzliche Lacher.

Pointe reiht sich an Pointe. Und dies begleitet von heiterer Musik, die einem noch Tage danach im Ohr liegt. Dennoch handelt es sich bei «The Book of Mormon» nicht bloss um eine simple Aneinanderreihung von Scherzen auf Kosten einer kleinen Glaubensgemeinschaft. Sondern um eine messerscharfe Satire über die Anmassung, sich im Besitz der absoluten Wahrheit zu glauben und andere damit beglücken zu wollen. Dies zielt nicht nur auf die Mormonen, sondern auf Religiöse aller Art.

Die Autoren des Musicals, Trey Parker und Matt Stone, sind durch ihre derbe Trickfilmserie «South Park» bekannt geworden. Schon dort haben sie sich über Religionen lustig gemacht. Zum Beispiel über Scientologen, Katholiken und Muslime. Die Reaktionen waren heftig, was wohl auch beabsichtigt war. Nach einer Folge mit einer Darstellung Mohammeds als Bär erhielten die beiden Todesdrohungen, seither steht jene «South Park»-Folge unter Verschluss.

Die Mormonen machen sich die Show zunutze

Bei «The Book of Mormon» hingegen blieben Proteste aus. Die Mormonen verfügen über rund 16 Millionen Anhänger, grösstenteils in den USA. Sie gelten als besonders gut gebildet, ihr Durchschnittseinkommen ist höher als jenes anderer Religionsangehöriger. Entsprechend hoch ist ihr Einfluss. Doch die Leitung der Kirche hielt sich mit Kritik am Musical bewusst zurück.

Mehr noch: Die Mormonen machen sich die Show zunutze. Sie schalten Inserate in den Programmheften und buchen Plakatstellen in der Nähe der Theater. Sinngemäss heisst es darauf: «Sie haben einen Abend lang über die Mormonen gelacht, lernen Sie nun, wie wir wirklich sind.»

Als Zuschauer jedenfalls verlässt man das Theater mit einem breiten Lächeln. Und der Erkenntnis: Sobald auch über den Islam und andere Glaubensgemeinschaften ein solches Musical möglich ist, haben wir mit Religionen kein Problem mehr.

«The Book of Mormon». 10. 12. bis 5. 1., Theater 11, Zürich. In englischer Sprache

Erstellt: 30.11.2019, 19:31 Uhr

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