Die neu erwachte Angst vor der Rezession

Enttäuschende Daten von der Konjunkturfront machen Märkte und Medien nervös. Doch die Befürchtungen sind voreilig und schlecht begründet.

US-Präsident Trump droht mit weiteren Eskalationen im Handelsstreit mit China. Illustration: Kornel Stadler

US-Präsident Trump droht mit weiteren Eskalationen im Handelsstreit mit China. Illustration: Kornel Stadler

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Die Angst geht um, an den Finanzmärkten und in den Medien. Tatsächlich sind reichlich Zutaten für einen Krisen-Cocktail vorhanden: eine Serie enttäuschender Konjunkturdaten in Europa, wirtschaftliche Stagnation in Deutschland, eine Wachstumsverlangsamung in China, die Unruhen in Hongkong, der drohende Brexit in Grossbritannien, die Regierungskrise in Italien. US-Präsident Trump droht mit weiteren Eskalationen im Handelsstreit mit China. An den Börsen lösen die Bären die Bullen ab, die Pessimisten werden lauter und zahlreicher.

Kein Wunder, hat die Rezession in den Schweizer Medien wieder Konjunktur: Der Begriff wurde im laufenden Monat bereits 684-mal bemüht – fast doppelt so oft wie im ganzen Monat Juli und 6-mal so oft wie vor einem Jahr.

Doch Märkte und Medien neigen bekanntlich zum Überschiessen. Die Zeichen stehen nicht auf Sturm, der Pessimismus ist überzogen, eine Rezession ist nicht in Sicht.

«Trumps Ziel ist die Wiederwahl. Dazu braucht er eine rund laufende Wirtschaft.»

Die Angst hat die Anleger in die sicheren Häfen getrieben. Gold steht so hoch wie zuletzt vor sechs Jahren. Die langfristigen US-Staatsanleihen sind so gesucht, dass die Renditen in den Keller gehen. Normalerweise werden kurzfristige Anleihen tiefer verzinst als langfristige, doch in den USA sank der Zins für 10-jährige Staatsanleihen letzte Woche unter das Niveau für 2-jährige. In der Vergangenheit war eine solch «inverse» Zinskurve ein zuverlässiger Vorbote einer Rezession in den USA, denn sie zeigt an, dass die Investoren die kurzfristigen Risiken für die Wirtschaft höher einschätzen als die langfristigen.

Aber so einfach ist es nicht. Zum einen zeigt die Umkehrung der Zinskurve nicht eine rasche Verschlechterung der Wirtschaftsdaten, normalerweise verstreichen zwei bis drei Jahre bis zum Ausbruch der Rezession. Zum andern ist die Situation nicht gut mit der Vergangenheit vergleichbar. Die US-Zentralbank hat die Zinsen ja kürzlich bereits um 0,25 Prozent gesenkt.

Ausserdem ist die Zinskurve nicht der einzige Indikator, und auch nicht mehr der zuverlässigste, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in einer Untersuchung festgestellt hat. Sie bevorzugt die Schuldendienstquote (Zinsen plus Amortisationen im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt) als Frühwarnsignal – und diese signalisiert keine erhöhte Rezessionsgefahr.

«Trump ist fast alles zuzutrauen.»

Am Ursprung der aktuellen Verunsicherung steht Trumps irrationale Handelspolitik. Natürlich muss man damit rechnen, dass der US-Präsident den Handelsstreit weiter eskalieren lässt. Tatsächlich stehen die Chancen aber gut, dass es nicht dazu kommt.

Trumps Ziel ist die Wiederwahl im Herbst 2020. Dazu braucht er als wichtigste Voraussetzung eine rund laufende Wirtschaft. Noch befindet sich der Arbeitsmarkt im Hoch, und die Konsumenten sind guter Stimmung.

Trump ist fast alles zuzutrauen. Aber die Konjunktur zum Absturz bringen und damit seinen besten Trumpf verspielen? Nein, das wird er nicht.



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Erstellt: 17.08.2019, 23:42 Uhr

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