Die neuen Rockstars

Sie sind blutjung und haben Hunderttausende Fans auf Youtube oder Instagram: Schweizer Influencers und Creators. Nächste Woche laden sie ins Hallenstadion.

Raffaela Zollo in Aktion: Ihr «Sugardaddy-Make-up-Tutorial» wurde schon von Hunderttausenden aufgerufen. Video: Raffaela Zollo/Youtube


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Sie heisst Raffaela Zollo, ist 25-jährig, als Junge aufgewachsen im bündnerischen Puschlav mit knapp 3500 Einwohnern und lebt in einer Welt, die Erwachsene nicht verstehen, um die sich für heutige Jugendliche jedoch fast alles dreht. Über 129 000 User erreicht sie mit ihrem Youtube-Kanal «Raffa’s Plastic Life», auf Instagram hat sie rund 195 000 Follower. Vor einem Jahr waren es noch null.

Sie ist eines der Schweizer Social-­Media-Idole, die kommenden Freitag an der Tubecon Switzerland im Zürcher Hallenstadion zu sehen sein werden. Dort wechseln sie für einen Tag von der virtuellen in die reale Welt und werden damit fassbar für ihre jungen Fans – und deren Eltern. Für die gibt es an diesem Event einen «Parent Park», wo sie analog zum Kinderparadies in Einkaufszentren abgegeben werden können und dort zum Beispiel aufgeklärt werden in Sachen Medienkompetenz. Die Pro Juventute ist als Expertin vor Ort.

Tipps für natürliches Aussehen

Zwei bis drei Videos lädt Raffaela Zollo wöchentlich auf Youtube hoch, etwa acht Stunden Arbeit wendet sie pro Video auf. Zu sehen ist darin jeweils eine leicht überdrehte, mehr als nur leicht geschminkte transsexuelle Frau mit pinkfarbenen Haaren, voluminösen Lippen, langen Nägeln, grosser Klappe und rollendem R vom Italienisch, das man in Puschlav spricht. Ihre Videos tragen Titel wie «Ich lasse meine Chanel-Tasche bemalen», «20 Geständnisse während eines Nervenzusammenbruchs», «Wie ich als Junge ausgesehen habe» oder «Ehrliches No-Make-up-Look-Tutorial».

Darin zeigt sie während 3 Minuten und 50 Sekunden, was es ­alles braucht, um natürlich auszusehen, weil die Gesellschaft das ja möge, vor allem die Männer. «Aber nichts ist mehr natürlich», sagt sie und schmiert sich als Erstes grosszügig Concealer ins Gesicht – um alles abzudecken, was dunkel und schwarz sei («zum Beispiel unsere Seele»), einfach alles, was einem nicht gefalle und was niemand sehen wolle, etwa Pickel und Glanz («Niemand hat eine matte Fresse von Natur aus», stellt sie fest und fügt mit Nachdruck an: «Weil wir schwitzen»). Dann gibt es noch mehr Make-up und noch mehr Puder, und nach mehreren Schichten und falschen Wimpern und Schimmer und Rouge und Lippenstift ist das natürliche Make-up à la Raffa fertig.

Ernste Themen lustig verpackt

Das klingt hohl und oberflächlich, aber nur, wenn man nicht genau hinhört. «Ich sage, was viele denken, aber niemand ausspricht. Ich rede über ernste Themen, aber lustig verpackt und mit viel Selbstironie.» Am Telefon klingt Raffaela Zollo bescheiden, schlagfertig und besonnen, und auch wenn es vor der Kamera wirkt, als spreche sie ungefiltert alles aus, was ihr gerade in den Sinn kommt, sagt sie: «Alles, was ich tue, ist sehr gut überlegt. Nur fluchen sollte ich vielleicht etwas weniger.» Sie versuche immer auch eine Botschaft zu vermitteln, nämlich dass man sich selber sein solle und vieles erreichen könne, selbst wenn man den gesellschaftlichen Standards nicht zu 100 Prozent entspreche. Dass sie sich über Schminkvideos mitteilt, empfindet sie nicht als Widerspruch. «Das ist es, was ich bin und was mich interessiert.» Hauptsache authentisch sein. «Wenn man niemand ist, bleibt man niemand.» Das sei nicht böse gemeint, aber um sich von der riesigen Konkurrenz auf Youtube abzuheben, müsse man einzigartig sein.

Nathalie Céline in ihrem Film: Die Baslerin gibt Lebenshilfe. Video: Nathalie Céline/Youtube

Raffaela Zollo hat sich wie ­viele Youtube-Stars alles selber beigebracht. Vor etwas mehr als einem Jahr kaufte sich die gelernte Detailhandelsfachfrau eine Film­kamera und liess sich von einem Freund erklären, wie man Videos schneidet. Ab da investierte sie jede Minute in ihren Youtube-Kanal, weil sie davon träumte, eines Tages davon zu leben – was sie nun, ein Jahr später, kann. Ihren Job hat sie aufgegeben, kürzlich hat sie ihre eigene Wimpernkollektion lanciert. Für jedes Video, das angeklickt wird – beziehungsweise für die vorgeschaltete Werbung –, verdient sie einen Rappenbruchteil. Ihr aktuelles Topvideo («Sugardaddy-Make-up-Tutorial») für alle, die sich einen Millionär angeln wollen, wurde bislang 375 000 Mal aufgerufen. Dass ihr jeweils Zehntausende Teenies zuschauen, deren Meinung sie beeinflussen kann, findet sie «krass».

Unter den Schweizer Social-Media-Idolen gibt es aber auch den Typ «Mädchen von nebenan» wie die Baslerin Nathalie Céline, die in ihren Videos über Depressionen, Magersucht und ihre langen Haare spricht. Ihre Followerzahl auf Youtube: 100 000. Sie ist den Teenies und ihren Problemen viel näher als Jugendorganisationen mit ihren Kampagnen. Die Tubecon – sie wurde 2014 in Finnland lanciert und ist erstmals in der Schweiz – ist eine der wenigen Plattformen, auf denen Fachleute den Teenagern real begegnen können.

Die Creators wollen nicht bloss Geld

Über 80 Creators werden am 29. Dezember für Meet and Greets, Diskussionen, Gaming Battles und Workshops im Hallenstadion auftreten, darunter Gamer wie Zinus (163 000 Follower) und Unterhalter wie Schwiizchiste (233 000 Follower). Sie sind für die Teenies das, was Beatles, Rolling Stones und Take That für die Jugendlichen von früher waren. Von den Influencern grenzen sich die Creators ab, weil sie nicht einfach für Geld mit Produkten posieren, sondern selber etwas schaffen wollen. Wie das geht, lernen die Eventbesucher am 29. Dezember ebenfalls – sie erfahren etwa, wie man die passende Musik für Videos findet, wie man für Instagram richtig posiert und was es braucht, um in sozialen Medien erfolgreich zu sein.

Erstellt: 22.12.2017, 17:30 Uhr

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