Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht, endlich alles zu erfahren

Die katholische Kirche untersucht Missbräuche selbst, statt sie an die Justiz weiterzuleiten. Das ist heikel.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wir wissen über sexuelle Übergriffe in der ­katholischen Kirche der Schweiz herzlich wenig. Zwar liefert die Bischofskonferenz auf Anfrage Statistiken, die zeigen, dass es seit den 50er-Jahren bis heute zu Vergewaltigungen, Schändungen und Nötigungen gekommen ist. Betroffen sind davon über 140 Kinder und Jugendliche sowie 88 Erwachsene. Doch was bedeuten diese nackten Zahlen? Wo, in welchem Pfarramt, in welchem Kloster, in welchem Bistum, haben sich diese Vorfälle zugetragen? Was ist genau ­vorgefallen, und was ist mit den Tätern passiert? Wir wissen es nicht.

Es ist zudem anzunehmen, dass sich viele ­Opfer bis heute nicht getrauen, von ihrem Leid zu berichten. Es wäre auch nachvollziehbar, wenn sie sich nicht ­ausgerechnet an jene ­Institution wenden ­wollen, deren Vertreter sie ­missbraucht und ­verraten haben. Die Dunkelziffer dürfte deshalb hoch sein.

Viele Bischöfe proklamieren Nulltoleranz

Es geht aber nicht nur darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Die katholische Kirche muss alles daransetzen, dass es zu keinen weiteren Vorfällen kommt. Und da muss man ein ­Fragezeichen setzen. Zwar gibt es in der Kirche viele Vertreter, die sich engagiert gegen ­Missbräuche einsetzen – viele Bischöfe haben eine Nulltoleranz gegenüber Tätern proklamiert.

Doch es fragt sich, ob dieser Geist tatsächlich bis in den hintersten Winkel der kirchlichen ­Gemeinden vorgedrungen ist. Oder ist es nicht vielmehr so, wie es der St. Galler Staatsanwalt ­Elmar Tremp im Interview mit der Sonntags­Zeitung ­formuliert, dass in der Kirche noch nicht alle den Ernst der Lage erkannt haben?

«Sie will eine Stütze der Gesellschaft sein und ihre Vertreter Vorbilder.»

Das zeigt sich etwa im mangelnden Interesse der Kirchenleute an Prävention. Für einen solchen Kurs, der letztes Jahr für die Tausenden von Angestellten durchgeführt wurde, meldeten sich gerade mal fünf Nasen an.

Fraglich ist auch, ob wirklich alle Übergriffe schonungslos aufgeklärt werden. Denn aus Rücksicht auf die Opfer werden sie zum Teil ­kirchenintern abgeklärt statt an die Justiz weitergeleitet. Das ist heikel. Es wäre deshalb Zeit, mit Strafverfolgern neue Wege zu suchen, um gegen Beschuldigte zu ermitteln, ohne die Opfer zu belasten. Das lässt sich machen, sagen ­Opferberaterinnen und Ermittler.

Die katholische Kirche ist kein beliebiger ­lokaler Verein. Sie steht besonders im Rampenlicht. Sie hat eine grosse Verantwortung. Die Kirche will eine Stütze der Gesellschaft sein und ihre ­Vertreter spirituelle Vorbilder für die Gläubigen. Die Erwartungen sind deshalb zu Recht hoch. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf, dieses dunkle Kapitel Schweizer ­Geschichte im Detail zu kennen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.01.2018, 23:25 Uhr

Catherine Boss

Recherchedesk

Artikel zum Thema

Katholische Kirche schaltet bei Übergriffen die Justiz oft nicht ein

SonntagsZeitung Viele Missbrauchsfälle werden in der Schweiz nur kirchenintern untersucht – aus Rücksicht auf die Opfer. Strafverfolger fordern eine Änderung. Mehr...

«Nicht alle in der Kirche haben den Ernst der Lage erkannt»

SonntagsZeitung Welches Risiko trägt die Kirche, wenn sie ­Übergriffe intern regelt? Dazu der St. Galler Staatsanwalt Elmar Tremp. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!