Die Oligarchin

Der Ibiza-Skandal brachte Österreichs Kanzler zu Fall. Doch stimmt das Klischee der reichen, aber stillosen Russin überhaupt noch?

Diese Frauen haben viel Geld und viel Geschmack: Ex-Model Elena Perminova (l.) und Fashion-Designerin Ulyana Sergeenko. Foto: Getty Images

Diese Frauen haben viel Geld und viel Geschmack: Ex-Model Elena Perminova (l.) und Fashion-Designerin Ulyana Sergeenko. Foto: Getty Images

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 26. Mai 2019.

Stehen zwei neureiche Russen im Lift und merken, dass sie die gleiche Designerkrawatte tragen. «Dafür habe ich 500 Euro hingelegt», prahlt der eine. Der andere bricht in schallendes Gelächter aus. «Du Idiot! Ich hab 1000 bezahlt!»

Der Witz ist uralt, aber zumindest in Österreich, wo wegen einer angeblichen Oligarchennichte gerade eine Regierungskrise herrscht, ist er hochaktuell.

Video: Brisante Aufnahmen von Heinz-Christian Strache

Das Skandal-Video: Heinz-Christian Strache trifft sich mit einer angeblich reichen Russin auf Ibiza. Video: Süddeutsche Zeitung

Im sogenannten Ibiza-Video sagt Johann Gudenus, die rechte Hand des Ex-Vizekanzlers Heinz-Christian Strache, besagte Nichte sei bereit, «das Fünffache!» des eigentlichen Preises für ein Grundstück zu bezahlen. Subtext: Wer so doof ist, muss wirklich unglaublich reich sein. Oder eben nicht, wie sich jetzt herausstellte.

Das exzentrische Post-Sowjet-Weibchen

Denn das Klischee der mit Geld um sich werfenden Russen, denen man alles andrehen kann, wenn es nur genug kostet, ist weitgehend überholt. Ebenso wie das Bild der dazugehörenden Oligarchin als exzentrisches Post-Sowjet-Weibchen, für die Marken wie Roberto Cavalli einst extra viel Bling über die Kleider kippten und der Christian Louboutin höhere Killerabsätze als im Rest der Welt verpasste.

Diese Art Betaversion der Oligarchin stammt noch aus den Neunzigern und frühen Nullerjahren, in denen sie wegen vorheriger chronischer Unterversorgung in der Sowjetunion verständlicherweise unter starker Logo-Bulimie litt. Als erstes Luxuslabel überhaupt eröffnete 1994 Versace eine Boutique in Moskau. Was soll man machen? Man nimmt, was man kriegen kann.

Hohe Bildung, hohe Absätze

Schon bald gingen die neuen Reichen auch in der grossen, weiten Welt einkaufen. Jede Luxusboutique von Zürich bis London, die etwas auf sich hielt, engagierte eine russischsprachige Verkäuferin für die zahlungskräftige Klientel. «Die Russen kommen!», wurde zum entzückten Jubelschrei eines jeden Filialleiters, wenn die bulligen Männer mit ihren in Pelz gehüllten Gazellenfrauen anrauschten und den halben Laden leer kauften. Zielstrebig griffen sie zu extra protzigen Entwürfen, weil sie zeigen wollten, wie reich sie waren. Dummerweise sahen sie damit am Ende irgendwie billig aus.

Aber aus Fehlern lernt man ja bekanntlich, und die modische Anpassung an den Westen haben sie in Russland ähnlich turboartig umgesetzt wie die Privatisierung der staatlichen Rohstoffressourcen. Vorbei die Zeiten der Tom-Ford-für-Gucci-Komplettlooks, der sehr grossen Sonnenbrillen und aufgespritzten Lippen.

Längst gehören Oligarchinnen wie Elena Perminova selbst bei internationalen Modenschauen zu den auffällig gut gekleideten Gästen. Perminova, ein ehemaliges Model, ist die Ehefrau des Ex-KGB-Spions und heutigen «Independent»-Besitzers Alexander Lebedev. Über Jahre erregte auch Ulyana Sergeenko, geschiedene Gattin eines Versicherungsmagnaten, Aufsehen, wenn sie zwischen den Shows ständig die Garderobe wechselte – von Givenchy über Louis Vuitton zu Chanel. Mittlerweile hat sie sich selbst zur Designerin gewandelt und kleidet Schauspielerinnen wie Emilia Clarke aus «Game of Thrones» ein.

«Generell legen Russinnen im Vergleich zum Westen weiterhin deutlich mehr Wert auf klassische Weiblichkeit.»Elisabeth Schimpfössl, Soziologin

Die echten Oligarchen, vor allem die Frauen, haben mittlerweile nicht nur Geld, sondern auch Geschmack. Das zumindest durfte an einem Russlandkenner wie Gudenus nicht vollkommen vorbeigegangen sein. Entsprechend wurde der Lockvogel für die Herren der FPÖ nicht nach dem alten Klischee, sondern gemäss dem aktuellen Frauenbild gecastet und ausstaffiert.

Die Frau, die sich als Aljona Makarowa ausgibt, man ahnt das trotz Verpixelung, ist offensichtlich jung, eher unter 30 – schliesslich soll sie als Nichte des 57-jährigen Ölmilliardärs Igor Makarow durchgehen. Und als zeitgemässe Oligarchin trägt sie eben kein hautenges sexy Minikleid, sondern ein kurzes, gerüschtes Chiffonkleid mit transparenten ­Ärmeln, womöglich ist das sogar ein braver Bubikragen, der da kurz im Bild ist. Dazu wenig Schmuck, nur eine Uhr aus Edelstahl und ein schwarzes Armband, sowie – darauf lassen zumindest die Geräusche auf dem Video schliessen – hohe Absätze.

Zumindest dieses Klischee der in allen möglichen Lebenslagen High Heels tragenden Russin sei durchaus noch aktuell, sagt die Soziologin Elisabeth Schimpfössl, Autorin des Buchs «Rich Russians. From Oligarchs to Bourgeoisie», das vergangenes Jahr erschien. «Hohe Schuhe sind nach wie vor ein Muss.»

«Eine Schönheit, die über Jahre aufgebaut wurde»

Die Oligarchinnen hätten ihren Geschmack konsequent verfeinert, ihn quasi ihrer meist reichlich vorhandenen kulturellen Bildung angepasst. «Nicht nur die reichen, sondern ganz generell legen die Russinnen im Vergleich zum Westen weiterhin deutlich mehr Wert auf klassische Weiblichkeit», sagt Schimpfössl. Modelmasse, kurze Rocklängen, aber elegante Schnitte, lange, perfekt liegende Haare, professionelles Make-up. Laut einer Umfrage von Procter & Gamble trugen vor zehn Jahren 92 Prozent der russischen Frauen täglich Lippenstift.

«Reiche Russinnen sind nicht einfach nur schön – sie haben eine Schönheit, die über Jahre aufgebaut wurde», sagt Schimpfössl. Musse und Zeit, die man sich leisten können muss, aber auch leisten können will. André Leon Talley, der ehemalige «Vogue»-Editor-at-Large, beschrieb Melania Trump, First Lady mit slowenischen Wurzeln, einmal als «the most fastidiously groomed and exquisitely moisturized person». Genau so stellt man sich eine Oligarchin heute vor: vorzüglich gepflegt und eingecremt.

«Stilvoll ist, wer wenig spricht»

Auch die angebliche Nichte Makarowa trägt lange, schöne Haare, die sie anfänglich zum Pferdeschwanz gebunden hat. Sie ist sehr schlank, die nackten Beine haben einen leichten Teint, ohne wirklich gebräunt zu sein. Eine offensichtlich gepflegte, attraktive Frau. Oder wie es Heinz-Christian Strache im Laufe des Abends ausdrückt: «Bist du deppert, die ist schoaf.»

Ihren Imagewandel haben die (reichen) Russinnen neben einer schnellen Auffassungsgabe auch ein paar einflussreichen Vorreiterinnen zu verdanken. Etwa Alla Verber, Vizechefin des glamourösen Moskauer Departmentstores Tsum, einst besser bekannt als «die wichtigste Einkäuferin der Welt». Nach Versace brachte sie in den Neunzigern auch all die anderen wichtigen Marken ins Land. Die damalige Chefin der russischen «Vogue», Aliona Doletskaya, zeigte, wie man die Kleider trug. Unter ihrer Regie war das Magazin zeitweise ziegelsteinschwer, mit mehr als 300 teuer bezahlten Anzeigen. Sie galt als so einflussreich, dass sie als Ablösung für Anna Wintour gehandelt wurde.

Ganz so weit kam es bekanntlich nicht, 2010 räumte Doletskaya ihren Posten, aber aufgepasst hatten ihre Leserinnen bis dahin gut. Statt Cavalli kauften reiche Russinnen plötzlich 30 bis 35 Couture-Teile pro Saison, wie Karl Lagerfeld in einem Interview einmal ausplauderte. Da kam schon mal locker eine siebenstellige Summe zusammen – Franken, nicht Rubel, versteht sich.

«Traditionell gilt in den besseren Kreisen: Stilvoll ist, wer wenig spricht.» Elisabeth Schimpfössl, Soziologin

Und dann betrat Dasha Zhukova die Bühne. Die Tochter einer Molekularbiologin und eines reichen Geschäftsmannes, ausgebildet in Los Angeles und London, wurde 2006 die neue Frau an der Seite des Oligarchen Roman Abramowitsch. Die damals 25-Jährige trat einerseits «sehr russisch» auf – perfekt durchgepflegt –, war aber deutlich natürlicher geschminkt und moderner in ihrer Kleiderwahl.

Die «It-Oligarchin» gründete zunächst erfolgreich ein eigenes Modelabel, Kova & T, entdeckte dann jedoch ihre Leidenschaft für Kunst. Anfänglich belächelt, ist ihre «Garage» mittlerweile die Moskauer Institution für zeitgenössische Kunst. Seit Zhukova posten wohlhabende junge «Mini-Garchs» neben der elterlichen Jacht genauso gern ihre neu erstandenen Sammlerstücke.

Das Magazin «The New Yorker» schrieb über Zhukova einmal, sie sei unglaublich schön, aber auch virtuos einsilbig. Ihr Gesichtsausdruck sei ungefähr so vielsagend wie ein leeres Flussbecken. Auch das sei im Grunde typisch russisch, sagt Schimpfössl. «Traditionell gilt in den besseren Kreisen: Stilvoll ist, wer wenig spricht.»

Oligarchin mit dreckigen Fussnägeln?

Andere berühmte Russinnen wie das Model Natalia Vodianova, verheiratet mit dem LVMH-Spross Antoine Arnault, oder Irina Shayk, Freundin von Hollywoodbeau Bradley Cooper, treten ebenfalls eher zurückhaltend auf, was ihnen eine verlässlich mysteriöse Aura verleiht. Wahrscheinlich hat der Lockvogel auch diese Lektion ganz gut hinbekommen.

Die Ibiza-Villa hingegen ist nicht halb so gut ausstaffiert, Maybach vor der Tür hin oder her: Die Lampen sind billig, die Kiefernholzvitrine und das Sofa, das die Runde vollqualmt, durchschnittliche Qualität. Mietet so etwas eine Oligarchin an? Und noch ein anderes Detail hatten die Drahtzieher offensichtlich nicht bedacht: In einem Moment wird Strache kurz misstrauisch, weil ihm auffällt, dass die angeblich megareiche Oligarchin dreckige Ränder an den Fussnägeln habe. Das passe nicht zu einer Frau dieser Liga, wundert sich Strache.

Womöglich sein einzig kluger Gedanke an diesem Abend. Denn schöne, perfekt gepflegte Nägel seien geradezu «ein Fetisch» unter reichen Russen – bei Frauen wie bei Männern, sagt Schimpfössl. Besser, er hätte sich gleich noch ihre Fingernägel genauer angeschaut. Die sind nämlich einmal kurz im Bild, als man die angebliche Nichte Makarow von hinten sieht, und liefern ein noch viel deutlicheres Indiz: lang sind sie, viel zu lang – womöglich sogar so falsch wie die Oligarchin selbst. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.05.2019, 18:07 Uhr

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