«Ich würde diese Verantwortung sofort als Last empfinden»

Christian Bale über seine Verwandlung in den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney und die Frage, ob dieser gefährlicher war als heute Donald Trump.

Christian Bale an der Berlinale. Foto: REX Features

Christian Bale an der Berlinale. Foto: REX Features

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Den Golden Globe hat Christian Bale, 45, für «Vice» bereits erhalten. Bei der Verleihung im Januar sagte er: «Ich danke Satan, dass er mir die Inspiration gab, wie ich die Rolle zu spielen habe.» Der englische Schauspieler spielt den US-Politiker Dick Cheney, Vizepräsident unter George W. Bush und – auf jeden Fall im Film von Adam McKay – teuflischer Drahtzieher hinter dem Irakkrieg und vielem anderen mehr. Um die Satire auch in Europa bekannt zu machen, ist Bale vorletzte Woche an die Berlinale gekommen.

Haben Sie überhaupt Zeit, mit Journalisten herumzusitzen? Sie sollten doch in Hollywood für Ihren Oscar werben.
Ah gut. Und wie macht man das?

An Essen und Partys gehen.
Ach, schauen Sie, die Oscars sind doch kein Wettkampf. Ich bin kein Sportler, sehe den Anlass eher als Feier für den Film.

Gewinnen wollen Sie nicht?
Selbstverständlich würde es mich freuen. Aber bleiben wir realistisch, die anderen sind auch gut. Und dann gibt es immer exzellente Leistungen, die kein Mensch wahrnimmt. Aber ich will die Bedeutung nicht herunterspielen. Wir werden dort sein mit «Vice». Und auf jeden Fall feiern.

Sie haben 15 Kilo zugenommen, um Dick Cheney zu spielen. War das wirklich notwendig?
Das habe ich mich auch gefragt. Besonders, als ich meinen Kollegen Gary Oldman traf und der sagte, er habe kein Gramm zugelegt für seine Oscarrolle als Winston Churchill, «dafür gibt es Maskenbildner». Cleverer Typ. Aber mir fehlte trotz aller Schminkkünste etwas.

Was?
Das Körperliche beeinflusst letztlich eben doch, wie man sich geistig fühlt. Um mich in Cheney zu versetzen, brauchte ich ziemlich viel Gewicht. Aber auch privat fand ich es in Ordnung, für eine Weile. Ganz besonders mein vierjähriger Sohn hat es genossen, auf mir herumzuklettern, als sei mein Bauch ein hoher Berg.

Kamen Sie sich mächtig vor als Cheney?
Es gibt im Film zwei, drei Stellen, wo ich spürte, wie es sein muss, wenn alle Fäden bei einem zusammenlaufen und man weltpolitische Dinge verändern kann. Nicht nachvollziehen konnte ich dagegen dieses Gefühl der ständigen Macht: sozusagen 24 Stunden am Tag am Drücker zu sein. Darüber habe ich intensiv nachgedacht beim Spielen. Ich würde diese Verantwortung sofort als Last empfinden. Cheney aber hat sie offensichtlich genossen. Ich denke, solche Menschen sind schon eine Gefahr für die Welt, egal welcher politischer Ansicht sie sind.

Dick Cheney wird von Christian Bale gespielt: Der Trailer zu «Vice». Video: Youtube

Sie haben Satan gedankt bei der Golden-Globe-Verleihung und Cheney auch schon als Darth Vader bezeichnet.
Darth Vader hat er sich selbst genannt, ziemlich oft. Er gefiel sich als Oberbösewicht oder kokettierte zumindest damit.

Gibt es etwas an ihm, das Sie mögen?
Nun gut, er hat seine Tochter unterstützt, als diese sich als Lesbe outete. Das passte natürlich nicht in sein politisches Programm und hat wohl gar einige Dinge verhindert in seiner Karriere. Aber er stand immer hinter ihr.

«Um mich in Dick Cheney zu versetzen, brauchte ich ziemlich viel Gewicht»: Christian Bale in «Vice». Foto: REX Features

Was hat Ihnen am meisten geholfen beim Spielen dieses Machtmenschen?
Ich würde sagen: Neugierde. Mir gefällt die Vorstellung, dass ich, wenn ich eine solche Rolle in Angriff nehme, keine Ahnung habe. Ich bekomme ja oft zu hören: Du kniest dich so rein, du bist ein Method-Actor. Aber das bin ich gerade nicht. Ich bin nicht einmal ein ausgebildeter Schauspieler, ich habe keine Fertigkeiten, die ich in der Schule erworben habe. Darum kann ich auch nicht meinen alten Tricks vertrauen. Wenn ich Dick Cheney spiele, denke ich: Bloody hell, wie stelle ich das nun wieder an?


Bilder: Dick Cheney nach dem Anschlag vom 11. September 2001


Sie sagten auch, der ehemalige Vizepräsident sei damals gefährlicher gewesen als Donald Trump heute.
Ich denke, ein intelligenter Mann ist immer viel gefährlicher als einer, der einfach sehr impulsiv und laut ist. Womit ich keineswegs sagen will, von Donald Trump gehe keine reale Gefahr aus; mir ist schon klar, dass der einiges anstellen kann, das verheerende Folgen haben könnte. Aber Cheney war ein Schachspieler, der seine Züge lange vorausplante. Denken Sie, Trump ist ein guter Schachspieler? Kaum.

Sie haben ihn einmal getroffen, nicht wahr?
Ja, aber das war lange bevor er Präsident wurde, zu meinen Batman-Zeiten. Ich war als Bruce Wayne verkleidet, sah mit roter Krawatte und nach hinten gekämmtem Haar wie eine Figur aus Trumps Universum aus. Was irgendwie auch stimmte, wir filmten in seinem Hochhaus in New York. Der Wayne-Tower ist also eigentlich der Trump-Tower.

Damals ist Trump vorbeigekommen?
Die Produzenten kamen zu mir und fragten: Könntest du kurz hinaufgehen? Er ist im oberen Stock. Trump hat mich dann voller Stolz herumgeführt, es gab viele vergoldete Dinge. Das war es dann auch schon. Aber er hat uns nicht rausgeschmissen während der Dreharbeiten.

Sie besitzen inzwischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Weshalb?
Ich will wählen können, da wo ich lebe. Irgendwo habe ich gelesen, dass die ursprüngliche griechische Bedeutung des Worts Idiot jemanden bezeichnet, der sich nicht am politischen Leben beteiligt. Ich wollte also kein Idiot sein.

Mögen Ihre Kinder eigentlich die Batman-Filme?
Sie haben sie nie gesehen.

Wieso nicht?
Ach, ich denke, wir haben in der Familie Besseres zu tun, als mich selbst zu betrachten.

Die Oscarverleihung werden sich die Kinder aber schon anschauen. Werden Sie, sollten Sie doch gewinnen, Satan erneut erwähnen?
Nein. Der Teufel hatte seinen Auftritt bereits. Bei den Oscars muss er draussen bleiben.

«Vice» läuft jetzt im Kino. Die Oscarverleihung beginnt in der Nacht auf morgen Montag um 2 Uhr Schweizer Zeit (Pro7/ORF).

Erstellt: 23.02.2019, 17:37 Uhr

Nicht nur Batman

Christian Bales Paraderolle ist jene des Batman in der wegweisenden Trilogie von Christopher Nolan. Sie entstand zwischen 2005 und 2012 und machte Bale auch in Hollywood zum Superstar. Aber begonnen hatte der in Wales aufgewachsene Schauspieler viel früher. Bereits mit dreizehn Jahren spielte er in Steven Spielbergs «Empire of the Sun» die Hauptrolle. Später war er in so unterschiedlichen Filmen wie «American Psycho» (2000), «The Machinist» (2004) und «Exodus: Gods and Kings» (2014) zu sehen. Als Vizepräsident Dick Cheney ist er das Beste in der ziemlich überdrehten Satire «Vice». Bale, 45, lebt ­inzwischen mit Frau und zwei Kindern in Los Angeles.

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