Die Patriarchin

Leyla Ibrahimi wurde als junge Frau zum Familienoberhaupt. Sie hat Air Prishtina zu einem europaweit führenden Unternehmen ausgebaut.

Ihre Vertragspartner haben sie fast immer unterschätzt: Leyla Ibrahimi. Fotos: Michele Limina

Ihre Vertragspartner haben sie fast immer unterschätzt: Leyla Ibrahimi. Fotos: Michele Limina

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Leyla Ibrahimi-Salahi war gerade 25 geworden, als sich ihr Leben abrupt änderte. Alltag, Wünsche, Träume, alles kam anders. Ihrem Vater Bexhet Salahi ging es unerwartet schlecht. Zeit für einen Abschied blieb kaum. Innert weniger Tage starb er an Herzversagen. Doch auch ohne Worte war klar: Die zierliche junge Frau aus Zürich wird in die Fussstapfen des kosovo-albanischen Patriarchen treten. Eines leutseligen Menschen, cholerisch, mit grossem Herz. «Er schaute mich vom Spitalbett aus an, und in seinem Blick war alles gesagt, was es zu sagen gab», erinnert sich Leyla Ibrahimi.

Und so wurde sie über Nacht von der Tochter zum Familienoberhaupt: Übernahm die Leitung des Unternehmens, hielt die Familie zusammen, kümmerte sich um sie, schliesslich war ihr jüngster Bruder erst 13 Jahre alt. «Es war keine einfache Zeit», sagt Ibrahimi, ihre Stimme stockt kurz. Die Mutter und fünf Geschwister wären wohl an der Aufgabe zerbrochen. Auch die Konkurrenz und Bekannte gaben «dem Mädchen» mit dem KV-Abschluss in Treuhand höchstens ein Jahr. Doch sie sollten sich täuschen.

Dass sie unterschätzt wird, nutzt sie zu ihrem Vorteil

Heute, ziemlich genau 13 Jahre später, ist das Unternehmen grösser denn je und Air Prishtina europaweit einer der führenden Anbieter von Flugreisen nach Kosovo und nach Mazedonien. Rund eine halbe Million Passagiere hat die Firma vergangenes Jahr transportiert und einen Umsatz von 60 Millionen Franken erzielt. Der Hauptsitz von Air Prishtina ist an der Löwenstrasse in Zürich, in einem neu renovierten Gebäude mit schlichten, eleganten Büros.

Vater Bexhet hatte die Fähigkeiten seines zweitältesten Kindes richtig eingeschätzt. Leyla Ibrahimi trotzte allen Widrigkeiten, lernte, ihrem analytischen Denken, ihrem Flair für Zahlen und vor allem ihrem Verhandlungsgeschick zu vertrauen. Dass sie fast immer von ihren Vertragspartnern unterschätzt wurde, nutzte sie klug zu ihrem Vorteil – bis heute.


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Die Firma Air Prishtina bewegt sich in einem hart umkämpften Markt. Flüge innerhalb Europas können nicht billig genug sein. Manchen Konkurrenten trieb dieser Preiskampf in den Ruin. Anders als andere Anbieter betreibt Air Prishtina keine eigenen Flieger, sondern chartert Maschinen bei namhaften Airlines. So kann sie Flüge ab 59 Franken ab Zürich, Basel, Genf, fünf deutschen Städten sowie Verona, Kopenhagen und Paris nach Pristina, Skopje oder neu nach Ohrid anbieten.

«Als ich das Schweiz-Serbien-Spiel schaute, war meine erste Reaktion: Muss das sein?»

Den Weg dazu hatte Leyla Ibrahimis Vater geebnet. Aus einem albanischen Dorf Nahe der südserbisch-mazedonischen Grenze kam er Ende der 70er-Jahre als Gastarbeiter nach Zürich. In der Fabrik von Escher-Wyss arbeitete er aber nur kurz. Stattdessen organisierte er für seine Landsleute Reisen in die Heimat – anfänglich über den Landweg. Und dann, 1981, fädelte er den bis dahin ersten zivilen Flug auf den Militärflugplatz von Pristina ein und läutete damit eine neue Ära des Passagierflugverkehrs in Kosovo ein.

Diesen Sinn fürs Geschäft hat Leyla Ibrahimi geerbt. Sich nicht auf Erreichtem ausruhen, sondern immer wieder Neues ausprobieren, analysieren und innovativ bleiben, lautet ihr Motto. Viel hat Air Prishtina in die Technik und Buchungsplattform investiert. Zudem bietet das Reisebüro seit diesem Sommer auch Rundreisen in Kosovo und Mazedonien an. «Das ist ein Markt», ist Ibrahimi überzeugt. Beides seien touristisch weitgehend noch unentdeckte Länder, mit wunderschöner Natur und tollen Städten.

Die Doppeladler-Diskussion liess sie nicht kalt

Sie selber macht in der alten Heimat selten Ferien. Wenn, ist sie geschäftlich dort. «Das Band nach Kosovo ist durch den frühen Tod meines Vater und auch meiner Mutter durchtrennt worden.» Für sie sei die Schweiz Heimat. «Hier bin ich aufgewachsen, hier fühle ich mich wohl und vor allem: Hier lebt meine Familie», sagt sie. Leyla Ibrahimi ist mit einem Rechtsanwalt verheiratet und hat einen elf- und einen dreijährigen Sohn.

Dennoch trägt sie auch die albanische Kultur in ihrem Herzen. Fliessend wechselt sie die Sprachen. Und die Debatte um den Doppeladler beschäftigte sie. «Als ich das Schweiz-Serbien-Spiel schaute, war meine erste Reaktion: Muss das sein?» Doch rückblickend, als klar wurde, welchen Provokationen Shaqiri und Xhaka im Stadion ausgesetzt waren, deute sie die Adler-Geste als Erlösung von all dem Druck, der auf beiden lastete. «Ich bin sicher, dass die beiden stolz sind, für die Schweiz zu spielen, und nicht die Absicht hatten, das Land zu brüskieren.»

Mit der alten Firmenkultur vollzog sie einen radikalen Bruch.

Kein Verständnis hat Leyla Ibrahimi jedoch, wenn Spieler mit Migrationshintergrund bei der Nationalhymne nicht mitsingen. Singen fördere ein Gemeinschaftsgefühl. «Und es zeugt von Respekt dem Land gegenüber, dem sie ihre Karriere zu verdanken haben.»

Diese Identifikation verlangt Leyla Ibrahimi auch von ihren Mitarbeitern. Genauso wie Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Einsatz. Mit der alten Firmenkultur vollzog sie deshalb einen radikalen Bruch. Zu viele Familienmitglieder, Onkel, Cousins, Neffen hatten sich in die Führung eingemischt. «Diese Veränderung war nötig, um das Unternehmen lebens- und zukunftsfähig zu machen.» 50 Mitarbeiter beschäftigt Air Prishtina heute in Kosovo, hauptsächlich im Ticket-Verkauf. Sieben sind es in Zürich. Alle mussten sich ordentlich bewerben und bewähren. «Ganz schweizerisch halt», sagt sie und lacht.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.09.2018, 20:52 Uhr

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