Pleite von Thomas Cook trifft Hotelplan-Ableger hart

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Aus des Pauschalreisen-Pioniers.

Ferienende mit Schrecken: Kunden von Thomas Cook warten im türkischen Flughafen Dalaman auf ihre Repatriierung. Foto: Reuters

Ferienende mit Schrecken: Kunden von Thomas Cook warten im türkischen Flughafen Dalaman auf ihre Repatriierung. Foto: Reuters

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Wie viele Schweizer Reisende sind von der Thomas-Cook-Pleite betroffen?

Genaue Zahlen kann Thomas Cook dazu nicht nennen. Doch die meisten Kunden kommen aus anderen Teilen Europas, meist aus Grossbritannien, Skandinavien oder Deutschland. Schweizer Reiseveranstalter haben nur wenige Angebote von Thomas Cook verkauft. «Hotelplan Suisse hat nur eine geringe Anzahl an Buchungen, verteilt über die nächsten Monate», sagt eine Sprecherin der Migros-Reisetochter. Diese Buchungen würden besonders Skiferien in der Schweiz, Norditalien und Österreich betreffen. «Wir nehmen Kontakt mit den betroffenen Kunden auf und kümmern uns um eine individuelle Lösung.» Eine Sprecherin von TUI Suisse spricht von rund einem Dutzend betroffener Kunden, bei DER Touristik hat eine tiefe dreistellige Anzahl Kunden in den Kuoni-Reisebüros Angebote von Thomas Cook gebucht.

Die Absicherung von Kundengeldern in der Schweiz läuft, wie jene der deutschen Kunden, über die Zurich-Versicherung. Die Deckelung beträgt 110 Millionen Euro. Reicht dieser Betrag aus?

Nein – darüber ist man sich in der Branche ziemlich einig. So sagte Stefanie Berk, Chefin von Thomas Cook Deutschland, der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «Das Geld wird ausreichen, um alle Kunden, die auf Reisen sind, nach Deutschland zurückzubringen.» Die EU-Pauschalreiserichtlinie sehe vor, dass die Rückführung der Gäste Priorität geniesse. Das heisst aber auch: Kunden, die Ferien gebucht haben, aber diese noch nicht begonnen haben, müssen um ihr Geld bangen. Wie hoch die Forderungen sind, ist nicht bekannt. Deniz Ugur, Chef und Teilhaber des Türkei-Spezialisten Bentour Reisen, geht von Ansprüchen von über 500 Millionen Euro aus. «110 Millionen reichen für einen internationalen Konzern in der Grösse von Thomas Cook einfach nicht aus.»

Der Schweizer Veranstalter Hotelplan verkauft über ­seinen Ableger Hotelplan UK auch im Vereinigten Königreich Reisen. Wie sehr trifft ihn die Pleite?

Das Timing ist für Hotelplan UK tragisch: Im Vereinigten Königreich verkaufte der Ableger des Schweizer Konzerns in erster Linie Skiferien, die Saison beginnt in wenigen Wochen. «Thomas Cook war für Hotelplan UK einer der Hauptlieferanten für Flüge in den Wintermonaten», sagt eine Sprecherin. Operativ und finanziell bedeute die Insolvenz einen grossen Schaden für Hotelplan UK. Genau abschätzen lassen sich die Kosten laut der Sprecherin noch nicht. «Operativ sind mehrere Tausend Dossiers betroffen. Wir kontaktieren alle betroffenen Kunden und kümmern uns um Ersatzlösungen.» Klar ist: Hotelplan UK ist nun in Bedrängnis. Schon der Brexit bedroht das Geschäftsmodell – durch das Aus von Thomas Cook akzentuieren sich die Probleme weiter.

Ein grosser Player verschwindet vom Markt, es gibt weniger Anbieter. Werden Reisebuchungen für die Konsumentinnen und Konsumenten nun teurer?

Wenn, dann nur kurzfristig. Akut gilt es, eine Lücke zu füllen, und die Konkurrenten von Thomas Cook könnten die Preise nach stark gefragten Regionen hochschrauben. Doch lange dürfte das nicht anhalten, glaubt Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen (HSG). «In ein paar Monaten gleicht sich das sicher wieder an.» Denn: Der Markt sei auch nach dem Aus von Thomas Cook schwer umkämpft, und schon bald werde sich wieder ein neues Konkurrenz-Gleichgewicht einpendeln. Ähnliches hat man bereits vor nicht allzu langer Zeit beobachten können, als Air Berlin den Betrieb einstellte. Kurz nach der Pleite der auch am Flughafen Zürich stark vertretenen Airline zogen die Preise auf einigen Flugstrecken stark an, doch es dauerte nicht lange, und andere Airlines wie Easyjet füllten die Lücke und drückten die Preise sogar noch mehr als vor der Pleite.

Thomas Cook gilt als der Konzern, der die Pauschal- r eise erfunden hat. Bedeutet die Pleite nun das Ende dieser Art Ferien?

Die Pauschalreise im klassischen Sinn, wie die All-inclusive-Badeferien, dürfte leiden. «Es ist definitiv ein herber Imageverlust für die Pauschalreise», sagt Bentour-Chef Ugur. Ein Grund sei, dass die Kundengeldabsicherung, die oft ein Argument für diese Art von Reisen war, im Fall Cook nun offenbar zu gering sein wird. Das liege auch daran, dass die Thomas Cook GmbH ein deutsches Unternehmen sei. «Bei Schweizer Veranstaltern, wie wir einer sind, gibt es bei der Kundengeldabsicherung im Verkauf innerhalb der Schweiz keine Deckelung.» Daher ist sich Ugur sicher, dass die Pauschalreise auch in Zukunft eine Rolle spielen wird. «Massenmärkte wie die Türkei, Griechenland oder Ägypten werden noch eine Weile nach dem Pauschalreise-Prinzip funktionieren.» Zunehmend seien aber auch Einzelkomponenten gefragt. «40 Prozent unserer verkauften Produkte sind schon Einzelleistungen.»

«Eine Spezialisierung bei der Reisebuchung zeichnet sich mehr und mehr ab», sagt auch Matthias Reimann, Sprecher der Knecht-Reisegruppe. Während klassische Veranstalter in den letzten Jahren zunehmend zu kämpfen hatten, verbuchte das auf Individualreisen spezialisierte Unternehmen Jahr für Jahr neue Rekordumsätze.

TUI Suisse ist optimistischer, was die Pauschalreisen betrifft. «Selbstverständlich glauben wir daran», sagt eine Sprecherin. HSG-Experte Christian Laesser sagt: «Auch in Zukunft wird es Kunden geben, die keine grosse Lust haben, viel Zeit und Energie in die Reiseplanung zu stecken.» Zudem sei das Geschäft auch für Veranstalter attraktiv. «Sie können das Geschäft als grossen Shop gestalten, weil sie immer wissen, wo der Kunde ist.» Das heisst, sie können durch Zusatzverkäufe während der Reise Geld verdienen – etwa auf Kreuzfahrtschiffen oder in Resorts.



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Erstellt: 28.09.2019, 18:58 Uhr

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