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Die Polizei bittet nicht um Ihre Mithilfe

Täglich werden 13 Personen in der Schweiz als vermisst gemeldet – die Öffentlichkeit wird nur in den allerwenigsten Fällen informiert.

Roland Gamp, Pia Wertheimer
Im Hauptbahnhof Zürich: Öffentlich nach Vermissten zu suchen, kann kontraproduktiv sein – zum Beispiel, wenn sie sich weiter absetzenFotomontage: SZ; Sophie Stieger/13photo
Im Hauptbahnhof Zürich: Öffentlich nach Vermissten zu suchen, kann kontraproduktiv sein – zum Beispiel, wenn sie sich weiter absetzenFotomontage: SZ; Sophie Stieger/13photo

Um 22.47 Uhr steigt Samantha in den Zug. Die Genferin will einen Freund aus ihrer Kindheit in Cheyres FR besuchen. Bevor sie in den Waggon einsteigt, scherzt sie noch gegenüber einer Kollegin: «Wenn ich dir nicht bis um 1 Uhr geschrieben habe, ist mir etwas zugestossen.»

Das war am 22. November 2017. Knapp zwei Monate später findet ein Spaziergänger die Leiche der 19-Jährigen. Gefesselt und mit entblösstem Unterkörper liegt sie in einem Sumpfgebiet am Neuenburgersee, am Kopf klafft eine Wunde. Samanthas Jugendfreund, mit dem sie sich verabredet hatte, hat die Tat diese Woche gestanden.

Die Wut der Angehörigen richtet sich nicht nur gegen ihn. «Als wir die Polizei aufsuchten, sagte man uns, es sei nicht schlimm, sie sei ausgerissen», erzählt die Grossmutter des Opfers der Zeitschrift «L’illustré». Zwar sei das gesamte Umfeld vom Gegenteil überzeugt gewesen. «Aber die Polizei wollte keine Vermisstmeldung über die Medien verbreiten.»

Nur 2,8 Prozent aller Fälle werden verbreitet

Die Bevölkerung blieb aussen vor, konnte keine Hinweise liefern. So wie in Tausenden von anderen Fällen auch. Nationale Zahlen zu vermissten Personen gibt es nicht. Auf eine Umfrage der SonntagsZeitung gaben aber 13 Kantone aktuelle Daten an. Sie zeigen, dass allein dort im letzten Jahr 3354 Personen als vermisst gemeldet wurden.

Aushilfspfarrer Krzysztof Grzywocz etwa ist seit einem Gottesdienst in Betten VS unauffindbar. Die 90-jährige Marie Brosi wurde zuletzt im April an ihrem Wohnort in Altstätten St. Gallen gesichtet. Und Marco Favre kehrte nach einem Kurzurlaub nicht in eine sozialtherapeutische Einrichtung in Windisch AG zurück.

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Rechnet man die Daten der 13 Kantone auf die gesamte Schweiz hoch, ergibt das rund 4700 Vermisste in einem Jahr – das sind knapp 13 pro Tag. Vergleichsweise klein fällt die Zahl der öffentlichen Fahndungen aus. Lediglich in2,8 Prozent aller Fälle ersuchten die Behörden die Bürger um Mithilfe.

Genf zählt mit Abstand die meisten Vermissten

Die Genfer Polizei äussert sich zum Fall Samantha nicht. Sicher ist, dass in keinem anderen Kanton mehr Menschen verschwinden. 1668 Vermisstmeldungen wurden 2017 eingereicht. «Das liegt daran, dass wir unser System in den letzten Jahren verbessert haben», sagt Sprecher Silvain Guillaume-Gentil. Institutionen wie Spitäler, Altersheime oder Schulen würden sich heute sofort melden, wenn eine Person unauffindbar sei. «Auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gross ist, dass die Betroffenen in wenigen Stunden von selbst zurückkehren.»

Ernsthaft einschreiten müsse man jährlich in ungefähr 450 Fällen. Doch auch dann wird die Öffentlichkeit nur selten um Mithilfe gebeten. Gerade einmal fünf Vermisstmeldungen hat Genf 2017 veröffentlicht. «Einerseits müssen wir vor einer Publikation immer genau abwägen, ob nicht der Persönlichkeitsschutz der Betroffenen höher zu gewichten ist», sagt Guillaume-Gentil. «Andererseits kann eine Öffentlichkeitsfahndung diese Person auch verängstigen, sodass sie sich noch weiter absetzt.» Schliesslich wolle man auch die Bevölkerung nicht überstrapazieren. «Wenn wir jeden Tag neue Meldungen publizieren, nimmt das irgendwann keiner mehr wahr.»

Auch andere Kantone betonen, dass jeder Fall einzeln beurteilt werden muss. «Da es sich um ein tägliches Phänomen handelt, haben wir eigene Spezialisten, die sich um Vermisstenfälle kümmern», sagt Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft. «Als Erstes sitzen sie immer mit den Angehörigen zusammen. Ohne deren Einverständnis gibt es keinen öffentlichen Suchlauf.»

Kopp: «Die Daten sind nicht mehr kontrollierbar»

Die Experten erläutern, was für oder gegen eine Medienmitteilung spricht. In den letzten Jahren kam ein wichtiges Argument hinzu, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen: «Gerade durch das Internet sind die Auswirkungen auf die Betroffenen enorm», erklärt Kopp. Ein Jugendlicher kann nach zwei Tagen unversehrt wieder zurück- kehren. «Bis dann wurde sein Name und sein Foto aber oft schon tausendfach auf sozialen Netzwerken geteilt, die Daten sind nicht mehr kontrollierbar.» Nicht selten bleiben sie für immer im Netz. «Und führen dann zu Problemen, zum Beispiel, wenn diese Person einen neuen Job sucht.»

Es gibt aber auch Kriterien, die für eine Öffentlichkeitsfahndung sprechen. «Die Veröffentlichung eines Aufrufs wird insbesondere bei gebrechlichen, betagten, verwirrten oder medikamentenabhängigen Menschen angestrebt», sagt Jolanda Egger von der Berner Kantonspolizei. Auch bei extremer Kälte beziehe man die Öffentlichkeit eher mit ein. «Und natürlich wenn der Verdacht auf ein Verbrechen besteht.» Schliesslich ist das Alter der Gesuchten entscheidend. Egger: «Bei erwachsenen, mündigen Personen sind wir sehr zurückhaltend mit öffentlichen Vermisstmeldungen. Es gilt zu beachten, dass diese auch aus freiem Willen verschwinden können.» Anders ist es bei vermissten Kindern, bei denen man die Öffentlichkeit viel schneller beiziehe.

Grosser Anteil der Vermissten sind noch Kinder

Die Zahlen aus den Kantonen belegen, wie oft Minderjährige betroffen sind. In Basel-Stadt und Freiburg lag der Anteil der Kinder im letzten Jahr bei 44 Prozent, in Waadt und Obwalden war mehr als die Hälfte aller Vermissten unter 18 Jahren.

Im Kanton Tessin war diese Quote mit 42 Prozent ebenfalls relativ hoch. Kein anderer Kanton setzte 2017 mehr öffentliche Aufrufe ab. Bei insgesamt 83 Fällen informierte man die Öffentlichkeit 33- mal. Und hatte Erfolg: «Einer der jüngsten Fälle, in denen die Intervention der Bevölkerung entscheidend war, betraf zwei Minderjährige, die von zu Hause geflohen waren», sagt Polizeisprecher Renato Pizolli. «Ein Lehrer hatte sie in der Nähe eines Bahnhofs bemerkt, hielt sie zurück und rief die Polizei, die sie dann zu ihren Eltern zurückbrachte.»

Nur zwei Vermisste blieben im Tessin bis zum Jahresende unauffindbar. Allerdings weisen auch Kantone mit weniger öffentlichen Aufrufen gute Quoten auf. In Zürich konnten letztes Jahr 15 Personen nicht gefunden werden, in Basel-Stadt deren zwei. Und auch in Genf blieben nur drei Vermisste verschollen. Die restlichen 1665 konnten dort gefunden werden – jedoch waren elf von ihnen zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

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