Die primitivste Band der Schweiz

Knöppel singen Songs über das Masturbieren – und sind das Schweizer Rock-Phänomen der Stunde.

Ursprünglich wollten sie alle Roger Knöppel heissen: Knöppel mit Daniel «Midi» Mittag (M.), Marc Jenny und René Zosso (r.). Foto: Ephraim Bieri

Ursprünglich wollten sie alle Roger Knöppel heissen: Knöppel mit Daniel «Midi» Mittag (M.), Marc Jenny und René Zosso (r.). Foto: Ephraim Bieri

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Hier flucht einer. Lässt Dampf ab. Er schreit so, als wäre er ein 12-jähriger Rüpel auf einem Ostschweizer Pausenplatz. Aber er wettert in seinem breiten Dialekt nicht gegen die Lehrer. Alles, was ihn beschäftigt, ist das männliche Geschlechtsorgan. «Da heisst nöd Schwanz / Da heisst nöd Schniedel / Nöd Nudle nöd Nille nöd Schwengel nöd Lümmel / Nöd Pinsel. Da heisst Glied, Glied, afach Glied», schreits mit greller Stimme raus, dazu spielt die Band primitiven Rock ’n’ Roll.

In welche Welt sind wir denn hier hineingeraten? Es ist nur der Anfang des zweiten ­Albums der Band Knöppel, mit «Faszination Glied» betitelt. Doch das ist kein Laus­bubenstreich einer lausigen Feierabendband, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielt. Vielmehr ist Knöppel das Schweizer Rock-Phänomen der Stunde.

Das Deutschschweizer Publikum grölt mit, wenn die Band um Sänger und Gitarrist Daniel «Midi» Mittag ihre Mundartsongs übers Masturbieren und eben das Glied rausschreit. Ihr Lied «Prada» (Refrainzeile: «De chaufi halt Prada, ihr Wichser / I cha au andersch, ihr Wichser) wurde 2018 zur Überraschung aller in einem Voting von SRF 3 zum besten Schweizer Rocksong der Geschichte gewählt. Und in diesem Jahr spielte Knöppel auf der Hauptbühne des Open Airs St. Gallen.

«Wir pflegen bloss die Rüpelhaftigkeit»

Aber man muss dann doch fragen, als Spassbremse gewissermassen: Was sollen diese Masturbationssongs überhaupt, nach #MeToo und Diskussionen über toxische Männlichkeit? «Knöppel ist vorpubertär und steht ausserhalb dieser Debatte», antwortet Daniel Mittag in einem Tea Room seines Wohnorts Freiburg. «Ich persönlich finde Knöppel harmlos. Wir sind eigentlich nie schlüpfrig, wir pflegen bloss die Rüpelhaftigkeit.» Diese vermisst der gebürtige St. Galler in seinem überkorrekten Umfeld – «da springen wir natürlich gerne in die Bresche.»

Mittag zelebriert dieses Rüpeltum, seit er vor über zwanzig Jahren unter dem Künstlernamen Jack Stoiker die Schweizer Musiklandschaft aufmischte. Er schrieb damals ein paar absichtlich schlechte Songs für ein Festival eines Freundes, das sich «Ziemlich-mies-Festival» nannte. Mittag traf mit seiner Anti-Rockstar-Figur – diesem «Bob Dylan für Arme» – einen Nerv. Seine Songs wurden zum «Hüüler» in den Studenten-WGs. Es waren Songs wie «Wa chönd d’Vögel deför?» oder «Riichi chönd au nett sii». Und es war ein Lied wie «Uf em Liintuech», das zu Stoikers erstem Hit wurde. Es war eine Adaption des Elvis-Schlagers «In the Ghetto» über einen masturbierenden Buben namens Kevin. Mittag wusste also, dass es funktionieren kann mit Liedern zum Thema – auch weil er die erfolgreiche Funpunk-Vergangenheit von Bands wie den Ärzten im Hinterkopf hatte.

Es dauerte aber seine Zeit, auch weil Mittag jahrelang keine Musik mehr machte. «Ich musste Fuss fassen in der Berufswelt und mein eigenes Geld verdienen» – nachdem er sein Biochemie-Studium versifft habe. Er erzählt von seiner «Yuppie-Phase», in der er «mal ä chli lädälä» konnte. Und es kamen auch noch die Kinder, und eine Familie sei ja nicht gratis zu haben.

Dampf ablassen, auch wenn gar keine Wut vorhanden ist

Erst 2017 erschien das erste ­Album von Knöppel, der Band, die Mittag gemeinsam mit dem Schlagzeuger René Zosso und dem Bassisten Marc Jenny betreibt. Das Debüt «Hey Wichsers!» wurde zu einer Konzeptplatte, in doppelter Hinsicht: «Ich wollte eine Fluch-Motherfuck-Platte auf Schweizerdeutsch machen. Und ‹Wichser› war das geilste Wort. So bin ich dann halt in der Masturbationsecke gelandet», erzählt Mittag, der sein Geld heute als Wirtschaftsinformatiker verdient.

Zu diesem Schweizer Büroalltag ist Knöppel das Gegengift. «Bei Rock ’n’ Roll gehts ums Dampfablassen», sagt Mittag. Um die Wut auch, selbst dann, wenn gar keine konkrete Wut vorhanden ist. Er sagt: «Wer Rock ’n’ Roll bierernst betreibt, hat ihn nicht ganz verstanden.» Und nennt auch die befreiende Wirkung, die er einst an einem Motörhead-Konzert gespürt habe, die zwar «chübleten wie die Sau», aber nie aggressiv spielten.

Wer sich die neuen Songs auf «Faszination Glied» anhört, spürt diese Vorbilder. Und man hört dann auch viel mehr als nur vorpubertäre Aufzeichnungen eines Wutbürgers, der seine Tiraden einmal auch gegen den innig gehassten Senf richtet. Oder in «I tenk bim Wichse a’s Wichse» nicht übers Masturbieren, sondern die Pflege des Wohnungs­bodens singt.

Es steckt auch eine gehörige Portion Heimweh nach der Ostschweiz drin, nach St. Gallen, das er für das Studium fluchtartig verliess. Nach den Leuten, die etwas borstiger wirken, so Mittag, «und gleichzeitig ehrlich und nett sind, wenn man sich an den Stallgeruch gewöhnt hat». Er singt dann ein Lied wie «Miis Herz isch en Prolet», in dem diese Sehnsucht nach einer Working-Class-Kultur zum Vorschein kommt. «Alles, was mich kulturell interessiert, stammt aus der Arbeiterkultur: Fussball, Rock ’n’ Roll.» Oper, Ballett und Theater? Gibts bei ihm nicht. Knöppel sind gewissermassen der Gegenentwurf zu jener Welt, den die Büetzer Buebe und andere Heimatselige in ihren Songs besingen.

Die Linken regen ihn inzwischen genauso auf wie die Rechten

Kann man denn Knöppel vor diesem Hintergrund auch politisch lesen? «Ursprünglich wollte ich ja, dass alle Bandmitglieder Roger Knöppel heissen. Aber schnell wurde mir klar, dass ich mit Knöppel – anders als mit Jack Stoiker – ausdrücklich nicht mehr vor einem linken Publikum spielen möchte.» Mittag, der Mitglied bei den Freiburger Grünen ist, ergänzt: «Knöppel ist eh nicht politisch. Ich selber habe schon länger kein politisches Statement mehr abgegeben, weil ich es nicht zwingend finde. Und weil mich unterdessen das eigene Lager genauso aufregt wie das gegnerische.» Warum? «Ich bin noch einer dieser Genossenschaftsbeiz-Linken. Und ich habe das Gefühl, dass das Bildungsbürgertum linke Paradigmen integriert hat. Es ist aber immer noch das Bildungsbürgertum. Das führt zur paradoxen Situation, dass sich jene, gegen die ich früher gewesen bin – in St. Gallen war das der katholische Spassbremsenblock von der CVP –, in einen fortschrittlich-aufgeklärten Spassbremsenblock verwandelt haben. Da fühle ich mich nicht daheim.»

Die Songs von Knöppel bieten aus diesen Diskussionen eine Flucht ins Sinnentleerte. Obwohl Mittag schaut, dass er dann und wann etwas Tiefsinnigeres einwebt. Oder doch nicht? Bevor seine beiden Bandkollegen zum Fototermin erscheinen, scrollt er die Liste der Songs des neuen Albums durch. «Vorne isch, wo’s Glied isch»? Immerhin findet sich da ein Wort wie «männerdominiert». «Immer voll i d'Eier», in dem ein Bub auf dem Pausenplatz gequält wird? «Von Mobbing-Thematik zu reden, wäre ein wenig aufgesetzt», sagt er. Aber immerhin gehts ganz zum Schluss um den Tod. Da fordert der Sänger einen Stehplatz im Himmel, ganz so, wie er es im Fussballstadion auch am liebsten hat.

Das muss aber reichen an tieferer Bedeutung. Mittag sagt: «Viel mehr will ich nicht. Man will ja auch nicht nerven.»

«Faszination Glied» von Knöppel erscheint am 20. September, gleichzeitig mit dem Live-Album «Moorge» von Jack Stoiker



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Erstellt: 14.09.2019, 18:53 Uhr

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