Die Profiteure des Swissair-Groundings

16 Jahre nach dem Aus der Swissair sind die Aktien des Flughafens Zürich auf Rekordhoch. Auch wegen der Mithilfe des Staates.

Haben rechtzeitig investiert: Ex-CEO Josef Felder (l.) und  Financier Martin Ebner. Nicht so Andreas Schmid (M.), Flughafenpräsident seit der Privatisierung. Foto: Reto Oeschger, René Ruis, PD

Haben rechtzeitig investiert: Ex-CEO Josef Felder (l.) und Financier Martin Ebner. Nicht so Andreas Schmid (M.), Flughafenpräsident seit der Privatisierung. Foto: Reto Oeschger, René Ruis, PD

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«Es gibt da eine Bauernregel, die besagt, wenn etwas sehr gering geschätzt wird, ist es am meisten wert.» Nun, die Regel lässt sich zwar nirgends finden, aber den Spruch gemacht hat auch kein Bauer, sondern Financier Martin Ebner. Gemeint war auch keine Kuh, sondern der Flughafen Zürich. Gescholten, beschimpft und mit Klagen überzogen ist er wegen des vielen Lärms, den er verursacht, aber um sagenhafte 1111 Prozent sind seine Aktien seit dem Swissair-Grounding vor 16 Jahren gestiegen.

Dabei sah es ganz düster aus. Denn nicht nur ging der Unique, so hiess die Betreibergesellschaft des Flughafens nach der Privatisierung, der wichtigste Kunde verloren. Auch die Nachfolgegesellschaft Swiss schrumpfte erst einmal massiv, und vor allem: Deutschland forderte einen Wechsel im Anflugsystem. Weg vom Anflug über deutsches Gebiet, hin zu den verhassten Südanflügen. Zwei ausgehandelte Staatsverträge mit Deutschland, die das Problem regeln sollten, schafften es nicht durch die Parlamente.

Bei der Beerdigung des ersten Vertrags waren der Flughafen selber und der Kanton Zürich massgeblich mitbeteiligt, wie eine kürzlich durch den «Tages-Anzeiger» öffentlich gemachte Dissertation zeigte. Grund für das damalige Scheitern war eine völlige Fehleinschätzung der rechtlichen Situation. Die damalige Führung im Zürcher Regierungsrat und auch im Management des Flughafens glaubte, man könne die Restriktionen mit Klagen vor deutschen Gerichten rasch wieder loswerden.

Als klar wurde, dass das nicht gelingt, sahen viele den Flughafen vor dem Aus. «Für mich ist der Zürcher Flughafen ein zweites Kaiseraugst» – also ein gescheitertes Projekt –, sagte Christoph Blocher, Martin Ebners Geschäftsfreund, im Jahr 2003.

Es war das Investment seines Lebens

Einer glaubte es nicht: Josef Felder, damals CEO des Flughafens und ehemaliger Händler bei Rohstoff-Tycoon Marc Rich. Er wettete auf sein Unternehmen und liess sich zusätzlich zur üblichen Entschädigung nochmals 25 Prozent seines Bonus in Aktien anrechnen. Dafür musste er sich verpflichten, weitere vier Jahre zu bleiben. Als Einziger in der Geschäftsleitung ging er auf das Angebot ein. Im Gegensatz zu seinem Chef, ­VR-Präsident Andreas Schmid, der nie mehr als vier Flughafen-Aktien besass. Es war das Investment seines Lebens: Aus 75'000 Franken wurden 1,5 Millionen. Felder ging 2008 als reicher Mann in Frührente. Nicht primär wegen seines Lohns von rund einer halben Million Franken, sondern wegen der Aktien, die er jährlich als Bonus erhielt und deren Wert sich verzwanzigfachte. Die 21'518 Aktien, die er schon bis Ende 2006 aus den Boni zusammengespart hatte, waren bereits 8 Millionen Franken wert. Einen Teil davon hat er damals verkauft und für 2,8 Millionen Franken der Stadt Zürich das Schloss Oetlishausen abgekauft.


Video: Der frühere Präsident und CEO der Swissair

Der frühere Präsident und CEO der Swissair. (Video: Tagesanzeiger.ch/Newsnet)


Noch besser erging es dem bauern­schlauen Martin Ebner mit dem Flughafen. Er, der Mitte 2002 nur dank der Hilfe seiner Freunde, darunter Christoph Blocher und die Zürcher Kantonalbank, knapp dem Konkurs entging, setzte 2005 voll auf den strauchelnden Flughafen. Knapp 5 Prozent der Aktien soll er gekauft haben. Genau wurde es nie ausgewiesen, aber schon ein Jahr später war er 21 Millionen Franken reicher. Wenn er die Aktien noch hat, ist er bis heute mit 150 Millionen im Plus. Nun ist Felder sicher ein guter Krisenmanager und Ebner ein begnadeter Investor. Aber einfach so kamen die Riesengewinne nicht zustande. Geholfen hat die damalige Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer. Sie befreite den Flughafen von der Konkursgefahr, indem sie den Kanton dazu verpflichtete, Lärmklagen von mehr als 1,1 Milliarden Franken zu übernehmen.

«Es war ja klar, dass der Staat einspringt»

Ebner sagte später: «Dass der Flughafen wegen seiner volkswirtschaftlichen Bedeutung vom Kanton Zürich nicht fallen gelassen wird, war immer klar.» Dass die Rettung von einer SVP-Regierungsrätin kam, die mit dem Segen Blochers sogar Bundesratskandidatin wurde, war vielleicht Zufall. Geholfen hat es jedenfalls.

Damit ist die Erfolgsgeschichte des Flughafens nicht vorbei. Denn immerhin hat sich der Aktienkurs des Flughafens seither noch einmal verdoppelt. Auch das geschah unter Mithilfe des Staates. Denn der hat alles Interesse am Prosperieren des Flughafens. Immerhin ist der Kanton Zürich mit einem Drittel der Aktien grösster Aktionär. Dementsprechend wurden alle Lärmklagen im Kanton Zürich abgelehnt und bis auf die Stufe Bundesgericht verwiesen. Das bedeutete für die Anwohner im Süden und im Norden ein jahrelang zermürbender Rechtsstreit, der grösstenteils bis heute ungelöst ist.

In der Zwischenzeit konnte sich der Flughafen ungestört zu einem Immobilienkonzern entwickeln, begünstigt zusätzlich durch das extrem günstige Zinsumfeld. Verantwortlicher Manager hier: Thomas Kern. Auch er erhielt als Nachfolger Felders immer einen Teil seines Bonus in Aktien ausbezahlt. Am Ende seiner Amtszeit kam er auf einen Wert von 1,5 Millionen Franken. Wenn er sie bis heute behalten hat, wozu er grösstenteils eigentlich verpflichtet ist, hat sich der Wert knapp verdoppelt.

Mehr als entschädigt für die Swissair-Pleite

Der grösste Profiteur ist der Kanton Zürich. Immerhin ist sein Investment seit dem Börsengang des Flughafens, der an der Schwelle zum neuen Jahrtausend stattfand, doppelt so viel wert, nämlich 2,2 Milliarden Franken. Mehr als eine Milliarde Wertzuwachs also, trotz Grounding und verlorenem Verhandlungspoker mit Deutschland. Damit ist der Kanton Zürich mehr als entschädigt für die Pleite der Swissair.

Die Zukunft des Flughafens ist heute nur noch durch das Zürcher Stimmvolk eingeschränkt. Bewilligt es keine neue Piste, dann ist das Wachstum des Flughafens beschränkt. Und somit wohl auch ein weiterer Wertzuwachs für deren Aktien.

Bilder: Der Untergang der Swissair

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.10.2017, 21:22 Uhr

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