Sie sind die einflussreichsten Figuren der Musikbranche

Die Playlist-Kuratoren von Streamingdiensten wie Spotify bestimmen, welche Musik die Welt hört. Wie tun sie das genau?

Ein Liebling der Streamingdienste: Post Malone. Foto: Getty Images

Ein Liebling der Streamingdienste: Post Malone. Foto: Getty Images

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Es herrscht die schiere Ratlosigkeit. Der Mann, ein Musikredaktor bei einer kleinen deutschen Radiostation, ist unter den letzten drei Kandidaten, die sich um einen Job als Musikexperte bei Spotify beworben haben. Und nun das. Die letzte Aufgabe, das Meisterstück, sozusagen: Spotify verlange von ihm, eine Playlist für die Fans von Schlagerstar Andrea Berg zu erstellen, erzählt er mit einem Gesicht, als habe er gerade in eine Zitrone gebissen.

Der Bewerber beginnt im Schlagermilieu zu recherchieren, erstellt ungefähre soziokulturelle Studien über die musikalische Risikobereitschaft des Andrea-Berg-Zirkels, mengt in seine Liste viel Bewährtes und ein wenig Experimentelles. Doch es hilft alles nichts. Er bekommt den Job nicht. Und nach dieser nervenaufreibenden Schlussaufgabe ist ihm das auch gar nicht mehr so unrecht, wie er verrät.

Es ist ein relativ neuer Berufsstand im Musikbusiness. Doch innert kürzester Zeit sind die Playlist-Kuratoren der grossen Streamingdienste zu den begehrtesten Playern der Branche arriviert. Sie bestimmen letztlich, welche Musik die Welt zu hören bekommt. Dementsprechend wollen alle etwas von ihnen: die Plattenfirmen, die Promo-Agenturen, die digitalen Vertriebe, die Musikhörer – und ganz besonders die Musiker selbst. Denn von den Kuratoren hängt es heutzutage ab, ob eine Künstlerkarriere in Gedeih oder Verderb mündet.

Streamingzahlen sind die neue Währung der Musiker

Wer es auf keine Liste der grossen ­Streaminganbieter schafft, dem droht ein Dasein in der popmusikalischen Bedeutungslosigkeit. Seit das Streaming zum wichtigsten Musikmedium geworden ist, gelten die dort erhobenen Zahlen als die neue Währung des Musikers. Zwar sind seine Margen aus einem einzelnen gehörten Song noch immer marginal, doch wer keine anständigen ­Hörerzahlen auf Spotify ausweisen kann, der wird weder in Clubs noch an Festivals gebucht. Für viele Veranstalter ist das ein nicht ganz zuverlässiger, aber doch wesentlicher Erfolgsindikator geworden.

Als Musiker oder Promo-Beauftragter die Aufmerksamkeit eines Kurators von Spotify, Apple, Deezer, Amazon, Google oder Tidal zu erlangen, ist gar nicht so einfach. Aufgrund ihres Begehrtheitsgrades fristen sie ein Leben in der Anonymität. Exponiert sich jemand zu sehr, droht er im Sturm an Anfragen unterzugehen. Kaum jemand kennt ihre Namen oder E-Mail-Adressen, an Musikmessen akkreditieren sie sich meist inkognito.

Der Marktführer Spotify hat 150 Kuratoren angestellt, die sich um 4500 Playlists kümmern. Weitere 4000 Playlists werden über sogenannte Algorithmen erstellt, also quasi mittels Hochrechnungen, was den Konsumenten aufgrund gesammelter Daten gefallen könnte. Die Follower-Zahl aller Spotify-Listen beläuft sich derzeit auf stolze 1,2 Milliarden Musikhörer, die Wirkungsmacht ist also gewaltig.

Gekaufte Streams und Follower

Und wo viel Macht ist, entwickelt sich auch flugs ein Markt, der diese Macht ein wenig zu manipulieren trachtet. So kann man sich Spotify-Streams und -Follower längst im 100er- bis 250'000er-Pack kaufen (100'000 Spotify-Plays kosten derzeit 285 Dollar, 1000 Follower kriegt man für 250 Dollar). Wer erwischt wird, läuft indes Gefahr, von der Streamingplattform geschmissen zu werden.

Trotzdem wird vermutet, dass sich nicht wenige Bands für diesen Weg entschieden haben. Mittlerweile gibt es auch zahlreiche Promo-Agenturen, die versprechen, Einfluss auf die neuen ­Gatekeeper der Musik zu haben und die Titel auf Spotify-Listen bringen zu können. Wie gross deren Einfluss tatsächlich ist, ist noch nicht erwiesen.

Ausserdem können Bands und Labels ihre prioritären Songs pitchen, das heisst, dass sie den Kuratoren automatisch unterbreitet werden. Doch auch hier wird die Flut von Anfragen gewaltig sein.

Über Erfolg und Misserfolg entscheiden die Nutzer

Wer glaubt, ein Kurator könne seine Listen einzig nach dem Lustprinzip programmieren, irrt. Das zeigt nicht nur die einleitende Bewerbungs-Episode. Denn offenbar ist der eigene Musikgeschmack nur einer von vielen Indikatoren. Die Kuratoren müssen auch Listen bespielen, die ihnen stilistisch weniger liegen. Und Spotify richtet auf Anfrage aus, dass auch die redaktionell erstellten Listen täglich dem Massengeschmack angepasst würden: «Unsere Streamingdaten zeigen, was den Hörern gefällt und was nicht.»

Über Erfolg und Misserfolg entscheiden also letztendlich die Nutzer mit ihrem Hörverhalten. Das heisst: Ein Song, der nach wenigen Sekunden weggeklickt oder von den Hörern selten auf eine persönliche Playlist übertragen wird, kann sich nur kurz in einer offiziellen Playlist halten. Und ein Kurator, der Listen programmiert, die niemand hören will, wird nicht lange angestellt bleiben.

Erstellt: 19.03.2019, 19:27 Uhr

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