Die Reitschule ist ein Hotspot der Kriminalität

Polizeiberichte zeigen erstmals ein systematisches Bild der Gewalt rund um das Berner Kulturzentrum.

Im vergangenen Jahr hinderten die Chaoten der Reitschule die Polizei 120-mal daran, ihrer Arbeit nachzugehen. Foto: Jürg Spori

Im vergangenen Jahr hinderten die Chaoten der Reitschule die Polizei 120-mal daran, ihrer Arbeit nachzugehen. Foto: Jürg Spori

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Nach Mitternacht brannten in Bern Barrikaden, Autos und Fahrräder. ­Vermummte Personen griffen die Polizisten mit Flaschen und Steinen an. Die Einsatzkräfte setzten Tränengas und Gummigeschosse ein. Zehn Polizistinnen und Polizisten wurden an dem Abend verletzt. «Heute war unsere Wut so gross, dass sich die Polizei mehrmals zurückziehen musste», teilte das linksautonome Kollektiv «Bezugsgruppe Rhabarber» später mit.

In jener Nacht vom 18. auf den 19. Mai eskalierte die Situation um die Berner Reitschule. Diese Zeitung hat mit dem Öffentlichkeitsgesetz Einsicht in die Polizeiberichte der vergangenen zwei Jahre rund um das alternative Kulturzentrum erhalten. Aufgelistet sind Vorgänge in der Reitschule selber, auf dem Vorplatz und in der benachbarten Schützenmatte.

Die Zahlen für das Jahr 2018 zeigen, dass die Reitschule zu einem Hotspot der Kriminalität geworden ist: 710-mal hielt die Polizei Personen an, 326 Menschen wurden festgenommen, 290 Vermögensdelikte registrierte die Polizei – also Raub, Taschendiebstahl oder Entreissdiebstahl. 481-mal haben Personen gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen. Dabei wurden 1150 Gramm Cannabis, 670 Gramm Kokain und 20 Gramm Heroin sichergestellt.

Chaoten greifen Polizisten mit Feuerwerken an

In 120 Fällen wurden Polizisten daran gehindert, ihrer Arbeit nachzugehen. Im gleichen Zeitraum wurde gemäss Polizeistatistik in der gesamten Stadt Bern insgesamt 228-mal eine «Hinderung einer Amtshandlung» registriert. Über die Hälfte dieser Fälle betreffen also die Reitschule.

Wie viele Besucher die Reitschule, zu der unter anderem das Konzertlokal Dachstock, das Restaurant Sous Le Pont, ein Theater und ein Kino gehören, jährlich anzieht, ist unklar. Die ­Mediengruppe der Reitschule konnte dazu «keine sinnvollen Angaben» machen, da für die meisten Veranstaltungen keine Tickets verkauft würden.

Die Berichte zeigen auch auf, wie systematisch gewaltbereite Chaoten die Polizei bekämpfen. Offiziell grenzen sich die Betreiber der Reitschule von jeglicher Gewalt ab. Trotzdem können sich vermummte Störenfriede immer wieder in die Reitschule zurückziehen, wo sie das grosse Tor, das den Vorplatz von der Reitschule trennt, abschliessen und sich so vor dem Zugriff der Polizei schützen können. «Die Polizei wägt in solchen Fällen ab: Lohnt es sich, sich Zutritt zur Reitschule zu verschaffen?», sagt ein Berner Polizist, der regelmässig in der Reitschule im Einsatz ist. Einen Kleindealer würde man auch mal springen lassen.

Berichte wechseln die Systematik

Mehrmals haben die Chaoten auch Polizeibeamte angegriffen. So am 30. November 2017. Mehrere Afrikaner, von der Polizei des Drogenhandels verdächtigt, flüchteten in die Reitschule. Vom Balkon des Dachstocks aus wurde die Polizei zunächst mit Wasser­ballons beworfen – und danach mit Feuerwerk.

Am 1. September 2018 beschimpften Chaoten Dialogteams der Polizei und drängten diese unter Gewaltandrohung zurück. Sie bewarfen Polizisten, die zur Unterstützung herbeigerufen wurden, mit Flaschen und Steinen. Zwei Beamte erlitten ein Knall­trauma und mussten ins Spital eingeliefert werden. Einer wies ein Hämatom auf. «In der Regel sind es 15 bis 20 Vermummte, die Mitglieder des Polizeikorps angreifen», sagt der Polizist. Sie seien meist zwischen 16 und 25 Jahre alt. Es handle sich überwiegend um junge Männer, aber auch gewaltbereite Frauen seien bekannt. «Gegen solche Angriffe kann man sich nicht vorbereiten», sagt der Polizist. Er habe Kollegen aus dem Korps, die wegen der Angriffe unter Gehörschäden leiden. «Man beisst sich durch», sagt er.

Ein Vergleich zwischen 2018 und dem Vorjahr ist schwierig, da die Berichte nicht dieselbe Systematik haben. Die Zahlen deuten aber daraufhin, dass die Gewalt leicht angestiegen ist. Die Polizei hat rund um die Reitschule 2018 etwa 120 Menschen mehr angehalten als noch 2017 (589). Rapportiert sind 12 Angriffe auf Polizisten (2017: 10) und 20 Körperverletzungen (2017: 18).

Stadt Bern hält an ­Subventionen fest

Die Mediengruppe Reitschule weist die Polizeiberichte zurück. Die Kantonspolizei Bern würde sich seit längerem «wie ein politischer Akteur» verhalten und habe in der Vergangenheit nachweislich Falschbehauptungen kommuniziert. Ausserdem sei die ­Reitschule nicht alleine verantwortlich für die Vorgänge in ihrem Perimeter. «In diesem Grossraum befinden sich zahlreiche Kulturbetriebe, und es halten sich wöchentlich mehrere Tausend Personen darin auf.»

«Die Kantonspolizei vermischt in ihren Berichten alle Ereignisse dieses Areals und schiebt der Reitschule die Hauptverantwortung zu», so die Mediengruppe. «Die Reitschule ist als Kulturzentrum nicht zuständig für alle sozialen Herausforderungen dieses von der Stadtpolitik sträflich vernachlässigten Brennpunktes». Das Dokument beurteile man deshalb als «einseitig» und «nicht objektiv».

Stadtpräsident Alec von Graffenried äusserte sich nach den Ausschreitungen im Mai noch kritisch zur Reitschule. Aktuell verhandelt die Stadt Bern mit der Reitschule über einen neuen ­Leistungsvertrag. Änderungen an den wichtigen Eckpunkten sind nicht vorgesehen, wie Walter Langenegger, Sprecher der Stadt Bern, sagt. Die Reitschule wird also weiter mit einem Betrag von 380 000 Franken pro Jahr subventioniert. Diese kulante Haltung dürfte die Bezugsgruppe Rhabarber freuen. Sie teilt mit: «Die Kraft und Energie, die wir heute erfahren haben, werden wir in ­unsere zukünftigen Kämpfe tragen.»



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Erstellt: 15.06.2019, 21:37 Uhr

Sicherheitsdirektor Nause: «Die randalieren am Samstagabend und gehen am Montag wieder zur Arbeit»

Erst kürzlich gab es eine Strassenschlacht zwischen Chaoten und Polizisten. Wie schlimm ist die Situation um die Reitschule?
Es gibt im Reitschule-Umfeld 40 bis 60 gewaltbereite Linksextremisten. Angriffe auf Polizisten gab es schon immer. Die Quantität der Angriffe hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Neu ist deren Qualität.

Was meinen Sie damit?
Die Gewaltbereitschaft hat zu­genommen. Zum einen verbal, mit dieser «Kill more cops»-Rhetorik. Zum anderen physisch. Angriffe mit Laserpointern. Böller, die Gehörschäden verursachen. Steine und Feuerwerkskörper, die vom Reitschule-Dach gezielt auf die Köpfe der Polizeibeamten geworfen ­werden.

Wieso nimmt die Polizei nicht einfach eine Hausdurchsuchung vor?
Die müsste zunächst ein Richter bewilligen. Das ist schwierig.

Es bleibt der Eindruck, dass die Berner Polizei die gewaltbereiten Chaoten gewähren lässt.
Ich verstehe nicht, wie Sie der ­Berner Polizei einen Vorwurf machen können. Sie macht ihren Job, obwohl sie attackiert und in ihrer Arbeit behindert wird. Das Problem liegt bei der ­Justiz, nicht bei der Polizei.

Erklären Sie bitte.
Der rechtsradikale Fussball-Hooligan Stefan N., der für zwei Spielabbrüche von GC verantwortlich war, musste in Untersuchungshaft. In meinen 10 Jahren als Sicherheitsdirektor wurde nie ein linksextremer Gewalttäter in Untersuchungshaft gebracht. Die randalieren am Samstagabend und gehen am Montag wieder zur Arbeit.

Was läuft falsch?
Es gibt zwei Gesetzes­lücken: Das Bundesüberwachungsgesetz erlaubt es, Terroristen zu überwachen, nicht aber gewaltbereite Linksextreme. Ausserdem sind die Strafen für Gewalt und Drohung gegen Beamte lächerlich tief. Da werden meistens nur bedingte Geldstrafen ausgesprochen. Eine Verschärfung der Strafnorm wäre angezeigt, wurde vom Parlament aber abgelehnt.

Die Reitschule pocht auf Autonomie. Wieso kann sie das Gewaltproblem nicht selber lösen?
Die Reitschule spricht immer von Basisdemokratie, die bei ihr herrsche. In Wahrheit herrscht aber ein Einstimmigkeitsprinzip. Mein Eindruck ist, dass sich die Reitschule in Geiselhaft dieser gewalttätigen Extremisten befindet. Da kann ein Einziger sich querstellen und Lösungen verhindern. Ausserdem wenden sich die Vernünftigen von der Reitschule ab, weil sie bedroht werden.

Was ist mit dem hauseigenen Sicherheitsdienst?
Dieser wird intern als «Wellnessgruppe» bezeichnet. Unsere Forderung ist, dass dieser Sicherheitsdienst als solcher erkennbar ist und ­seine Aufgaben wahrnimmt. Bisher tut er dies meiner Einschätzung nach mangelhaft bis gar nicht. ­Zudem gibt es erhärtete Indizien dafür, dass ­einige seiner Mitglieder vorbestraft sind.

Seit Jahren werden in Bern dieselben Diskussionen rund um die Reitschule geführt. Ein Politikversagen, das es in anderen Städten so nicht gibt.
Das halte ich für absoluten Nonsens. In Zürich kommt es regelmässig zu ähnlichen Szenen. 2014 wurde die Europaallee verwüstet. Beim Bellevue wurden kürzlich Polizeiwagen attackiert. Die linksextreme Szene gibt es nicht nur in Bern. Im Unterschied zu anderen Städten ist die Reitschule aber an zentraler Lage, direkt beim Bahnhof Bern. Trotzdem unterstützt die Stadt die Reitschule finanziell. Dazu möchte ich mich nicht äussern, ich vertrete eine Minderheitsposition.

Wann waren Sie zuletzt an einem Anlass in der Reitschule?
Leider war ich schon seit geraumer Zeit an keinem Anlass mehr. Ich erhielt vor einigen Monaten auf dem Vorplatz der Reitschule relativ deutlich den Eindruck, dass ich dort nicht willkommen sei.

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