Die Revolte der Würde

Kolumnist Milo Rau über das Neue Testament und den Widerstand von Geflüchteten gegen ein ungerechtes System.

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Seit einiger Zeit bereite ich in Süditalien einen Jesus-Film vor. In Matera, wo Pasolini und Mel Gibson ihre grossen Bibelfilme gedreht haben, wird unser neuer Jesus noch einmal verurteilt und gekreuzigt werden. In Rom schliesslich wird er auferstehen, an der Seite von Schauspielern aus Gibsons und Pasolinis Filmen. Gespielt wird der Sohn Gottes von Yvan Sagnet, einem ehemaligen Farmarbeiter und Aktivsten aus Kamerun. Seine Apostelinnen und Apostel sind Kleinbauern, Flüchtlinge, Sexarbeiterinnen: die Opfer der Globalisierung.

Doch aus Opfern werden in unserem Film Revolutionäre. Vor ein paar Tagen haben Yvan Sagnet und seine Apostel parallel zu den Filmdrehs in Matera die «Rivolta della Dignità», die «Revolte der Würde», ins Leben gerufen. Das Neuartige daran: Es spannen italienische und ausländische Farmarbeiter zusammen, denn die Ausbeutung ist die gleiche für alle. Unterstützt werden die etwa dreissig Bauern- und Migrantenorganisationen von internationalen Partnern. Es ist, so hoffen wir, die Geburt einer weltweiten Bewegung für die Rechte und die Würde aller Menschen, über alle ideologischen und nationalen Zerwürfnisse hinweg.

Die Evangelisten widersprechen

Momentan sind unsere Ziele aber noch sehr lokal. Es geht darum, die Schliessung eines wilden Flüchtlingslagers in der Nähe von Matera zu verhindern – oder immerhin zu klären, wo die Menschen nach der Schliessung leben sollen. Das Datum der Auflösung des Lagers herauszufinden, ist unmöglich. Zum einen, weil es nach einem Brand von Salvini zum «nationalen Problem» erklärt wurde und der italienische Staatsapparat völlig spontan agiert. Zum ­anderen, weil die Migranten die Letzten sind, denen man die Schliessung mitteilen wird. Sie erfahren es, wenn sie deportiert werden. So wird jeder organisierte Widerstand verhindert.

Jeden Tag, von früh bis spät, organisieren Yvan Sagnet und seine Apostelinnen und Apostel also den Aufstand. Morgen Montag werden wir aus dem Lager in Richtung Matera marschieren, um noch einmal vor der Präfektur der Europäischen Kulturhauptstadt Gerechtigkeit zu fordern. Doch Widerstand kommt nicht nur von aussen, sondern auch von innerhalb der Lager. Dass die Flüchtlinge rechtlos sind, angewiesen auf absurde und sinnlose, aber grosszügig mit EU-Geldern ausgestattete ­Projekte, ist das Geschäftsmodell vieler NGOs (und natürlich der Mafia). Für sie ist Yvan ­Sagnet der Feind so wie einst Jesus für die Pharisäer.

Überhaupt eignet sich das Neue Testament ideal für einen Kampagnen-Film. Während im Alten Testament die allwissende Erzählperspektive vorherrscht, widersprechen sich die Evangelisten an manchen Stellen fundamental. Jesus wird nicht als unfehlbar, sondern als mal sanfter, mal aufbrausender, völlig widersprüchlicher Mensch dargestellt. Er ist ein Anführer, der von seinen Anhängern mal angetrieben, mal geleugnet wird – und am Ende sogar ­verraten. So wie jeder echte, jeder menschliche Revolutionär.



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Erstellt: 24.08.2019, 22:51 Uhr

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