Die Schweiz ist nur noch Mittelmass

Bei der Erwerbslosenquote sind wir auf Rang 18 abgerutscht. Da gibt es Länder, die viel besser als die Schweiz dastehen.

Die neu geschaffenen Jobs verlangen andere, ­höhere Qualifikationen als früher. Foto: Christoph Stulz

Die neu geschaffenen Jobs verlangen andere, ­höhere Qualifikationen als früher. Foto: Christoph Stulz

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Vor kurzem erregte eine ­Aktion des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums des Kantons Basel-Stadt Aufmerksamkeit. Es lud Arbeitslose zu einem Informationsanlass über Jobmöglichkeiten in Deutschland. «Wohnen in der Schweiz – Arbeiten als Grenzgänger in Deutschland» lautete die Einladung.

Schweizer sollen ennet der Grenze auf Arbeitssuche? Das kratzt am Stolz, schliesslich gilt die Schweiz als Beschäftigungswunder in einem von hoher Arbeitslosigkeit heimgesuchten Europa.

Doch das Selbstbild stimmt schon länger nicht mehr ganz mit der Wirklichkeit überein. Die Arbeitslosenquote, die das Staatssekretariat für Wirtschaft berechnet, ist mit 2,4 Prozent zwar ­beeindruckend niedrig. Und sie ist auf den tiefsten Stand der vergangenen zehn Jahre gesunken. Im April waren 107'298 Personen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren als arbeitslos erfasst. Das sind ein Drittel weniger als im Januar 2017. Der Schweizer Arbeitsmarkt scheint nah an der Vollbeschäftigung.

Die Schweiz fällt von Rang 5 auf Platz 18 zurück

Doch die wahre Arbeitslosigkeit ist deutlich höher. Denn das Staatssekretariat für Wirtschaft zählt nur die Personen, die bei den Arbeitsvermittlungszentren als arbeitslos registriert sind. Nicht erfasst sind Leute, die Arbeit suchen, ohne beim Arbeitsamt gemeldet zu sein – zum Beispiel Arbeitnehmer, die sich aus Scham nicht beim Arbeitsamt melden oder die Stellensuche frustriert aufgegeben haben. Nicht berücksichtigt sind auch jene Menschen, die nach der maximalen Bezugsdauer von Arbeitslosengeld ausgesteuert wurden – im vergangenen Jahr waren das mehr als 35'000 Personen.

In der Statistik ebenfalls nicht enthalten sind Jugendliche, die nicht lange genug gearbeitet haben, um Arbeitslosengelder zu beziehen, Selbstständige, die ihren Erwerb verloren haben, und Stellensuchende, die einem Zwischenverdienst ohne feste Anstellung nachgehen oder sich in einem Programm zur vorübergehenden Beschäftigung, in einer Weiterbildung oder einer Umschulung befinden.

Die lückenhafte Statistik ist für den internationalen Vergleich wenig geeignet. Dafür bevorzugen die Statistiker die Erwerbslosenquote. Diese weist die Arbeitslosigkeit anhand der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus, einer in Genf beheimateten Sonderorganisation der UNO. Dafür werden jährlich 130'000 Telefoninterviews bei der schweizerischen und der ausländischen ständigen Wohnbevölkerung durchgeführt. So werden auch Leute erfasst, die Arbeit suchen, ohne beim Arbeitsamt gemeldet zu sein. Diese Erwerbslosenquote nach ILO liegt bei 4,9 Prozent, wie das Bundesamt für Statistik am Donnerstag mitteilte. Damit kann die Schweiz im internationalen Vergleich nicht mehr glänzen.

Unter den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) landet die Schweiz gerade mal im Mittelfeld: auf Rang 18 von 36.

Sie ist weit zurückgefallen. Vor fünf Jahren lag sie noch auf Rang 5 der OECD-Länder. Nur Süd­korea, Norwegen, Japan und Mexiko wiesen damals eine tiefere Erwerbslosenquote aus. Es ist aber nicht so, dass die Quote hierzu­lande gestiegen wäre. Vielmehr haben die anderen Länder kräftig aufgeholt. Die durchschnittliche Erwerbslosenquote in der OECD sank seit 2014 von 7,6 auf 5,3 Prozent. Die Schweiz ist nur noch Mittelmass.

Etliche Länder stehen mitt­lerweile besser da, darunter Tschechien, Deutschland, Ungarn, die Niederlande, Polen und Gross­britannien. Sie alle konnten die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren stark senken. Auch ­Österreich hat die Schweiz überholt. Letztere stagniert, da der Strukturwandel Opfer verlangt.

Der starke Franken veranlasst die Unternehmen dazu, Stellen mit einfachen Anforderungen ins billigere Ausland zu verlegen. Schlecht qualifizierte Ältere sowie Ausländer mit ungenügender Ausbildung und ­Sprachkenntnissen haben nach einem Jobverlust zunehmend Probleme, wieder eine Stelle zu finden.

Zahl der Langzeitarbeitslosen ist stark gestiegen

Laut dem Basler Arbeitsmarktökonomen George Sheldon sind etwa 40 Prozent der Arbeitslosen niedrig qualifiziert. Für sie gibt es zunehmend weniger Arbeit. Zwar wurden in den vergangenen Jahren mehr Stellen geschaffen, als verschwunden sind. Aber die neuen Jobs verlangen ­andere, höhere Qualifikationen.

Sheldon, der einen Frühindikator für die Arbeitslosigkeit entwickelt hat, stellt fest, dass die Dauer der Arbeitslosigkeit zunimmt. Arbeitslose brauchen länger, um eine neue Stelle zu finden. In einer ­aktuellen Umfrage im Auftrag des Personaldienstleisters Robert Half gaben 60Prozent der Befragten an, dass es heute schwieriger sei als vor fünf Jahren, einen passenden Job zu ­finden.

Die sogenannte Sockelarbeitslosigkeit – der Anteil an Arbeitslosigkeit, der selbst bei Hochkonjunktur nicht mehr verschwindet – hat offensichtlich zugenommen. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die seit über einem Jahr keine ­Stelle haben, ist gemäss dem Bundesamt für Statistik auf über 90'000 gestiegen. Vor zehn Jahren waren es erst 54'000.

Am Mittwoch stellte der Bundesrat eine Palette von Massnahmen im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit vor. Das inländische Arbeitskräftepotenzial soll gefördert, ­ältere Arbeitnehmer besonders geschützt werden.

Obwohl die Schweiz innerhalb der OECD um 13 Plätze abgestiegen ist: Dramatisch ist ihre Lage nicht. Die Beschäftigung ist hierzulande hoch. Es ist ein grösserer Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung in den Arbeitsmarkt eingebunden als in fast allen anderen Ländern. Zudem gibt es in der Schweiz vergleichsweise wenige Schlechtverdiener.

Von den Erfolgen vieler OECD-Länder im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit profitiert letztlich auch die Schweiz. Je besser es diesen geht, desto profitabler ist die Schweizer Exportindustrie und desto geringer die Zuwanderung in den Schweizer Arbeitsmarkt. Wie robust dieser wirklich ist, wird sich erst in der nächsten Wirtschaftskrise zeigen. Die offizielle Arbeitslosenquote des Staatssekretariats für Wirtschaft wird wohl bald wieder steigen, wie der ­jüngste Frühindikator von George ­Sheldon nahelegt.



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Erstellt: 19.05.2019, 00:20 Uhr

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