Die sexuell unbefreite Frau

Ein Buch über weibliche Lust war in Amerika ein Superseller. Hier wird es vor allem kritisiert: Die Frauen seien darin zu unterwürfig.

Lisa Taddeos Schilderungen von Maggie, Lina und Sloane wurde im angelsächsischen Raum innert Kürze zum meistdiskutierten Sachbuch. Foto: M. Hoit

Lisa Taddeos Schilderungen von Maggie, Lina und Sloane wurde im angelsächsischen Raum innert Kürze zum meistdiskutierten Sachbuch. Foto: M. Hoit

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«Three Women» (deutsch: «Drei Frauen») ist der Marketing-Traum eines jeden Buchverlags: Es geht um Sex. Noch besser: um Frauen, die Sex haben. Und das Allerbeste: Es schreibt mit Lisa Taddeo eine Frau über die Frauen, die Sex haben. In Zeiten wie diesen wären männliche Autoren, die sich dem Horizontalen widmen, ein zu grosses Shitstorm-Risiko.

Und so schoss «Drei Frauen» letztes Jahr von null auf Platz 1 der Bestseller-Liste der «New York Times» und war das meistdiskutierte Sachbuch im angelsächsischen Raum. Es wurde in 26 Sprachen übersetzt, Netflix hat die Rechte daran gekauft. Seit Anfang Jahr liegt es auf Deutsch vor – zählt aber nicht zur Kategorie Sachbuch, sondern zu den Romanen. Das passt besser. Trotzdem zeigt sich die Literatur-Kritik beinahe durchwegs nur wenig begeistert. Es gab eigentlich nur eine wohlwollende Stimme: Autor ­Takis Würger, im «Spiegel». Die Kritikerinnen hingegen rümpften die Nase und waren genervt: Die Frauen seien viel zu wenig emanzipiert, monierten sie, die «Zeit» schrieb gar: «Aus feministischer Sicht ist es ein Scheissbuch.»

Ganze acht Jahre lang hatte Taddeo recherchiert. Unzählige Gespräche geführt. Sechsmal die Vereinigten Staaten durchquert. Eigens deswegen gezügelt, von New York nach Indiana.

Ein merkwürdiger Vorwurf. Wo doch Lisa Taddeo wiedergibt, was ihr die Protagonistinnen berichtet haben. Die heute 39-jährige Journalistin war ihr Vorhaben, dem weiblichen Begehren auf den Grund zu gehen, mit einer ans Obsessive grenzenden Akribie angegangen: Ganze acht Jahre lang hatte sie dafür recherchiert. Unzählige Gespräche geführt. Sechsmal die Vereinigten Staaten durchquert. Eigens deswegen gezügelt, von New York nach Indiana. Am Ende schrieb Taddeo die Geschichten von Maggie, Lina und Sloane auf. Bei den letzten beiden handelt es sich um Pseudonyme, Maggie heisst wirklich so. Sie brauchte den Schutz der Anonymität nicht – ihr Recht auf Privatheit war ihr genommen worden nach der Anzeige gegen ihren ehemaligen Lehrer.

Sie hatte als 17-Jährige mit ihm eine Affäre gehabt und ihn Jahre später deswegen verklagt. Trotz ziemlich eindeutiger Beweise wird sie als White-Trash-Girl unglaubwürdig gemacht und er – verheiratet, zwei Kinder, soeben zum Lehrer des Jahres in North Dakota gewählt – freigesprochen.

Sloanes Ehemann sucht ihre Sexpartner aus

Lina wird von ihrem Mann nicht auf den Mund geküsst, seit elf Jahren nicht. Wenn er Sex will, klopft er ihr auf den Unterarm und sagt: Na? Sie beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit einem alten Schulfreund; die verstohlenen, meist schweigenden Treffen im Auto dauern maximal 20 Minuten. Dafür riskiert Lina fast alles.

Sloane ist kultiviert, schön und bulimisch. Ihr Gatte sucht Männer aus, mit denen sie Sex hat, während er dabei zusieht. Sloane hat nichts dagegen. Ausser dann, wenn die Männer schlecht riechen.

Es geht in dem Buch oft um Sex. Und die jeweiligen Szenen werden ausführlich beschrieben. Das klingt dann mehr oder weniger so, wie man das halt so kennt. Wenn die Rezensentinnen Taddeo nicht gerade vorwarfen, ausschliesslich heterosexuelle, weisse Frauen zu porträtieren – ganz so, wie wenn es neuerdings auch für Romane eine Checkliste gäbe, auf der die korrekte Menge von Minderheiten fein säuberlich abgehakt werden muss – bemängelten sie das am meisten: wie sehr Lisa Taddeo die männliche Perspektive einnehme.

Es gehe im Buch ja nicht um weibliches Begehren, sondern «eher um die Unfähigkeit, insgesamt für sich einzustehen», sagt Lisa Taddeo.

Aber womöglich ist das nicht ihre Schuld. Womöglich verhält es sich gerade umgekehrt. Denn Taddeo gibt als Chronistin ja bloss wieder, was die Frauen ihr erzählt haben. Und dass bei diesen Erzählungen der männliche Blick dominiert, kommt nicht von ungefähr, sondern daher, dass die Frauen gelernt haben, die Welt und sich selbst so wahrzunehmen. Die Schilderungen von Maggie, Lina und Sloane sind daher nicht «zu wenig emanzipiert», sondern zeigen auf, dass Frauen 2020 auch im Westen weitaus weniger selbstbewusst sind, als man sich das wünschte. Dass sie unsicherer sind, gefallsüchtiger, verletzlicher und ja: versehrter, denn alle drei haben sexuelle Gewalt erfahren.

Und so klingt das Erlebte dann eben weniger nach Samantha aus «Sex and the City» und hat mit den «Girls Rule the World»-Slogans des Instagram-Feminismus schon gar nichts zu tun.

Dafür sehr viel mit dem, was die deutsche Psychologin Sandra Konrad in «Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will» beschreibt. Im Buch, das 2018 für Furore sorgte, erklärt die Psychologin mit eigener Praxis aufgrund ihrer Erfahrungen und zahlreicher Studien, dass die weibliche Sexualität nicht Schritt halte mit der Emanzipation. Dass im Schlafzimmer die Uralt-Rollenverteilung gelte. Dass die Frauen, allen voran die jungen, kaum je eigene Wünsche formulierten, sondern das täten, von dem sie dachten, es würde von ihnen erwartet. Dass sie ihre Bedürfnisse hintanstellten, sich den männlichen Blick zu eigen machten, gefallen wollten. Im Interview mit dieser Zeitung sagte Konrad damals: «Die sexuelle selbstbewusste Frau ist eine Fata Morgana.»

Sie erkannte in Maggie, Lina und Sloane viele der Frauen aus ihrer Praxis und ihren Interviews. Denn es gehe im Buch ja nicht um weibliches Begehren, sondern «eher um die Unfähigkeit, insgesamt für sich einzustehen». Sandra Konrad mochte das Buch sehr, ihr gefiel die Vielschichtigkeit der Porträts, wie fein die Widersprüchlichkeiten und Verletzungen der Protagonistinnen ausgeleuchtet wurden. Dennoch: «Man hätte sich als Gegenentwurf eine selbstbewusstere Frau darin gewünscht, eine, die weniger Spielball ihrer Umgebung oder der Gesellschaft ist.» Aber das Buch sei nun mal ein Spiegel der Gegenwart.

Dass «Drei Frauen» keine Emanzipationsschrift ist und kein Dokument weiblicher Selbstbefreiung, macht es nicht zu einem schlechten Buch. Im Gegenteil: Es sagt viel darüber aus, wie die Welt nun mal immer noch ist, abseits der gendertheoretischen Debatten in den Feuilletons. «Drei Frauen» ist ein Realitätscheck mit einem sehr unerfreulichen Resultat.

Lisa Taddeo: «Three Women – Drei Frauen». Piper, ca. 32 Fr.



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Erstellt: 08.02.2020, 16:40 Uhr

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