«Sogar Trump lässt die Hände von ihr»

Michelle Obama ist in den USA so unangefochten, dass sie ihre Verachtung für den US-Präsidenten offen zum Ausdruck bringen kann.

Schon am ersten Tag verkauften sich ihre Memoiren 725'000 Mal: Michelle Obama ist mit «Becoming» zu einer Tournee durch die USA und ins Ausland gestartet. Foto: Getty

Schon am ersten Tag verkauften sich ihre Memoiren 725'000 Mal: Michelle Obama ist mit «Becoming» zu einer Tournee durch die USA und ins Ausland gestartet. Foto: Getty

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Im Winter ist es in Chicago bitterkalt. Das hinderte Hunderte von Fans aber nicht daran, am Dienstag in einer langen Schlange vor dem Buchladen ­Seminary Co-op anzustehen. Sie warteten geduldig darauf, ein ­Exemplar von Michelle Obamas Memoirenband «Becoming» von der Autorin persönlich signieren zu lassen.

«Es ist Geschichte.» Das sagte die 39-jährige Kim Brooks, die mit ihrem neunjährigen Sohn in der Kälte ausharrte, der «Chicago Tribune». «Ich weiss nicht, ob er in seinem Leben je Gelegenheit haben wird, die erste schwarze First Lady zu treffen. Ich weiss nicht, ob es in seinem Leben je eine andere geben wird.»

Es war nur der Anfang einer riesig angelegten Buchtournee, die Michelle Obama durch Stadien in zehn US-Städten und ins Ausland führen wird. Von «Becoming» ­wurden am ersten Tag schon 725'000 Exemplare verkauft. Die Auflage für die USA und Kanada beträgt 2,6 Millionen, hinzu kommen Ausgaben in zwei Dutzend weiteren Sprachen.


Video: Michelle Obama rechnet mit Trump ab

Die ehemalige First Lady hat ein Buch geschrieben. Darin zieht sie über Donald Trump her – und offenbart intime Details aus ihrer Ehe mit Barack Obama.


In Amerika geniesst Michelle Obama Heldinnenstatus. Mehr noch als ihrem Gatten Barack, dem 44. US-Präsidenten, ist es der heute 54-Jährigen gelungen, in acht Jahren im Weissen Haus das Ansehen einer unbestrittenen Vorbildfigur zu erwerben. In «Be­coming», dessen Titel sich mit «Werden» übersetzen lässt, erzählt sie auf 426 Seiten, wie sie aufwuchs, sich ausbildete, Barack kennen lernte, eine Familie gründete und dann sicherstellte, dass ihre zwei Töchter Malia und Sasha den Wirbelsturm der amerikanischen Politik unbeschadet überstanden.

Im Twitter-Archiv Donald Trumps fehlt ihr Name

«Ihre Stimme hat Autorität in einer Zeit, da die Menschen nach Personen der Öffentlichkeit hungern, die eine starke moralische Haltung einnehmen», glaubt die US-­Historikerin Katherine Jellison. Der Website «The Hill» sagte die Expertin für First Ladys: «Sogar Donald Trump lässt die Hände von Michelle Obama.»

Tatsächlich kommt der Name Michelle Obama im Twitter-Archiv des aktuellen Präsidenten nicht vor. Die Zurückhaltung ist erstaunlich, denn in ihrem Memoirenband hält die Autorin mit ihrer Verachtung für den «Bully» Trump nicht zurück. Nie werde sie ihm verzeihen, schreibt sie, dass er «mit seiner lauten und rücksichtslosen Unterstellung», Barack Obama sei in Kenia geboren, «Verrückte aufhetzte» und «die Sicherheit meiner Familie gefährdete».

Darauf angesprochen, gab Trump diese Woche bloss indirekt zurück. Er werde Barack Obama nie verzeihen, was dieser Amerikas Militär angetan habe, sagte er. «Das machte dieses Land sehr unsicher.»

Für die Familie da: Michelle mit Barack Obama und den Töchtern Sasha und Malia (r.) 2009. Bild: Reuters

Im Zentrum ihrer Entwicklung, gesteht Michelle Obama, stehe das Ringen um Selbstvertrauen. Bis in ihre Vierziger habe sie sich beibringen müssen, «dass es auf die Leute, die mich niederzureissen versuchen, nicht ankommt – denn ich bin für mich allein gut genug».

Mittlerweile sei sie ihrer selbst sicher, sagt die frühere First Lady. Der britische «Guardian» lud für sein Wochenendmagazin Prominente und Schulkinder ein, Michelle Obama Fragen zu stellen. Aufschlussreich ist ihre Antwort auf die Frage nach ihren Rollenvorbildern. Bevor sie historische Pionierinnen erwähnt, nennt sie an erster Stelle ihre Mutter, dann ihre Grosstante und ihre Grossmutter. «Geschichtsbücher geben ­Anregungen», sagt sie, «doch wenn du dein Leben führen lernen willst, hast du hoffentlich jemanden in deiner Nähe, der ein gutes Vorbild sein kann.»

Ihr Fokus auf die Familie statt auf die Politik liefert eine Erklärung dafür, warum Michelle Obama in Amerika so bewundert wird. Im Vergleich zu ihr hat sich ihre Vorgängerin Hillary Clinton Feinde geschaffen, indem sie dem eigenen politischen Ehrgeiz folgte.

Engagiert für Minderheiten: Die Frist Lady 2011 bei einem Besuch in Soweto. Bid: Reuters

In «Becoming» sind die Kapitel über ihre Kindheit und Jugendjahre die besten. Michelle wuchs als zweites Kind einer Arbeiterfamilie in Chicagos South Side auf. Der Vater Fraser Robinson ging jeden Tag in einer blauen Uniform zur Arbeit ins städtische Wasserwerk, bis er erkrankte und mit 55 Jahren an multipler Sklerose starb. Mutter Marian war erst Hausfrau, arbeitete später aber als Chefsekretärin in einer Bank. Michelle musste in der kleinen Wohnung das Zimmer mit dem älteren Bruder Craig teilen.

An der Universität fühlte sie sich als Schwarze isoliert

Die bescheidenen Verhältnisse verbergen aber drei grosse Privilegien. Michelle kam aus einer soliden Familie mit Eltern, die sich liebten und ihre Kinder ins Zentrum ihres Lebens stellten. Das stabile Fundament wurde nie von einer Scheidung oder einem Wirtschaftskollaps erschüttert. Und Michelles Intelligenz erlaubte ihr, nach Höherem zu streben.

Ihr Arbeitsethos und der Ehrgeiz voranzukommen, führten Michelle nach Princeton. In der Elite­universität mit damals 90 Prozent weissen Studenten wurde ihr erst richtig bewusst, einer Minderheit anzugehören. Auf afroamerikanischen Studenten habe der Schatten der «Affirmative Action», der rassischen Bevorzugung gelastet, schreibt sie. Andere Studenten und sogar Professoren schauten einen an, «als wollten sie sagen: ‹Ich weiss, warum du hier bist›».

Arbeitsam und ehrgeizig: In Princeton studierte sie an der Eliteuniversität (1985). Bild: Polaris/Dukas

Das Gefühl der Isolierung verstärkte Michelles Selbstzweifel, hinderte sie aber nicht daran, sich an der Harvard-Universität zur Rechtsanwältin auszubilden. Danach wirkte sie drei Jahre lang in einer angesehenen Anwalts­kanzlei, bevor die Sinnfrage sie dazu bewog, ihrem Interesse an der Förderung von Minderheiten im öffentlichen Dienst und später an der Universität Chicago nachzugehen.

Dem Kurswechsel half auch Barack Obama nach. Michelle beschreibt offenherzig, wie sie den intellektuell faszinierenden, aber persönlich noch unreifen jungen Mann im Sommer 1991 erst als Mentorin förderte, bis sie ihm allmählich verfiel.

An der politischen Karriere Barack Obamas nimmt Michelle über die Jahre zwar zunehmend Anteil. Nirgendwo in ihrem Buch erwähnt sie jedoch, dass es zwischen den beiden politische Diskussionen gegeben habe. «Ein Fan der Politik bin ich nie gewesen», erklärt sie im Epilog, und frustriert alle, die sie gern einmal als Präsidentin sehen würden. «Ich habe nicht die Absicht, je für ein politisches Amt zu kandidieren.»

Erstellt: 18.11.2018, 16:12 Uhr

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