«Papa» ist der Ex-Ölminister – und das «6,1 kg Baby» ist angekommen

Neue Dokumente im grössten Korruptionsprozess Europas lesen sich wie ein Agententhriller. Ein Schweizer half, einen heiklen Milliardendeal einzufädeln.

Der Chef des Rohstoffriesen Eni sitzt mit Shell-Vertretern auf der Anklagebank: Eni-Konzerngebäude in Rom. Bild: Alessandro Bianchi/Reuters

Der Chef des Rohstoffriesen Eni sitzt mit Shell-Vertretern auf der Anklagebank: Eni-Konzerngebäude in Rom. Bild: Alessandro Bianchi/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man wähnt sich in einem B-Movie-Thriller, wenn man Aktenstücke im Korruptionsverfahren gegen den Rohstoffkonzern Shell und seinen italienischen Konkurrenten Eni liest.

Als wäre es eine Nebensache, kritzelte ein Vermittler in Genf die Pläne für ein Milliardengeschäft mit ein paar Handstrichen auf ein Notizpapier. Und am Mittag des 13. September 2011 schrieb er: «Mein liebster Papa, ich bin soeben über die Ankunft eines wunderschönen Babys von 6,1 Kilogramm informiert worden.»

Der Schweizer zeichnet E-Mails manchmal mit «ton seigneur», dein Herr, und erhält Antwort unterschrieben mit: «ton serviteur», dein Gehilfe. Wenn mit «Papa» der Ex-Ölminister von Nigeria gemeint ist, kann man vermuten, dass es in der E-Mail nicht um die Geburt eines rekordverdächtig schweren Säuglings ging. Vielmehr gibt es ein Dokument, in dem der ehemalige Minister dem Schweizer exakt die Summe von 6,1 Millionen Dollar zusichert; als Zahlung für Vermittlerdienste in einem 1,2-Milliarden-Deal der Rohstofffirmen Shell und Eni, in dem es um eine Öllizenz in Nigeria ging.

Das Geschäft hat seither Ermittler in vier Ländern – Italien, USA, Holland und Nigeria – auf den Plan gerufen. Sie glauben, Belege zu haben, dass Schmiergelder flossen. Vorgänge in der Schweiz spielen in der Affäre eine wichtige Rolle.

Versiegelung von Dokumenten teilweise aufgehoben

Am Freitag geht der Prozess nach einem Unterbruch weiter. Auf der Anklagebank sitzen Spitzenmanager der beiden Rohstoffkonzerne – für Eni gar der jetzige und der ehemalige CEO. Angeklagt sind auch der Ex-Minister Dan Etete alias «Papa» und mehrere Berater. Alle Angeklagten bestreiten die Vorwürfe. Die Konzerne betonten wiederholt, der Prozess werde die Unschuld ihrer Manager zeigen.

Das Korruptionsverfahren dreht sich um ein Ölfeld, das weltweit zu den wertvollsten gehört. Es trägt den sperrigen Namen OPL245. Diesen Schatz hatte Dan Etete 1998 in seiner Zeit als Öl­minister für wenig Geld einer Firma zugeschanzt, an der er selbst beteiligt war. Seither stand er unter Korruptionsverdacht. Zudem wurde er in einer anderen Angelegenheit 2007 in Frankreich wegen Geldwäscherei verurteilt.

Die italienischen Ermittler sehen folgendes Szenario: Shell und Eni wollten die Lizenz, doch direkte Geschäfte mit Etete waren zu riskant. Deshalb wählten sie 2011 einen anderen Weg. Sie zahlten für die Abbaurechte 1,2 Milliarden Franken auf ein Konto des nigerianischen Staates. Doch von dort gelangte das Geld auf zwei Bank­konten der Firma von Etete. Dieser fungierte dann als Mittelsmann und leitete Millionen an nigerianische Regierungsleute im Umfeld des damaligen Präsidenten Goodluck Jonathan weiter.

Ausriss vergrössern

Nur dank diesen Schmiergeldzahlungen sei das Lizenzgeschäft überhaupt zustande gekommen, so der Vorwurf. Zudem zahlten die Konzerne offenbar zu wenig. Es existieren E-Mails, in denen Shell-Manager den Wert von OPL245 auf zwei bis drei Milliarden Dollar schätzen. Das würde bedeuten, dass sie das Ölfeld in Nigeria, wo die Menschen in grösster Armut leben und es an Schulen sowie funktionierenden Spitälern mangelt, zum halben Preis bekamen. Für das italienische Verfahren sind in der Schweiz grosse Mengen Dokumente beschlagnahmt worden. Im April 2016 machten Genfer Polizisten bei einer Hausdurchsuchung in einer anderen Angelegenheit einen Zufallsfund: Sie entdeckten in einer Abstellkammer einen kleinen Koffer. Er enthielt neben SIM-Karten auch einen Laptop, eine Festplatte und zwei nigerianische Pässe auf den Namen eines Emeka Obi.

Als der Genfer Staatsanwalt Claudio Mascotto den Fund zwei Tage später nach Mailand meldete, weil er realisierte, dass dort gegen einen Emeka Obi im Korruptionsverfahren OPL245 ermittelt wurde, bedankte sich der Mailänder Kollege erfreut. Er sei überzeugt, schrieb er zurück, dass Obi den Koffer vor den italienischen Strafverfolgern in Genf versteckt habe und darin wichtige Informationen zum Korruptionsfall sein könnten. Er brauche den Koffer schnellstmöglich. Das war vor mehr als zwei Jahren – und erst jetzt sieht es so aus, dass er Zugriff auf das Material bekommen wird. Ein Genfer Gericht hat soeben entschieden, dass die Versiegelung der Dokumente, die Obis Anwalt verlangt hat, teilweise aufgehoben wird. Allein auf der Festplatte befinden sich 41'000 Dokumente, welche die Mailänder mit Ungeduld erwarten.

Schweizer brachte Eni-Kader und Ex-Ölminister zusammen

Weiteres Material liess die Bundesanwaltschaft in der Wohnung des Genfers mit der E-Mail über das Baby beschlagnahmen. Das Material soll belegen, dass es zwischen dem nigerianischen Ex-Ölminister Etete und den Rohstoffkonzernen direkte Kontakte gab und sie den Deal gemeinsam planten.

Am 26. Mai 2014 wurde der heute 76-jährige Schweizer von der Bundesanwaltschaft in Bern als Zeuge einvernommen. Sein Rechtsanwalt Marc Bonnant betont gegenüber dieser Zeitung, sein Klient habe mit den Behörden kooperiert und sei im Verfahren in Italien nicht angeklagt.

Der Mann hat wichtige Akteure zusammengebracht. Er berichtet in Bern, seine Freundschaft mit Etete reiche in die Zeit von 1995 zurück, als dieser Ölminister war. Er habe ihn beim Verkauf von OPL245 beraten.

Italienische NGO brachte Verfahren ins Rollen

Laut seinen Schilderungen traf er sich im Jahr 2009 in Genf mit einem Russen zum Essen, der vom Ölkonzern Shell um den Kontakt gebeten wurde. Er habe darauf für Exponenten des Geschäfts weitere Treffen in Paris und Wien arrangiert. Der Genfer erzählt von einer hochkarätigen Zusammenkunft im Hotel Four Seasons in Mailand am 4. Februar 2010, die er organisiert und bezahlt habe. Am Tisch sassen dort der Ex-Minister und Geldwäscher Dan Etete, der russische Berater von Shell, Emeka Obi (der Mann mit dem Koffer in Genf) und die «Nummer 2» von Eni, heutiger CEO. Alles Angeklagte im Prozess in Mailand.

Das Verfahren gegen die Konzerne ins Rollen gebracht hat in Italien die NGO Re:Common mit einer Anzeige 2013. Antonio Tricarico von Re:Common gefällt, dass Schweizer Strafverfolger eng mit italienischen Kollegen zusammenarbeiteten. «Doch es wird nun Zeit, dass die Schweiz eigene Ermittlungen in die Wege leitet, gegen Schweizer und Personen in der Schweiz, welche in der OPL245-Saga eine Schlüsselrolle spielten», sagt er.

In der Porta Vittoria 24, im Gerichtssaal in Mailand, wird am Freitag verhandelt, ob Nigeria als geschädigte Partei zugelassen wird. Die Konzerne wehren sich vehement dagegen. Denn Nigeria könnte Schadenersatz fordern, in Lagos ist von sechs Milliarden Franken die Rede.


recherchedesk@tamedia.ch

Erstellt: 15.07.2018, 09:37 Uhr

Artikel zum Thema

Mysteriöser Koffer in Genf, gesperrtes Geld eines Shell-Managers

Infografik Im grössten Korruptionsfall Europas sind Ölgiganten angeklagt. Die Schweiz blockiert hunderte Millionen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...