«Die Therapiegläubigkeit hat religiöse Ausmasse angenommen»

Peter Holenstein traf sich mit Serienmördern und Babyquälern. Woran ihn der Fall Rupperswil erinnert.

«Für die Betroffenen ist das schreckliche Ereignis jederzeit so präsent, als wäre es gestern passiert»: Peter Holenstein in Luino am Lago Maggiore. Foto: Claudio Bader

«Für die Betroffenen ist das schreckliche Ereignis jederzeit so präsent, als wäre es gestern passiert»: Peter Holenstein in Luino am Lago Maggiore. Foto: Claudio Bader

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ob Kindermörder Werner Ferrari, Babyquäler René O., der Mord am Zollikerberg oder der Fall Ylenia: Seit über 40 Jahren schreibt Peter Holenstein Bücher und Artikel über die schrecklichsten Fälle der Schweizer Kriminalgeschichte, er besuchte die Täter im Gefängnis und ist bis heute in Kontakt mit Angehörigen der Opfer. Auch den Mordfall Rupperswil beobachtete er intensiv.

Das Urteil ist gesprochen. Thomas N. erhielt lebens­länglich und wird ordentlich verwahrt. Richtig?
Ja. Im Rahmen der für das Gericht offenstehenden Strafmöglichkeiten bietet das Urteil die grösste Gewähr dafür, dass der Täter nie mehr die Freiheit erlangt.

Der Täter hat sich am Schluss des Prozesses für sein scheussliches Verbrechen entschuldigt. Was halten Sie davon?
Gar nichts. Ein wie in diesem Fall vom Täter flüchtig hingeworfenes Wort «Entschuldigung» ist noch lange kein Zeichen tätiger Reue und beabsichtigt vielmehr, beim Gericht mildernde Umstände zu erreichen. Abgesehen davon: Für eine solche Tat gibt es schlicht keine Entschuldigung, weil sie sich durch nichts entschuldigen lässt. Für Familienangehörige, Freunde und Bekannte der Opfer wirkt eine solche Entschuldigung vielmehr wie der blanke Hohn.


Video: Thomas N. verurteilt

Gerichtsreporter Thomas Hasler über das Urteil zum Rupperswil-Prozess


Sie haben Kontakt zu ver­schiedenen Angehörigen von Mordopfern. Kommen diese irgendwann mindestens einigermassen über das schreckliche Geschehen hinweg?
Nein, nie. Ein solcher Schicksalsschlag begleitet die betroffenen Eltern, Ehepartner und Geschwister ein Leben lang und bestimmt auch weitgehend deren zukünftiges Leben. Für Aussenstehende mag das mit der Zeit nicht mehr erkennbar sein, aber für die Betroffenen ist das schreckliche Ereignis jederzeit so präsent, als wäre es gestern passiert. Die Zeit mag Wunden heilen, aber diese hinterlassen unauslöschliche Narben, die stets sichtbar sind und oft auch wieder aufbrechen; beispielsweise dann, wenn wieder, wie in den Fällen Marie, Lucie, Adeline oder Rupperswil, ein grässlicher Mord geschieht.

Wie muss man sich das vorstellen?
Sie werden mit unzähligen Fragen konfrontiert, die sich nicht beantworten lassen, es können sich Schuldgefühle und Depressionen einstellen, oder man ergeht sich in zermürbenden gegenseitigen Vorwürfen. Nicht von ungefähr sind nach den 23 Kindermordfällen zwischen 1980 und 2007 die meisten Ehen der betroffenen Eltern zerbrochen. Es gibt Mütter und Väter, die bis heute an schweren Depressionen leiden, medikamentenabhängig sind oder Alkoholiker wurden. In einem Fall schieden die Eltern sogar durch Freitod aus dem Leben.

Die Täter erhalten vom Staat bezahlte Therapien. Können auch Familienangehörige der Opfer eine solche kostenlose Hilfe in Anspruch nehmen?
Wenn sie sich für eine Therapie entschliessen, was bei den wenigsten Betroffenen, die ich persönlich kenne, der Fall war, zahlt das, wenn überhaupt, die persönliche Krankenkasse. Bei jenen, die sich für eine Therapie entschieden, haben übrigens die meisten die Behandlung abgebrochen. Die seelischen Folgen des Verlusts eines geliebten Menschen durch einen Mord lassen sich eben auch therapeutisch nicht wegreden.

Die Pflichtverteidigerin von Thomas N. ist von den Medien für ihr Plädoyer, in dem sie den Opfern quasi eine Mitschuld an der Tat unterstellte, heftig kritisiert worden. Zu Recht?
Die Übernahme einer Pflichtverteidigung in einem Mordfall stellt für jeden Anwalt und jede Anwältin eine riesige Herausforderung dar. Dass bei Prozessen in den Plädoyers sowohl seitens der Staatsanwaltschaft wie der Verteidigung mitunter gewaltig übertrieben und Sachverhalte überzeichnet werden, gehört zur Strategie von Anklage und Verteidigung. Gewisse Ausführungen von Frau Senn waren sicher mehr als grenzwertig, aber ihr deshalb einen medialen Strick zu drehen, halte ich für ebenso daneben. Sie hat das aus ihrer Sicht Bestmögliche für den Angeklagten herauszuholen versucht und einfach ihren Job gemacht.

Sie haben eine langjährige Prozesserfahrung. Was hätten Sie der Verteidigerin für ihr Plädoyer geraten?
Sie wäre vielleicht gut beraten gewesen, sich im Vorfeld des Prozesses mit Plädoyers bekannter Pflicht-Strafverteidiger in Mordprozessen zu befassen. Beispielsweise mit jenem ihres Aargauer Kollegen Martin Ramisberger, das dieser am Prozess gegen den Kindermörder Ferrari hielt. Als Erstes hatte sich Ramisberger mit empathischen Worten an die Angehörigen der Opfer gewandt, ihnen sein aufrichtiges persönliches Beileid ausgesprochen und erklärt, was seine Aufgabe als Pflichtverteidiger des Angeklagten bedeutet.

Wie kann jemand wie Thomas N., der zwar pädophil war, aber noch nie auffällig geworden ist im Leben, plötzlich zum Mörder werden? Gibt es Parallelen zu anderen Fällen?
Für Pädophile, die Kinderpornografie konsumieren, hängt der sexuelle Kick immer höher. In diesem Zusammenhang kommt mir der Fall des sogenannten Babyquälers René O. in den Sinn, wenngleich ich vorausschicken muss, dass er seine Opfer nicht getötet hat. O. hat mir seine Tat einmal als das Ende einer fehlgeleiteten sexuellen Entwicklung beschrieben, die bereits in seiner Jugendzeit ihren Anfang nahm und schon bald vom Pornokonsum befeuert wurde.

Konkret?
Er lebte seine pädophile Veranlagung versteckt aus und führte ein Doppelleben. Der hochintelligente O. meinte, dass sich sein ganzes Leben immer zwischen den Bereichen Macht und Ohnmacht abgespielt habe und er immer dazu geneigt habe, das Extreme auszuloten. Doch irgendwann habe er auf der Suche nach seiner sexuellen Identität die falsche Abzweigung genommen, und von diesem Zeitpunkt an sei alles nur noch in seinem Unterbewusstsein abgelaufen. Er habe sein sexuelles Verhalten nicht mehr vernunftmässig beeinflussen können und schliesslich total die Kontrolle über sein Handeln verloren. Ich kann mir vorstellen, dass sich ein ähnliches Verhaltensmuster auch bei Thomas N. abgespielt hat.

«Wer derlei ­Unsinn erzählt, hat vom Alltag hinter Mauern nicht die geringste ­Ahnung.»

Wie wird das restliche Leben von Thomas N. im Strafvollzug aussehen?
Es gibt in unseren Justizvollzugsanstalten keinen «Kuschelvollzug». Wer derlei Unsinn erzählt, hat vom Alltag hinter Mauern nicht die geringste Ahnung und diskreditiert die tägliche Arbeit des Vollzugpersonals. Der heute 78-jährige Peter Z., der fast 30 Jahre seines Lebens im Strafvollzug verbrachte und nach dem Mordfall Zollikerberg der erste Verwahrte war, der freikam, schilderte mir einmal das Leben im Knast.

Was sagte er?
Ich zitiere: «Man hat das Gefühl, in einem Kühlschrank eingesperrt oder auf einer Deponie entsorgt worden zu sein. Dazu kommen der Entzug der Freiheit und der Verlust der zahllosen Selbstverständlichkeiten, an die man sich gewöhnt hat und die es nicht mehr gibt oder die man nicht mehr tun kann. Im Gefängnis lebt man in einer Zwangsgemeinschaft, der man nicht ausweichen kann, und man ist mit Leuten zusammen, die man eigentlich nicht sehen möchte. Das ganze Dasein, der ganze Tagesablauf wird von Vorschriften bestimmt. Die Ungewissheit der eigenen Zukunft, die totale Abhängigkeit von anderen und das Gefühl des Ausgeliefertseins, das alles deckt einen zu. Die Gefahr, nach ein paar Jahren durchzudrehen oder zu verblöden, ist enorm. Es fehlt im Strafvollzug an lebensnahen Therapien und praktischen Lebenssituationen, die mit jenen in der Freiheit vergleichbar sind. Nach meiner Haftentlassung wusste ich zwar, welche Formulare ich ausfüllen musste, damit ich neue Schuhbändel erhielt, aber dass es heute Tageskarten für die öffentlichen Verkehrsbetriebe gibt, hat mir niemand gesagt.»

Ueli Graf, ehemaliger Direktor der Justizvollzugsanstalt Pöschwies, schrieb einmal, dass der Strafvollzug krank mache . . .
Das trifft zweifelsfrei zu, und das ist auch der Grund, weshalb ich von ambulanten Therapien im Strafvollzug nicht viel halte. Jeder Mensch, dem die Freiheit entzogen wird, leidet früher oder später an psychischen Störungen. Nicht von ungefähr sind rund 70 Prozent aller Strafgefangenen auf Psychopharmaka oder Schlaftabletten angewiesen. Wie also sollen deliktorientierte und andere Psychotherapien erfolgreich sein, wenn schon das «Setting», nämlich das Dasein im Strafvollzug, krank macht? Ein Alkoholiker wird ja auch nicht im Wirtshaus bei einer Flasche Wein wegen seiner Suchtkrankheit therapiert.

Halten Sie Therapien unter diesen Umständen für sinnlos?
Aufgrund der Therapiebereitschaft eines Täters kann nicht automatisch auf eine Veränderung seiner Persönlichkeit geschlossen werden; Therapien sind kein Garant für eine positive Persönlichkeitsentwicklung. Zudem setzt eine erfolgversprechende Therapie voraus, dass zwischen dem Therapeuten und seinem Klienten ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann. Die dazu notwendige freie Arztwahl steht im Strafvollzug jedoch nicht zur Verfügung.

Welche Erfahrungen haben Sie bei Straftätern gemacht, die seit Jahren hinter Gittern sitzen und therapiert werden?
Mir ist kein einziger Straftäter, der therapiert wird, bekannt, der so dumm wäre, nicht zu wissen, dass ein erfolgreicher Therapiebericht entscheidend für seine bedingte Freilassung aus dem Strafvollzug oder der kleinen Verwahrung ist. Die Insassen wissen mit der Zeit genau, was die Therapeuten hören wollen und was nicht, passen sich entsprechend an und übernehmen das Psychovokabular der Therapeuten. Ich war schon bei Gruppentherapien dabei, bei denen es mir schwergefallen wäre, herauszufinden, wer nun in der Stuhlrunde der behandelnde Therapeut ist.

Was müsste geändert werden?
Es fehlt in der Schweiz an speziellen, ärztlich betreuten und hoch gesicherten Einrichtungen für psychisch kranke Täter. Die Justizvollzugsanstalten sind für sie der falsche Ort, und die Aufseher sind auch nicht für die professionelle Betreuung psychisch kranker Menschen ausgebildet. Die psychiatrischen Kliniken monieren zu Recht, dass sie psychisch kranke Straftäter aus Sicherheitsgründen nicht oder nur kurzfristig aufnehmen können, weshalb nicht selten besonders renitente Patienten zwischen Strafanstalten und Kliniken hin- und hergeschoben werden. Ein unhaltbarer Zustand, mit dem Resultat, dass unsere Justizvollzugsanstalten je länger, je mehr zu psychiatrischen Kliniken mutieren.

Spielen Schuld und Sühne bei Gerichten heute noch eine Rolle, oder haben mehrheitlich die Psychiater das Sagen?
Der Eindruck, dass Strafe, Schuld und Sühne heute nur noch nebensächlich sind, kann tatsächlich entstehen. Mit dazu bei trägt der Umstand, dass die Therapiegläubigkeit in der Justiz während der letzten Jahre ein geradezu religiöses Ausmass angenommen hat. Ob Betrüger, Diebe, Hochstapler, Heiratsschwindler, Schläger, Raser, Vergewaltiger, Mörder, Kinderschänder oder was auch immer: Die Therapie-Industrie gaukelt vor, für jedes Delikt und jeden Delinquenten die punktgenaue Therapie zu haben. Die Zahl der «Persönlichkeitsstörungen» geht bald ins Unendliche, und dies mit der Folge, dass Täter immer häufiger zu Therapien oder strafbegleitenden Therapien verurteilt werden.

Stellen Sie die forensische Psychiatrie grundsätzlich infrage?
Nein, sie ist wichtig und hat in den letzten zwanzig Jahren grosse Fortschritte gemacht. Aber sie ist auf bestem Weg, die gewonnene Seriosität dadurch zu verspielen, dass gewisse Psychiater keine Gelegenheit zur medialen Selbstinszenierung auslassen und bei spektakulären Kriminalfällen ihre hypothetischen Ferndiagnosen über mögliche Motive und Persönlichkeitsstörungen der Täter absondern. Und dies selbstverständlich ohne die Akten zu kennen, geschweige denn mit den mutmasslichen Tätern gesprochen zu haben. Man darf gar nicht daran denken, dass solche Kaffeesatzleser mitunter von einem Gericht auch als Gutachter beauftragt werden.

Das Grauen ist vorbei, der Täter verwahrt. Was bleibt vom Mordfall Rupperswil?
Ein unermessliches Leid bei den Angehörigen der Opfer. Und bei mir persönlich ein Unverständnis über die Therapiegläubigkeit bei Thomas N. Er wird in seiner Haft mit dem Ziel therapiert, eine Rückfallgefahr auszuschliessen. Das kann dann Sinn machen, wenn man der Meinung ist, dass er eines Tages seine Freiheit wiedererlangen soll. Unser Strafrecht ermöglicht ihm das unter gewissen Voraussetzungen sehr wohl. Dass ein Täter wie Thomas N. irgendwann einmal nicht mehr gefährlich oder rückfallgefährdet sein soll, wage ich allerdings ebenso zu bezweifeln, wie dass die psychiatrischen Gutachter in 20 Jahren derselben Meinung sind.

Aus Rücksichtnahme auf die Opfer und ihre Angehörigen in diesem Fall hat sich die Redaktion dazu entschlossen, unter diesem Artikel keine Kommentare zuzulassen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Erstellt: 17.03.2018, 21:11 Uhr

Auf den Spuren der Gewalt

Der Publizist und Buchautor Peter Holenstein, 71, befasst sich mit Themen der Strafjustiz, des Strafvollzugs und der Kriminalforensik. Sein besonderes Interesse gilt den Ursachen von Gewaltverbrechen, den Motiven der Täter sowie der Opferproblematik. Sein Buch «Der Unfassbare – Das mörderische Leben des Werner Ferrari» führte 2007 im Kindermordfall Ruth Steinmann zu einem Revisionsprozess am Bezirksgericht Baden AG, der mit einem Freispruch für Ferrari endete. Holenstein ist Mitglied der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie und der Kriminalistischen Gesellschaft. Er lebt mit seiner Frau in der Nähe von Luino (IT), wo sie seit 25 Jahren ein Heim für ausgesetzte Katzen betreuen.

Artikel zum Thema

Bleibt Pädophilie unentdeckt, steigt die Gefahr von Übergriffen

SonntagsZeitung Bereits als Teenager zeichnet sich die sexuelle Neigung ab. Auch bei Thomas N. war es so. Schulen und Vereine bestellten letztes Jahr über 40'000 Registerauszüge. Mehr...

Dieses widersprüchliche Urteil ist ein Fall fürs Bundesgericht

Analyse Verwahrung und Therapie? Der Widerspruch im Urteil für Thomas N., den Vierfachmörder von Rupperswil, bleibt auch bei näherer Betrachtung bestehen. Mehr...

«Ich fürchte, dass der Prozess unserem Rechtssystem schadet»

Experten-Chat Thomas Hasler beobachtet als Gerichtsreporter die Verhandlungen im Mordfall von Rupperswil. Hier beantwortet er Fragen der Leserschaft. Mehr...

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Sweet Home Einmal flachlegen, bitte

Mamablog «Spiel mir das Lied vom Trotz»

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...